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Kultur

Feinkost im Filmbetrieb

Die Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen werden 50. Totgeglaubt und doch nicht gestorben, zeigt sich das Genre lebendiger denn je. Bis zum 4. Mai ist aber auch Zeit für einen Rückblick.

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In der Kürze liegt die Würze

Wim Wenders hat hier seine erste Zigarette geraucht. Star-Wars Regisseur Georg Lucas hat hier seinen Uni-Abschlussfilm gezeigt. Und Roman Polanski? Der hat seine Karriere auch bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen begonnen. "Oberhausen war eine wichtige Station meiner Entwicklung zum Regisseur", sagt der Altmeister. Zum 50. Mal flimmern jetzt vom 29. April bis zum 4. Mai 2004 Filme aus aller Welt über die Leinwände der Stadt im Ruhrpott. Eröffnet wird das weltweit älteste und immer noch wichtigste Kurzfilm-Festival im Jubiläumsjahr von Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Flaschenbier und Frikadellen

Rund 5300 Filme sind seit Gründung der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen gezeigt worden. Die kurze, ökonomisch fast unabhängige Filmform eignete sich über Jahrzehnte zum politischen Manifest ebenso vorzüglich wie

Cover 50 Jahre Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Cover: kurz und klein. 50 Jahre International Kurzfilmtage Oberhausen

zum ästhetischen Experiment: Namen wie Agnes Varda, Rosa von Praunheim, Werner Herzog, Alain Resnais oder Romuald Karmakar tauchen bei der Retrospektive des diesjährigen Jubiläums-Festivals auf. Der Anfang 1954 war jedoch wenig experimentell: Damals ging es den Machern vor allem um Bildung. Die Idee zum Festival kam vom nordrhein-westfälischen Volkshochschulverband. Dort arbeitete Hilmar Hoffmann, der spätere Präsident des Goethe-Instituts, als Filmreferent. Er wurde der erste Festivalleiter und zeigte zunächst klassische Kulturfilme mit Bildungsanspruch.

Ende der 1950er-Jahre wandelte sich das Festival zu einer politischen Plattform. "Weg zum Nachbarn" war das Motto. Wobei mit Nachbarn vor allem die osteuropäischen Länder gemeint waren. Bei Flaschenbier und Frikadellen wurde das Gespräch mit Künstlern und Funktionären aus dem "Ostblock" gesucht und gefunden - ein Fauxpas, der dazu führte, dass Oberhausen das Image des "Roten Festivals" erhielt und sich die Bundesregierung weigerte, das Filmfest zu unterstützen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs machten zahlreiche Beiträge wie "Sovietskaja Elegija" von Alexander Sokurov (1989) mit dem Lebensgefühl im post-sozialistischen Osten vertraut.

Das Manifest des neuen Films

Doch der wohl radikalste Einschnitt kam bereits 1962: Das Oberhausener Manifest - "Der alte Film ist tot, wir glauben an den neuen!", unterzeichnet von zwei Dutzend Filmern wie Alexander Kluge, Peter Schamoni oder Edgar Reitz - war nicht nur Sturmlauf gegen das bundesdeutsche

50. Kurzfilmfestival Oberhausen

Die Zeit heilt alle Wunder/Wir sind Helden, Cornelia Cornelsen/Florian Giefer, BRD, 2004

Kommerzkino, sondern auch Initialzündung für den neuen deutschen Autorenfilm: Die Rebellion der Regisseure deutete zugleich auf kommende Umbrüche in der bundesdeutschen Gesellschaft hin. Vergangenheitsbewältigung statt Heimatfilme und Liebesschnulzen war gefordert. Die Ära des "Neuen Deutschen Films" begann – bis 1968 die Krise kam: Der von der Auswahlkommission angenommene Film "Besonders wertvoll" von Hellmuth Costard, in dem ein sprechender Penis das neue Filmförderungsgesetz attackierte, wurde wegen Pornografieverdachts aus dem Programm genommen. Fast alle deutschen Regisseure zogen daraufhin ihre Filme zurück.

Oberhausen auf Sinnsuche

Zu einem Experimentierfeld für ungewöhnliche Ausdrucksformen und radikale Ästhetik entwickelten sich die Kurzfilmtage vor allem in den 1970er-Jahren. Doch erst Mitte der 1980er-Jahre legten die Festivalmacher ihre Berührungsängste gegenüber dem Videofilm ad acta. In den 1990er-Jahren kamen dann Musikvideos, Popkultur und

Plakat zum 50. Kurzfilmfestival in Oberhausen

Plakat zum 50. Kurzfilmfestival in Oberhausen

Kurzfilm nach Oberhausen. Die Videokunst löste weitgehend den klassischen Experimentalfilm ab. Gute Kurzfilme tun das, was der Experimentierfilm schon immer konnte: Sie spiegeln den Zeitgeist wider, spielen mit den Möglichkeiten des Mediums, stellen Verbindungen her, formulieren ungewöhnliche Standpunkte und bieten intelligente Unterhaltung. Dafür steht Oberhausen bis heute.

Frischluft für den Kurzfilm

Dass der Kurzfilm, obwohl seit den 1970er-Jahren weitgehend aus den Kinos verschwunden und - neben internationalen Festivals - nur noch von wenigen engagierten Fernsehanstalten gepflegt, dennoch springlebendig ist, beweisen nüchterne Zahlen: 5250 eingereichte Arbeiten aus 87 Ländern haben sich in diesem Jahr als absoluter Rekord ins Rennen um die begehrten Preise der Kurzfilmtage begeben.

50. Internationales Kurzfilmfestival Oberhausen

Coup de boule, Romuald Karmakar, BRD/FRG 1987

95 Beiträge aus 55 Ländern sind letztlich im deutschen und internationalen Wettbewerb gelandet. Die Zulassung von mittlerweile zur eigenständigen Kunstform gewordenen Videos und Musik-Clips wie Chris Cunninghams Produktion mit Björk sichern die "Frischluft-Zufuhr" im Festival-Kino von Oberhausen. "Kurzfilmfestivals sind die Feinkostläden des Filmbetriebs", sagt der österreichische Filmemacher Peter Tscherkassky. In diesem Sinne: Guten Appetit. (mb/Bernd Sobolla)

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