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Deutschland

Fatwa gegen Exil-Iraner

Shahin Najafi lebt in Angst, an einem geheimen Ort, unter Polizeischutz. Der Grund: Iranische Geistliche werfen dem Musiker Blasphemie vor. Und darauf steht nach islamischen Gesetzen die Todesstrafe.

Der iranische Musiker Shahin Najafi (Foto: Sharyar Ahadi)

Shahin Najafi iranischer Musiker

Irgendwie haben die Ereignisse Shahin Najafi überrollt. Bis vor wenigen Wochen war der 32-Jährige einer von vielen Exil-Iranern in Deutschland. Ein Musiker und Künstler, bekannt vor allem in seiner alten Heimat Iran wegen seiner gesellschaftskritischen Texte.

Najafis Alptraum begann Anfang Mai. Da veröffentlichte er seinen Song "Ay Naghi" im Internet. Ein gerappter und gesungener Aufruf an Ali al-Hadi al-Naghi, den zehnten der zwölf schiitischen Imame. Naghi lebte im 9. Jahrhundert. Er wird von den Schiiten als direkter Nachfahre des Propheten Mohammed verehrt.

Kritik an Missständen im Iran

"In diesem Song", erklärt der Musiker Najafi, "habe ich die iranische Gesellschaft kritisch unter die Lupe genommen." Es ist eine drastische, mit einem zischenden Beatbox-Rhytmus unterlegte Tour de Force durch die Missstände im Iran: Korruption, Prostitution, religiöse Doppelmoral, Diskriminierung von Homosexuellen. Missstände, die - so der Musiker ironisch - nur der Imam Naghi beseitigen könne. Und genau darum bittet ihn Najafi in seinem Song. "In keiner einzigen Silbe habe ich dabei die Religion beleidigt", sagt der Rapper, "ich habe nichts gegen den Glauben." Die Geschichte mit Naghi sei nur ein Vorwand gewesen, um den Finger in die Wunden der iranischen Gesellschaft zu legen.

Shahin Najafi bei einem Auftritt (Foto: Sharyar Ahadi)

"Ich muss spielen". Shahin Najafi bei einem Auftritt

Eines ist klar: Das Lied ist provokant. Im Netz hat Najafi sein Stück mit einer Karikatur verbunden. Dort thront auf einer Moscheekuppel in Form einer weiblichen Brust eine Regenbogenflagge, unter anderem Symbol der Homosexuellenbewegung. Trotzdem, sagt Najafi, wurde er von der heftigen Reaktion der iranischen Geistlichkeit überrascht.

Provokation mit Folgen

Jetzt muss der Musiker mit Todesdrohungen leben. Der iranische Großajatollah Nasser Makarem Schirasi erklärte in einer Fatwa, einem Glaubensgutachten: "Jegliche Beleidigung heiliger (schiitischer) Imame durch einen Muslim wird als Blasphemie ausgelegt." Und auf Blasphemie steht nach islamischen Gesetzen, die im Iran als Basis der meisten juristischen Urteile gelten, die Todesstrafe. Zwar wird Najafi in der Fatwa nicht namentlich genannt. Die Umschreibung "flüchtiger, im Ausland lebender Sänger", passt aber auf Najafi.

Zuvor war bereits eine ähnliche Fatwa eines anderen Geistlichen, des Großajatollahs Lotofollah Safi Golpaygani, bekannt geworden. Darin erklärt der Ajatollah, welche Schuld jemand auf sich lädt, der den Imam beleidigt oder verspottet. "Falls es eine Beleidigung oder irgendeine Schamlosigkeit gegen den Imam Naghi gegeben haben sollte, dann ist dies Blasphemie - und Gott weiß, was zu tun ist." Die iranische Presse wertete diesen Satz als Todesurteil. Allerdings ist inzwischen klar, dass diese Fatwa schon vor Veröffentlichung des Songs bekannt war. Es ging also nicht speziell um Najafis Fall.

Kopfgeld ausgesetzt

Großajatollahs fällen zwar keine Todesurteile im juristischen Sinne, ihre Dekrete gelten aber für ihre Anhänger de facto als solche. Die beiden Ajatollahs gelten im Iran als Leitfiguren, deren Antworten von den Anhängern befolgt werden müssen.

Anfangs, erzählt Najafi, habe er die Situation noch unterschätzt: "Ich konnte es nicht glauben. Erst als ich sah, dass im Internet 100.000 Dollar auf meinen Kopf ausgesetzt worden sind, verstand ich wirklich: Das ist jetzt Ernst." Die Gefahr sei, so Najafi, dass sich irgendwer berufen fühle dieses Urteil auszuführen. Inzwischen lebt er an einem geheimen Ort unter dem Schutz der deutschen Polizei.

Abgetaucht

Der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie (Foto: dpa)

Der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie

Najafis Fall erinnert an Salman Rushdie. Der Schriftsteller war 1989 wegen seines Buches "Die Satanischen Verse" mit einer Todesfatwa belegt worden. Rushdie musste jahrelang unter Polizeischutz leben. Allerdings stammte die Fatwa von Ajatollah Khomeini, dem damals wichtigsten Ajatollah und religiösen Führer des Iran und hatte dadurch wesentlich größere Bedeutung.

Najafi selbst sieht "wenig Paralelen" zwischen ihm und Salman Rushdie. "Der größte Unterschied für mich ist: Rushdie konnte noch Bücher schreiben, nachdem er untergetaucht war. Ich dagegen kann mich nicht dauerhaft verstecken. Ich bin Musiker. Ich muss auftreten."

Im Moment, sagt der Iraner, wisse er nicht wie es weitergeht: "Meine Gegner wollen, dass ich meinen Mund halte, dass ich nicht mehr singe. Aber das kann ich nicht. Ich muss weitermachen."