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Politik & Gesellschaft

Fehlende kulturelle Vielfalt in Kitas

Nur wenige Erzieher in deutschen Kindergärten haben ausländische Wurzeln. Dabei gäbe es gute Gründe das zu ändern. Eine Stiftung hat nun erstmals Stipendien für angehende Erzieher mit Migrationshintergrund vergeben.

Erzieherinnen einer Kita in Wörlitz machen mit den Kleinen einen Ausflug in den Park (Foto: dpa)

"Wir leben in einer Gesellschaft, die aus den unterschiedlichsten Kulturen besteht. Und es macht Sinn, in Kindertagesstätten relativ früh zu lernen, dass Menschen unterschiedlich sind", sagt Harald Giesecke. Er ist bei der Dienstleistungsgewerkschaft verdi für die Beschäftigten in Kindertageseinrichtungen zuständig und kennt den Alltag in deutschen Kitas. Allerdings sieht die Wirklichkeit dort so aus: Im Durchschnitt haben 25 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund, das heißt sie selbst oder ein Elternteil wurden nicht in Deutschland geboren. Unter den Erzieherinnen und Erziehern trifft das hingegen laut Experten nur auf vier bis maximal acht Prozent von ihnen zu. Erhebungen gibt es dazu nicht.

"Ich kann sagen: Ich weiß, wie du dich gerade fühlst"

In einem Frankfurter Kindergarten spielt eine Erzieherin mit einem Mädchen mit afrikanischer Herkunft (Foto: dpa)

In Kindertagesstätten gehen Kinder mit unterschiedlicher Herkunft

"Mehr Erzieher mit nicht-deutschen Wurzeln würden auf jeden Fall helfen, weil die Kinder multikulturell sind," sagt die angehende Erzieherin Elena Schnarr. "Es wäre schön, Vielfalt zu haben." Die 24-Jährige ist in Kasachstan geboren und als Kind nach Deutschland gekommen. Sie erhält seit Anfang September eines von zehn Ausbildungsstipendien für Erzieher mit Migrationshintergrund. Die Hertie-Stiftung in Frankfurt am Main hat dieses Programm 2011 erstmal ausgeschrieben. Auch Alexandra Pielka macht eine Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin und ist Stipendiatin: "Wenn man selbst einen Migrationshintergrund hat und die Situation kennt, irgendwo neu zu sein, verbindet das. Man kann für Kinder zur Bezugsperson werden, wenn man sagen kann: 'Ich weiß, wie du dich gerade fühlst'", sagt die 32-Jährige, die aus Polen stammt.

Hürden auf dem Weg zum Erzieher

Giesecke von der verdi-Bundesverwaltung weiß mehrere Gründe für den Mangel an nicht-deutschen Erziehern. "In Familien mit Migrationshintergrund ist die gewandelte Bedeutung von Kindertagesstätten als Bildungseinrichtung oft nicht so im Bewusstsein wie in anderen Familien."

Ein weiterer Punkt sind die Zugangsvoraussetzungen für die Ausbildung, die sich in letzter Zeit deutlich gewandelt haben. War es früher möglich, mit einem Hauptschulabschluss die Ausbildung zum Kinderpfleger zu machen, braucht man heute mindestens den höheren Abschluss der so genannten mittleren Reife. In der Regel ist in den meisten Bundesländern sogar der höchste Schulabschluss nötig, das Abitur. "Weil Migrantinnen und Migranten seltener als andere Jugendliche einen Abiturabschluss machen, haben sie oft keinen Zugang zu dem Beruf", weiß Giesecke.

Pädagogische Berufe sind selten Wunschberufe

Migranten mit Abitur haben laut Astrid Cho jedoch oft andere Berufe im Fokus: "Sie wollen Jura oder Wirtschaft studieren, Ärzte werden." Pädagogische Berufe, dazu gehören neben Erziehern auch Lehrer, seien zwar angesehen, wären aber nicht unbedingt das eigene Ziel, weiß die Referentin der Hertie-Stiftung, die auch Stipendien für angehende Lehrkräfte mit Migrationshintergrund vergibt.

Die Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher dauert je nach Bundesland vier bis fünf Jahre. Die Fachschulen sind kostenlos, aber die Schüler müssen ihren Lebensunterhalt während der Ausbildung selbst finanzieren. Viele können eine staatliche Ausbildungsbeihilfe, das so genannte BaFöG, beantragen.

Sehr gutes Deutsch erforderlich

In einer Kita in Berlin sitzt eine Erzieherin mit Kopftuch zusammen mit Kindern an einem Tisch (Foto: dpa)

In Kitas immer noch die Ausnahme: Erzieherin mit muslimischen Wurzeln

Ein Problem, das sich laut Giesecke von verdi in Bewerbungsgesprächen zeigt, ist das Thema Sprache. Das Deutsch von Erziehern mit Migrationshintergrund sei immer wieder nicht gut genug. Da Sprache aber einer der Schlüssel in der frühkindlichen Entwicklung sei, sei sie auch bei Fachkräften eine elementare Fähigkeit, weiß der verdi-Mann. "Wir brauchen Menschen mit Migrationshintergrund, die ihre Muttersprache kennen, aber die deutsche Sprache auch sehr gut sprechen können."

Wenn jemand seine Ausbildung außerhalb Deutschlands und sogar außerhalb Europas gemacht hat, kann das ein weiteres Problem darstellen. "Die Anerkennung von ausländischen Abschlüssen ist eine mögliche Hürde beim Einstieg in den Erzieherberuf, besonders für Quereinsteiger", weiß Cho, die bei der Hertie-Stiftung für Stipendienprogramme zuständig ist. Sie wünscht sich Anlaufstellen, bei denen Migranten konkret klären können, welche Abschlüsse anerkannt werden und was sie dafür tun müssen.

Erzieherberuf schmackhaft machen

Um mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund für den Erzieherberuf zu interessieren, sollte man ihn "attraktiver und schmackhafter machen", meint die angehende Erzieherin Pielka. "Man müsste aber auch aufklären, dass es ein wichtiger Beruf ist", sagt sie. Experte Giesecke meint: "Man muss den Beruf aufwerten - sowohl in Fragen der Bezahlung als auch der Arbeitsbedingungen." Und die Bedeutung von Kindertageseinrichtungen als Bildungsstätten müsse noch stärker herausgestellt werden. Es würde laut Giesecke Anreize schaffen, wenn klar sei: "Hier arbeitet qualifiziertes Personal, und wer in Kitas geht, hat eine bedeutungsvolle und wichtige Aufgabe."

Mehr Männer in die Kitas - und mehr Migranten

Jugendliche Migranten müssten gezielt angesprochen werden, sich für diesen Beruf zu interessieren, meint Kita-Kenner Giesecke. Verdi hat zusammen mit anderen Gewerkschaften Broschüren dafür entwickelt, die Schulen zur Verfügung gestellt werden sollen. In Praktika könnten sich die Schüler dann selbst ein Bild machen.

Doch Giesecke wünscht sich mehr: "Die Bundesregierung hat ein zentrales Programm aufgelegt für mehr Männer in Kitas, denn auch männliche Erzieher gibt es viel zu wenige." Das Programm wirke sich schon aus: "Wir merken, dass Jungs sich zunehmend für Praktika in Kitas interessieren und der Anteil männlicher Erzieher gestiegen ist. Ein entsprechendes Programm müsste eigentlich auch für Menschen mit Migrationshintergrund aufgelegt werden."

Autorin: Klaudia Prevezanos
Redaktion: Arne Lichtenberg

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