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Fußball

FC St. Pauli: 100 Jahre ohne goldene Pokale

Es ist das vielleicht schönste Fußballmärchen des Jahres: Pünktlich zu seinem 100. Geburtstag steigt der FC St. Pauli zum fünften Mal in die 1. Bundesliga auf. Zum Jubiläum befindet sich der Club in einem großen Wandel.

Fans schwenken St. Pauli-Fahne. Foto: picture-alliance/dpa

Am 15. Mai 1910 gegründet

Einen Rathausbalkon werden sie wohl nie brauchen - wenn beim FC St. Pauli etwas gefeiert wird, dann auf dem Kiez: der Reeperbahn, dem Herz des Stadtteils mit seinem Rotlichtviertel. Anfang Mai drängten sich rund 80.000 Menschen dort, um mit dem Verein den Aufstieg in die Eliteklasse des deutschen Fußballs zu bejubeln. Und das war erst der Auftakt zu einem Sommer voller Feierlichkeiten. Schließlich hat der Club genau am 15. Mai 2010 Geburtstag und wird 100 Jahre alt. Besser hätte man den Sprung in die erste Bundesliga nicht timen können.

Passanten unter den Leuchtreklamen einschlägiger Etablissements an der Reeperbahn in Hamburg. Foto: dpa

Auf der Reeperbahn nachts um halb eins ...

Der FC St. Pauli ist mit Abstand Deutschlands erfolgreichster Stadtteilclub - schon allein das macht ihn zu etwas Besonderem. Denn nicht nur der Club, auch der Ort sei schon immer etwas anders gewesen, erzählt der Buchautor und Historiker Christoph Nagel: "St. Pauli war eben die Vorstadt vor den Toren der Stadt Hamburg. Das war aus Sicht der Stadt Hamburg auch oft ein gefährlich freier Ort."

Ein Ort, wo die Stadt sogar selbst Häuser niederbrennt, um sich im 17. Jahrhundert gegen die Angriffe Dänemarks zu wehren. Später, im 19. Jahrhundert, kommen immer mehr Seefahrer nach Hamburg und in St. Pauli siedeln sich Bordelle und Kneipen an. Die Geschichte des Stadtteils nimmt seinen Lauf.

"Wunderelf" kommt bis ins Halbfinale

Die Vorläufer des FC St. Pauli gründen sich ab 1860, der 15. Mai 1910 wird später von der Fußballabteilung des St. Pauli Turnvereins als offizielles Gründungsdatum festgelegt.Ab nun wird am Ligabetrieb teilgenommen - und das bis heute mit eher mäßigem Erfolg. 1948 scheitert die damalige "Wunderelf" nur knapp im Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft. Näher an den Titel kommt keine Mannschaft in Braun-Weiß. In Norddeutschland ist sie zwar eine feste Größe, doch bundesweit bleibt der Verein eine eher kleine Nummer.

St. Pauli-Spieler bejubeln Tor, im Hintergrund Totenkopf auf Eckfahne. Foto: picture-alliance/dpa

Der Totenkopf ziert auch die Eckfahne im Stadion am Millerntor

Ab den 70er Jahren wird es dann richtig turbulent. Es kommt 1977 zum ersten Aufstieg in die Bundesliga, es gelingt ein 2:0-Derbysieg gegen den HSV - der einzige bislang - und es folgt der Lizenzentzug. St. Pauli wird zum Chaosclub. In den 80er Jahren erlebt der Verein seine zweite Geburt. Auf der Stehplatz-Gegengerade findet sich eine linksalternative Szene ein. Der Totenkopf hält als Symbol Einzug ins Stadion. Hendrik Lüttmer, damals Fan, später Fanbeauftragter, heute beim Merchandising tätig, erzählt: "Der damalige Hafenstraßenbewohner 'Doc Mabuse' soll die Fahne mit ins Stadion genommen haben. Und das zu einer Zeit, als die Hafenstraßenbewohner diesen berühmt berüchtigten schwarzen Block im Stadion gegründet haben."

Freibeuter und Weltpokalsiegerbesieger

FC-St.-Pauli-Präsident Corny Littmann, am heimischen Stadion am Millerntor Foto: dpa

Clubpräsident Corny Littmann

Es erwächst eine kritische Fanszene: politisch, antirassistisch, gegen die totale Kommerzialisierung, stimmungsvoll und bunt. Die Medien feiern den "etwas anderen Verein" mit dem maroden Stadion, den heruntergekommenen Umkleidekabinen und den ach so verrückten Fans. Der Club bekommt sein Image als "Freibeuter der Liga". Doch das Chaos geht weiter. Aufstiege folgen auf Abstiege. Immer wieder versprechen Präsidenten einen Stadionausbau, doch nichts passiert. Jenseits des Rasens wird kaum etwas für die Infrastruktur getan. Die Geschäftsstelle residiert in Baucontainern.

Dem kurzzeitigen Höhepunkt als "Weltpokalsiegerbesieger" 2002 nach einem 2:1 gegen den FC Bayern München folgt ein tiefer Absturz. Die Retter-Kampagne sichert dem Club auch mit Hilfe der ungeliebten Bayern die Existenz, doch vier Jahre muss St. Pauli in der Dritten Liga, damals noch Regionalliga, kicken, bis der Club 2007 wieder aufsteigt. Unter Präsident Corny Littmann, Sportchef Helmut Schulte und Trainer Holger Stanislawski beginnt der Verein, sein Gesicht zu verändern.

Stadionneubau schreitet voran

Heute ist der FC St. Pauli im großen Wandel. Das Stadion wird umgebaut, zu Beginn der kommenden Saison soll nach der Süd- auch die Haupttribüne mit Business-Seats und VIP-Logen, die hier Separeés genannt werden, stehen. Der Verein ist schuldenfrei und wächst auf allen Ebenen. Auch ein modernes Trainingsgelände wird errichtet. Wer das Andere beim Club entdecken will, muss genauer hinschauen, aber es ist noch da.

Ein Hund mit einem St. Pauli-Trikot am Hamburger Flughafen. Foto: AP

"Tierisch" gute Fans

Leute, die früher Teil der kritischen Fanszene waren, haben inzwischen Funktionen beim Club und immer noch ein offenes Ohr in die Anhängerschaft: Sven Brux als Sicherheitschef zum Beispiel, oder Hendrik Lüttmer. Vergangenen Sommer gab es zum ersten Mal einen "St. Pauli Kongress", bei dem Vertreter des Clubs, der Fanszene, der DFL und der Fernsehsender offen über Fußball und Kommerzialisierung diskutierten. Inzwischen gibt es beim FC St. Pauli Leitlinien, in denen es unter anderem heißt: "Der FC St. Pauli setzt sich bei den jeweiligen Verbänden für eine frühzeitige Spieltagsterminierung und fanfreundliche Anstoßzeiten ein."

Immer noch anders

Literaturnobelpreistraeger Günter Grass bei einer Stadion-Lesung am Millerntor. Foto: AP

Literaturnobelpreisträger Günter Grass bei einer Stadion-Lesung am Millerntor

Andere Punkte betont Präsident Littmann: "Beispielsweise gibt es eine werbefreie Zeit vor Spielbeginn, damit die Fans Zeit zum Singen haben. Außerdem verzichten wir darauf, Eckbälle oder Ähnliches von Unternehmen präsentieren zu lassen. Das wird so bleiben." Auch der FC St. Pauli komme um bestimmte Modernisierungen nicht herum, wenn er im Profifußball auch in Zukunft bestehen wolle, sagt Sportchef Schulte. "Einige Dinge sind bei uns aber nicht verhandelbar, der Stadionname zum Beispiel. Es geht darum, den Verein zu modernisieren, ohne die Seele zu verkaufen." Zudem garantiert der Verein den Auswärtsfans weitgehende Rechte, so lange sie diese nicht negativ ausnutzen. Toleranz und das faire Miteinander sollen am Millerntor stets hoch gehalten werden.

Der FC St. Pauli versucht als zukünftiger Bundesligist einen Spagat: Besonders bleiben, trotzdem wachsen und sportlich voran kommen. So ist es auch beim Stadionneubau. In den kommenden Jahren wird auch die traditionsreiche Gegengerade abgerissen. Der Verein hat jedoch garantiert: Dort werden mindestens genauso viele neue Stehplätze gebaut. Kein anderer Verein macht so etwas bei seinen Stadionneubauten. Spieler Timo Schultz findet es gut: "Das ist ein wichtiges Zeichen vom Verein. Aber man muss sehen, wie sich alles entwickelt. Es ist nicht einfach - ich bin auch gespannt, was die Zukunft bringt.

Doc Mabuse geht inzwischen zu Altona 93

Fans auf dem Stadionzaun mit Piraten- und Clubfahne. Foto: dpa

Schräger Club, schrille Fans

Zunächst aber wird der 100. Geburtstag gefeiert. Auch da betont der Club, auf was es ihm ankommt. Als Jubiläumsgegner hat man sich neben Celtic Glasgow den FC United of Manchester eingeladen. Der Club ist als Abspaltung kritischer Fans von Manchester United entstanden, die gegen die Übernahme von ManU durch den Investor Malcolm Glazer protestiert hatten.

Auf der Tribüne wird dann auch wieder St. Pauli-Fan Dirk Jora sitzen, der Sänger der Punkband Slime, die in den 80er Jahren Songs wie "Deutschland muss sterben, damit wir leben können" komponierten. Der inzwischen 50-jährige ist seinem Verein treu geblieben, saß zuletzt aber auf der Haupttribüne. Beim großen Jubiläumskonzert Ende Mai wird er mit Slime am Millerntor wieder die alten Punksongs spielen. Ein anderer ist schon längst gegangen: Doc Mabuse, der dem Verein den Totenkopf brachte, steht seit vielen Jahren nur noch auf den Rängen bei Altona 93. Am Millerntor ist es ihm zu kommerziell geworden.

Autor: Felix Hoffmann
Redaktion: Stefan Nestler

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