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Afrika

Fatale Angst vor der Polio-Impfung

Die unheilbare Viruserkrankung Polio, die Kinderlähmung, sollte längst ausgerottet sein. In einigen Ländern wie Nigeria erkranken jährlich aber immer noch hunderte Kinder. Viele haben Angst vor einer Impfung. Zu Recht?

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In Nigeria erkranken noch immer viele Menschen an Kinderlähmung

Umgeben vom tosenden Verkehr der nordnigerianischen Metropole Kano pinselt ein Mann weiße Farbe auf den Rahmen eines Rollstuhls und singt ein uraltes Lied. Erst auf den zweiten Blick erkennt der Besucher, dass die Beine des selbstbewusst wirkenden Mannes völlig verkrümmt sind.

Rollstuhl (Foto: Thomas Kruchem)

Polioopfer in Rollstühlen gehören zum Straßenbild der nordnigerianischen Metropole Kano.

"Mit zwei Jahren", berichtet der 50jährige Mohammed Tikomuda, "bekam ich Polio; und weil danach meine Beine gelähmt waren, verbrachte ich meine gesamte Kindheit im Haus. Ich konnte nicht zur Schule gehen oder Fußball spielen; ich konnte weder Soldat noch Polizist werden und hatte auch keine Freunde; allen war ich nur eine Last."

Verdammt zum Betteln

Mohammed Tikomuda ist einer von vielen. Tausende Polioopfer kriechen die Straßen Kanos entlang, versuchen durch Betteln und kleine Dienste zu überleben. Tikomuda will helfen, das zu ändern. Er hat Schweißen und Schreinern gelernt und baut seit einigen Jahren mit Schicksalsgenossen Rollstühle, die sie an lokale Organisationen verkaufen – an "Rotary Clubs" zum Beispiel, deren Mitglieder an vorderster Front die Krankheit bekämpfen. Vor allem durch den Einsatz von Schluckimpfungen versuchen sie, die Krankheit möglichst bald auch in Nigeria auszurotten. Etliche Eltern weigern sich aber, ihre Kinder gegen Polio impfen zu lassen.

Kinder bei der Schluckimpfung (Foto: Thomas Kruchem)

Schluckimpfung gegen die heimtückische Krankheit

Östrogen im Impfstoff

Die verbreitete Skepsis gegenüber der Impfung beruht auf Gerüchten, die sich seit 2002 verbreitet haben: Der islamfeindliche Westen wolle mit dem Impfstoff Nordnigerias Kinder unfruchtbar machen oder sogar mit HIV infizieren, hieß es. Zahllose besorgte Eltern wandten sich an Najibe Husseini Adamu, der als Emir von Kazauri einer der höchsten Würdenträger Nordnigerias ist.

Tatsächlich, berichtet der Emir, fanden Experten Spuren von Östrogen im Impfstoff; sie hätten dies jedoch zunächst verharmlost. "So aber kann man mit diesem Problem nicht umgehen. Das Östrogen muss aus dem Impfstoff entfernt werden, weil es dort nicht hinein gehört."

Nigerianische Würdenträger helfen bei der Impfung (Foto: Thomas Kruchem)

Nigerianische Würdenträger helfen bei der Impfung

Unter dem Druck einer aufgebrachten Öffentlichkeit setzte der Gouverneur des Bundesstaates Kano die Impfungen für ein Jahr aus, mit der Folge, dass die Zahl der Neuerkrankungen dramatisch anstieg. Inzwischen wird östrogenfreies Impfserum verwandt; die Ängste der lokalen Bevölkerung wurden mit viel Mühe weitgehend ausgeräumt. Dafür aber gibt es jetzt ein neues Problem.

Polio aus Impfserum

Aus dem Impfstoff aus abgeschwächten lebenden Viren haben sich in Ausscheidungen geimpfter Kinder neue Polioviren entwickelt. An diesen sind 2008 und 2009 weit über hundert Kinder erkrankt. Ein Problem, das in Deutschland schon vor vielen Jahren auftrat, weshalb hierzulande die Schluckimpfung mit Lebendserum nicht mehr angewandt wird. Stattdessen wird ein Serum aus toten Viren injiziert, das aber teuer ist; es kostet drei Dollar pro Impfung.

"Ist für Nigerias Kinder die weniger sichere Schluckimpfung mit lebenden Viren gerade gut genug?", fragt empört Emir Adamu und beklagt, dass auch dieses Problem von ausländischen Experten verharmlost werde. "Meine Berater haben mir drei Frauen gebracht, deren Kinder Polio hatten. 'Sind eure Kinder geimpft worden?', habe ich sie gefragt. 'Ja', haben die Frauen geantwortet, mehrmals sogar.‘"

Die internationale Impfkampagne steckt in der Bredouille: Will man fortan mit injiziertem Impfstoff aus toten Viren arbeiten, muss man in den bis heute von Polio betroffenen Ländern Nigeria, Indien, Pakistan und Afghanistan eine völlig neue Infrastruktur aufbauen und Millionen Eltern neu überzeugen. Das ist in diesen Ländern logistisch, psychologisch, gesundheitspolitisch und finanziell unmöglich, meinen fast alle Experten und hoffen, wie die Weltgesundheitsorganisation, dass die Schluckimpfung mit Lebendviren schließlich auch die neu entstandenen Polioviren besiegen wird.

Autor: Thomas Kruchem

Redaktion: Christine Harjes