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Afghanistan 2014

Fatamas Sicht - ein DW-Blog

Jeden Tag schreibt die 18-jährige afghanische Studentin Fatama Amiri (Name geändert) auf, was sie bewegt: wie sie die Zeit vor und nach der Präsidentschaftswahl erlebt und was sie in ihrem Leben noch beschäftigt.

27.04. 2014 – Armut

Ich sehe keinen Grund dafür, warum die afghanische Bevölkerung künftig unter der Armutsgrenze leben sollte. Meiner Meinung nach sind die unsichere Lage und die Propaganda der Taliban die Hauptgründe dafür, dass es den Menschen in Afghanistan nicht gut geht. Viele reiche Geschäftsleute geben ihre Unternehmen hier im Land auf, weil sie hier einfach zu viele Zukunftssorgen haben. Wir brauchen einen starken Präsidenten, der für die Sicherheit im Land garantieren und einen weiteren „Brain Drain“ verhindern kann.

Die Wahlen in Afghanistan sind zu einem politischen Spiel geworden. Den Preis dafür zahlt die Bevölkerung. Ich glaube, wenn es nur einen größeren Anschlag gibt, werden zigtausende Menschen der Stichwahl fernbleiben, aus Angst, mit ihrer Stimmabgabe ihr Leben zu riskieren. Die Armut im Land, die Bedrohung durch die Taliban und die Tatsache, dass wir noch keinen neuen Führer haben, all diese Faktoren beeinträchtigen das Leben der Menschen sehr.

26.04.2014 – Verspätetes Wahlergebnis

Heute habe ich mit Freunden über die Wahlen und die vermutlich anstehende Stichwahl zwischen zwei Kandidaten gesprochen. Ich glaube, wenn das amtliche Endergebnis sich verzögert, können die Taliban das Machtvakuum ausnutzen. Der friedlich verlaufene erste Wahlgang hat die Professionalität der afghanischen Sicherheitskräfte deutlich belegt – auch wenn er in erster Linie als Erfolg der Regierung dargestellt wurde. Meiner Meinung nach werden die Taliban keine Möglichkeit auslassen, die Wahlen zu attackieren und Warnungen auszusprechen an alle, die ihre Stimme abgeben wollen: Jeder, der sich in die Nähe eines Wahllokals begibt, bringt sein Leben in Gefahr.

Jeden Tag hören wir von Taliban-Drohungen und fürchten uns vor einem Anschlag in Masar-i Scharif. Ich fürchte, dass viele Menschen aus Angst nicht zur zweiten Wahlrunde gehen werden. Auch viele gut ausgebildete junge Menschen werden sich nicht beteiligen, und das ist ein schlechtes Zeichen.

Beim ersten Wahlgang haben die Taliban es nicht geschafft, die Wahlen zum Scheitern zu bringen. Ich habe Angst, dass sie nächstes Mal versuchen werden, Wahllokale anzugreifen. Die Wahl war ein Zeichen für die Einigkeit des afghanischen Volkes und ein Erfolg für die Sicherheitskräfte, die es geschafft haben, die Taliban in Schach zu halten. Sicherheit steht bei der Wahl an oberster Stelle – und wenn die Taliban Wahllokale angreifen, wird es unmöglich für die Armee sein, dafür zu garantieren.

Die afghanische Bevölkerung wünscht sich Frieden und keine Machtübernahme durch die Taliban. Die Menschen wollen ein demokratisches Land, in dem niemand diskriminiert wird. Ich hoffe, dass es dem Kandidaten, der am Ende gewinnt, gelingt, Afghanistan genau das zu bringen.

23.04.2014 - Strahlende Zukunft?

Meine ganze Familie ist davon überzeugt, dass die Taliban wieder an die Macht kommen, sobald die US-Truppen unser Land verlassen haben. Ich allerdings bin mir da nicht so sicher. Ich denke, wenn der künftige Präsident klug handelt, wird es ihm gelingen, eine Lösung für das Problem zu finden. Ich persönlich glaube nicht, dass wir amerikanische Soldaten brauchen, um unser Land zu beschützen, es ist nicht ihre Aufgabe, uns Frieden zu bringen. Das müssen wir selbst tun.

Es macht mich traurig, wenn ich höre, dass viele Menschen in der westlichen Welt mein Heimatland nur mit Taliban, mit Gewalt, Krieg und Terrorismus verbinden. Und es macht mich traurig, dass wir Afghanen als aggressiv gelten – dabei wünscht sich hier jedes Kind nichts mehr als Frieden und Stabilität.

Insgesamt denke ich, dass die Chancen für eine Machtübernahme der Taliban gering sind. Deshalb blicke ich optimistisch in die Zukunft. Vielleicht werde ich eines Tages glücklich und mit einem Gefühl der Sicherheit in meinem schönen Land auf. Noch allerdings liegt dieser Tag in weiter Ferne.

22.04.2014 - Mädchenfußball

Gestern Abend gab es im Fernsehen einen Bericht darüber, dass es in Masar-i-Scharif ein Fußballstadion gibt, wo Mädchen Fußball spielen können. In meiner Kindheit gab es so etwas noch nicht. Heutzutage haben afghanische Mädchen mehr Unterstützung und werden nicht mehr so sehr diskriminiert.

Zu Zeiten der Taliban-Herrschaft durften Frauen das Haus nicht ohne Begleitung verlassen und waren wertlos. Sie sollten nur Kinder bekommen, ihre Männer sexuell bedienen und sich um die Hausarbeit kümmern. Die Taliban haben Frauen schlechter behandelt als Tiere.

Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei, und ich sehe viele positive Veränderungen. Ich denke, Sport wird auch in der Zukunft eine wichtige Rolle für Afghanistan spielen und die Menschen zusammenbringen. Und ich träume davon, dass eines Tages afghanische Mädchen und Frauen bei internationalen Sportereignissen siegen werden und die afghanische Flagge vor den Augen der Welt gehisst wird.

20.04.2014 - In kleinen Schritten vorwärts

Mit jedem Tag der vergeht werde ich etwas optimistischer und sehe eine gute Zukunft für Afghanistan. Heute habe ich gehört, dass es so schnell wie möglich überall kabelloses Internet geben soll. Ich kann mich noch daran erinnern, wie schwierig es vor ein paar Jahren war, einfach nur Bilder oder Musik über das Internet zu verschicken. Man musste in ein Internetcafe gehen, um eine Mail zu schicken oder mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben.

Kabelloses Internet überall wäre großartig, weil man dann in Kontakt bleiben könnte, ohne das Haus verlassen oder stundenlang reisen zu müssen. Es wäre bestimmt auch gut für die wirtschaftliche Entwicklung Afghanistans. So könnten die Firmen ihre Produkte auf der ganzen Welt anbieten und bewerben.

19.04.2014 - Sieg über die Taliban

Letzte Nacht habe ich auf Facebook einige Bilder der Taliban gesehen. Das erinnerte mich an ihre unnachgiebige Härte und daran, dass sie Frauen und Mädchen verboten, zur Schule zu gehen. Dennoch habe ich nie aufgehört, zu lernen. Mit meiner Tante bin ich damals in geheime Kurse in Privathäusern geschlichen. Wenn wir erwischt worden wären, hätten uns die Taliban geschlagen, ausgepeitscht oder vielleicht sogar ermordet. Meine Tante trug ihre Bücher und ihren Laptop immer unter der Burka. Wenn wir gefragt wurde, sagten wir immer, wir wollten mit anderen Frauen lernen, Frauenkleider zu nähen.

Zum Glück können afghanische Mädchen heute lernen und kein Taliban kann ihnen Angst einjagen. Ich glaube, dass Bildung die beste Waffe ist, um unsere Gegner zu überwinden, das Land zu retten und eine strahlende Zukunft für Afghanistan zu schaffen. Ich wünsche mir ein vereinigtes Afghanistan, damit wir einen endgültigen Sieg über unsere Gegner erringen. Ich möchte am liebsten in die ganze Welt schreien, dass Afghanistan jetzt und für immer stark ist!

18.04.2014 - Zwangsheirat

In der Zeitung habe ich gelesen, dass ein sechsjähriges Mädchen einen alten Mann heiraten musste. Sie war gezwungen, es zu tun, weil ihr Vater beim Glücksspiel verloren hatte und seinen Einsatz nicht zahlen konnte. Mädchen wie dieses haben einfach keine Wahl, ihre Meinung frei zu äußern, sie dürfen nicht nein sagen. Und vor ihnen liegt ein schreckliches und isoliertes Leben. Sie müssen ihren Männern dienen, werden oft missbraucht und haben keine Chance, zur Schule zu gehen.

Leider herrscht in den ländlichen Gegenden Afghanistans die Überzeugung, dass es eine Schande ist, wenn ein Mädchen mit 16 Jahren noch nicht verheiratet ist. Ich denke, Zwangshochzeiten haben gravierende psychische und physische Auswirkungen auf minderjährige Mädchen. Sie werden dadurch sämtlicher Chancen beraubt und haben keine Rechte mehr.

Um Kinder künftig besser davor zu beschützen, wäre es meiner Meinung nach wichtig, dass die Lokalregierungen Eltern und Kinder über die negativen Auswirkungen von Zwangsheirat aufklären würden – damit mehr Menschen sich dagegen entscheiden, ihre Töchter viel zu früh zu verheiraten.