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Politik

Faustdicker "Liberaler"

Er lässt keine Gelegenheit aus, politische Gegener mit Fluchtiraden einzudecken. Wenn Rhetorik nicht reicht, landet die Faust im Gesicht des Gegenübers. Wo Wladimir Schirinowski auftritt, ist der Skandal nicht weit.

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Fernsehmoderatoren fürchten ihn, denn sobald ihm das Wort erteilt wird, gibt er es nicht mehr ab. Seit mehr als zehn Jahren geistert der pseudoliberale Krawallpolitiker Wladimir Schirinowski als "enfant terrible" durch die russische Politik, unermüdlich im Kampf um die Lufthoheit über den russichen Stammtischen. Ende der 1980er-Jahre wurden Schirinowski und seine nationalistische "Liberal-Demokratische Partei" (LDPR) vom Geheimdienst KGB als politische Kraft installiert. Als die Sowjetunion bereits taumelte, sollte Schirinowski als "agent provokateur" das demokratische Lager schwächen und die Protestwähler binden.

Polygamie als Politziel

Bei den ersten Parlamentswahlen im post-kommunistischen Russland 1993 errang die Schirinowski-Partei überraschende 23 Prozent. Für eine kurze Periode fürchtete der Westen Schirinowski als künftigen Herrscher im Kreml. Mal drohte Schirinowski mit Atomkrieg, mal schlug er vor, die Grenzen in Europa neu zu ziehen, vor allem zu Lasten kleinerer Staaten. Berühmt wurde er mit seinem laut gedachten Gedanken, wonach sich einst russiche Soldaten "im Indischen Ozean ihre Stiefel waschen" werden.

In der Innenpolitik sah Schirinowski das russische Heil in der Einführung der Polygamie, um den Bevölkerungsrückgang zu stoppen. Doch je bizarrer seine Äußerungen, desto weniger schienen ihn auch die Russen ernst zu nehmen. Bei den beiden folgenden Duma-Wahlen 1995 und 1999 halbierte die national-chauvinistische Partei stets ihr Stimmenergebnis. 1999 schaffte Schirinowskis Partei gerade noch eben den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde.

Ein Fall für den Staatsanwalt Die Karriere des Polit-Clowns schien sich dem Ende zu zuneigen. Doch nun meldete sich Schirinowskis Partei überraschend mit knapp zwölf Prozent als drittgrößte Partei in der Duma zurück. In der Provinz ist der Demagoge mit den markigen Sprüchen durchaus beliebt. Mit seiner öffentlich geäußerten Vorliebe für ein autoritäres System zieht er vor allem die Protestwähler an. Den Strategen im Kreml kam die Partei nun ganz recht, um dem eigentlichen Gegner, den Kommunisten, erfolgreich Stimmen abzujagen. Dass die Partei eigentlich ein Fall für den Staatsanwalt wäre - schließlich steht Schirinowski im Verruf, die Listenplätze seiner Partei meistbietend zu verkaufen - scheint weder den Kreml noch die Protestwähler zu stören, denn die erwarten von der politischen Klassen ohnehin nichts anderes.

Inhaltlich liegen Schirinowski und Präsident Wladimir Putin im Grunde nicht weit voneinander entfernt. Beide propagieren "Ordnung", Kampf gegen die Korruption und den starken Staat. Im Gegensatz zum Präsidenten, der seine
Worte meist staatsmännsich zu wählen weiß, bevorzugt Schirinowski eher eine deftige Tonart. Doch hinter der Fassade und entgegen aller starken Sprüche hat sich Schirinowski stets als Verbündeter und Marionette des Kremls erwiesen. Bei den Abstimmungen in der Duma konnten sich Putin und die Kreml-Partei "Geeintes Russland" auf Schirinowski und seine Genossen verlassen. Dies soll auch so bleiben: Nach seinem jüngsten Wahlerfolg erklärte Schirinowski die Kreml-Partei zum wichtigsten Partner in der neugewählten Duma.