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Deutschland

Feierabend braucht Funkstille

Durch SMS, E-Mail und Anrufe sind wir alle ständig erreichbar. Das führt dazu, dass Arbeitnehmer sich immer weniger von ihrem Job abgrenzen können. Mehr psychische Erkrankungen sind die Folge.

Symbolbild computerarbeit, Laptop, tippende Hände

E-Mails checken von früh bis spät

Die Standby-Schaltung ist nicht nur bei Elektrogeräten Energieverschwendung. Auch bei Menschen ist es kraftraubend, wenn sie allzeit bereit sind, um zum Beispiel Handy-Anrufe und Mails zu beantworten. Doch für viele Arbeitnehmer ist das Alltag. Eine Umfrage des Hightech-Verbandes Bitkom ergab, dass 88 Prozent der Berufstätigen außerhalb ihrer regulären Arbeitszeit für Kunden, Kollegen oder Vorgesetzte zu erreichen sind. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert deshalb von der Bundesregierung klare Regeln zur Erreichbarkeit von Arbeitnehmern. DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach machte es gleich noch etwas konkreter und sagte, das Arbeitschutzgesetz müsse durch eine Anti-Stress-Verordnung ergänzt werden.

Recht auf ein abgeschaltetes Handy

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen Foto:dapd

Auch Bundesarbeitsministerin von der Leyen fordert stärkere Trennung von Arbeit und Freizeit

Auch Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen forderte vor kurzem eine deutliche Trennung von Arbeit und Freizeit: "Es muss ganz klare Regeln innerhalb eines Betriebes geben was Handykultur und Mailverkehr angeht. Diese Regeln müssen vom Arbeitgeber gesetzt werden, aber auch von den Beschäftigten gelebt werden". So wie es Arbeitsschutzmaßnahmen wie Bauhelme gebe, müsse es auch psychischen Arbeitsschutz geben. In der Freizeit solle Funkstille herrschen, sagte von der Leyen.

Schon lange bringen Mediziner und Psychologen den enormen Anstieg psychischer Erkrankungen mit dem Stress in Verbindung, der durch die ständige Erreichbarkeit entsteht. In den vergangenen zehn Jahren sei die Zahl dieser Erkrankungen um fast 100 Prozent gestiegen, sagte Arbeitspsychologien Sabine Korek von der Universität Leipzig im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Weniger Erholung, mehr familiäre Konflikte

Sabine Korek Foto: privat

Arbeitspsychologin Sabine Korek

Die permanente Erreichbarkeit führe dazu, dass man ständig Ressourcen für die Arbeit verbraucht, die anderswo dann fehlen: "Das ist wie bei einem Akku, der immer Strom geben muss. Die Zeiten, in denen er aufgeladen werden kann, werden immer kürzer, weil man sich auch am Feierabend, am Wochenende, im Urlaub mit arbeitsbezogenen Dingen beschäftigen muss." Die Konsequenz sei weniger Zeit für Privates und die Familie. Denn die Arbeitnehmer seien zwar physisch anwesend, blieben aber innerlich an die Arbeit gebunden. Die Wirkung sei klar und schädlich: "Die Erholungsphasen werden weniger, die familiären Konflikte werden mehr." Die Leipziger Arbeitspsychologin sieht mehrere Faktoren, die für den derzeitigen Zustand verantwortlich sind. Insgesamt habe der psychische Druck auf die Arbeitnehmer durch die ständig wachsende Arbeitsverdichtung zugenommen. Es sei oft mehr Arbeit da, als man in der offiziellen Arbeitszeit schaffen könne. "So wird die Arbeit dann in die Freizeit verlagert.", meint Sabine Korek.

Wir brauchen eine andere Arbeitskultur

Ein Blackberry Foto: dpa

Bei VW herrscht nach Arbeitsschluss Blackberry-Verbot

Die Tatsache, dass die Arbeitszeit immer mehr in die Freizeit hineingreift, sieht die Psychologin als strukturelles Problem: "Ich denke, in Deutschland herrscht ein Bild, dass man nur dann ein guter Mitarbeiter oder ein toller Chef ist, wenn man ganz viel und lange arbeitet. Und diese Kultur der langen Arbeitsstunden müsste man verändern, um die Menschen dazu zu bekommen, sich nicht mehr am Feierabend oder Wochenende mit der Arbeit zu beschäftigen." In Skandinavien beispielsweise würden ganz andere Arbeitssitten herrschen. Wer dort als Arbeitnehmer länger als die normale Arbeitszeit im Büro verbringt, würde vom Chef allenfalls gefragt, ob er die Arbeit in der Zeit nicht schaffe. Länger bleiben oder Arbeit mitnehmen sei dort nichts Ehrenhaftes.

Handy-Sperre

Das hohe Ziel, die Arbeitskultur zu verändern, lässt sich ganz praktisch erreichen, meint Sabine Korek: "Da ist eine gesetzliche Regelung notwendig. Zum Beispiel kann man ja überlegen, einfach die Netzzugänge von abends zehn bis morgens um sechs zu sperren, um eine Pause zu verordnen." Womit natürlich nur jene Zugänge gemeint sind die Arbeitnehmer und Arbeitgeber verbinden. Wie oft sich die Menschen in ihrer Freizeit im Internet tummeln, bei Online-Händlern shoppen oder soziale Netzwerke frequentieren, bleibt deren Sache.

Weil das Problem nicht neu ist, haben erste Unternehmen bereits reagiert. So hat beispielsweise der Betriebsrat von Volkswagen für die VW-Beschäftigten Ende 2011 eine "Blackberry-Pause" nach Feierabend durchgesetzt. Das Energie-Unternehmen Eon untersagt, nach 20 Uhr Dienstmails zu senden oder zu bearbeiten und die Telekom fordert ihre Mitarbeiter explizit dazu auf, in der Freizeit und im Urlaub berufliche Telefonate und dienstliches Mailen zu unterlassen. Damit daraus eine bundesweite Gewohnheit wird, wünscht sich Sabine Korek, dass die Politiker das Thema noch einmal deutlicher aufgreifen als nur mit einem einsamen heroischen Appell der Bundesarbeitsministerin.

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