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Asien

"Feiger Racheakt der Taliban"

Warum war das pakistanische Militär Ziel des jüngsten Taliban-Anschlags? Wie konnte ein stark gesicherter Militärkomplex so hart getroffen werden? Diese Fragen beschäftigen die Kommentatoren der deutschen Tageszeitungen.

Pakistanische Sicherheitskräfte stehen im Dunkeln vor dem Eingang der Marinebasis(Foto:AP)

Pakistanisches Militär und der Anschlag auf die Marinebasis - Top-Kommentarthema in deutschen Tageszeitungen

Die Neue Osnabrücker Zeitung verurteilt den Taliban-Anschlag auf eine Marinebasis in der pakistanischen Hafenstadt Karatschi als "feigen Akt", der die Entschlossenheit der Regierung zur Bekämpfung des Terrorismus nicht erschüttern dürfe. Der Kommentator meint:

Doch Pakistan viel Glück für den Kampf gegen die Taliban zu wünschen reicht nicht. Die Führung muss sich diese Frage gefallen lassen: Wie konnte ein scheinbar stark gesicherter Militärkomplex wie jener in Karatschi so hart getroffen werden? Drei Wochen, nachdem Al-Kaida-Chef Osama bin Laden nach jahrelangem Aufenthalt im Land erst von der US-Armee ausgeschaltet wurde! Es sind Zweifel angebracht, was die Ernsthaftigkeit Pakistans in Sachen Terrorismus-Bekämpfung angeht. Um sie zu zerstreuen, müssen Taliban und Al-Kaida gejagt und empfindliche Einrichtungen bestmöglich geschützt werden, idealerweise im Schulterschluss mit den USA. Der jüngste Anschlag als Vergeltung für Bin Ladens Tod zeigt noch mehr: Al-Kaida und Taliban können unabhängig, aber auch im Sinne der jeweils anderen Organisation zuschlagen. Was geschieht erst, sollte Talibanführer Mullah Omar gefasst werden? Dessen Tod wurde schon gemeldet, doch wahrscheinlich lebt er.

Nach dem Tod von Osama bin Laden war mit Racheakten seiner Anhänger gerechnet worden, meint die Rheinische Post aus Düsseldorf. Doch der Angriff der Taliban auf die Marine-Basis in Karachi habe eine neue Qualität, schreibt der Kommentator:

Das war ein sorgfältig geplantes Kommando-Unternehmen, das sich gegen eine Hochsicherheitseinrichtung der pakistanischen Streitkräfte richtete und nicht gegen irgendein Polizeirevier in der Provinz. Offenbar haben die Kämpfe über Stunden gedauert. Für die pakistanische Armee ist dieser Handstreich der Taliban eine erneute Demütigung - und für den Rest der Welt eine Warnung. Es ist kein Zufall, dass der Rachefeldzug der Bin-Laden-Jünger sich gegen Pakistan richtet, wo sie offenbar über ausreichend Unterstützer verfügen. Selbst die Armee soll teilweise von ihnen unterwandert sein. Dass das Militär jetzt trotzdem zum Ziel wurde, hat mit seiner Rolle als letzter Stabilitätsanker in dem politisch labilen Atomwaffenstaat zu tun. Die Armee zu diskreditieren, ein Machtvakuum zu schaffen, dahinter steckt politisches Kalkül.

Die Landeszeitung aus Lüneburg sorgt sich um die instabile Gesamtlage Pakistans:

Ausgerechnet das Land, in dem US-Präsident Obama der Schlag gegen den Terrorpaten Bin Laden gelungen ist, droht zur größten Herausforderung des Westens zu werden: Die Atommacht Pakistan ist so instabil wie noch nie. Längst ist nicht Afghanistan, sondern Pakistan das Hauptrückzugsgebiet der Terroristen. Die Taliban drohen mit Krieg gegen eine Regierung und einen Militär- und Sicherheitsapparat, der am Tropf der USA hängt. Gegen eine Regierung, die in weiten Teilen der Region verhasst ist, der die eigene Bevölkerung scheinbar schon weniger vertraut als den USA. Alarmierend ist, dass es Islamisten offenbar gelungen ist, Teile des Militärs zu unterwandern. Anders lässt sich kaum erklären, wie die Taliban den jüngsten Terroranschlag durchziehen konnten.

Terrorchef Bin Laden wurde und werde zur Durchführung von Anschlägen nicht gebraucht, schreibt die in Potsdam erscheinende Märkische Allgemeine Zeitung. Die Terroristen haben andere Helfer – in Pakistans Establishment:

Und offenbar arbeiten sie sehr effizient. Die Ereignisse der zurückliegenden Wochen lassen kaum einen anderen Schluss zu: Die Extremisten haben Gesinnungsgenossen und Zuträger in den Reihen des Gegners, in den Behörden, im Geheimdienst und im Militärapparat Pakistans. Schon lange gilt das Land als Rückzugsgebiet für Al-Kaida-Kämpfer und Taliban. Immer hat sich das offizielle Pakistan gegen diesen Ruf gewehrt. Doch der Umstand, dass Bin Laden jahrelang unbehelligt im Lande leben konnte und eine Handvoll Taliban fähig ist, einen stark befestigten Militärstützpunkt zu stürmen, gibt den Anklägern in bitterer Weise Recht.

Die in Regensburg erscheinende Mittelbayerische Zeitung sieht noch lange weiteren Handlungsbedarf des Westens in der "hochexplosiven Region":

Brennende Tanklast-Konvois der Nato, blutige Anschläge auf Polizeistationen, die Ermordung gemäßigter Politiker und jetzt der Angriff auf einen Marinestützpunkt zeigen, wie ernst es die Taliban mit ihrer Kriegserklärung gegen das Land mit seinem riesigen Atomwaffenarsenal meinen. Schon vor der Tötung Bin Ladens verlagerte sich der Terror zunehmend nach Pakistan mit seiner korrupten Regierung, wo islamistische Amerika-Hasser und eine unberechenbare Armee eine schreckliche Allianz eingehen. Das erklärt auch Obamas Strategiewechsel weg von großen Militäroperationen in Afghanistan hin zu gezielten Enthauptungsschlägen mittels Drohnenangriffen auf Taliban-Führer in Pakistan. Doch letztlich sind das nur Stiche in das riesige Terrornest, die das eigentliche Problem nicht an der Wurzel packen. Deshalb wird Amerika in der hochexplosiven Region noch lange Feuerwehr spielen müssen.

Mit der Terrororganisation Al-Kaida beschäftigt sich das in Bielefeld erscheinende Westfalen-Blatt:

Anschläge von der Art des 11. September 2001 sind uns gottlob erspart geblieben. Wir dürfen ganz vorsichtig hoffen, dass es dabei bleibt. Denn die in Abbottabad entdeckten Dateien deuten darauf hin, dass der getötete Terrorfürst bis zuletzt die Fäden sponn. Seine Planungen waren aber nicht sonderlich weit gediehen. Mehr als Überlegungen, in den USA Züge von Brücken stürzen zu lassen - eine gängige Einlage in alten US-Western - sind bislang nicht bekannt geworden. In Pakistan tragen die Anschläge jedoch stark zur Destabilisierung bei. Nach der für Islamabad blamablen US-Kommandoaktion steht das eigene Militär jedes Mal aufs Neue noch mehr beschädigt da.

Autorin: Ana Lehmann
Redaktion: Hao Gui