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Musik

Faszination westliche Musik

Der Orchestercampus des Internationalen Beethovenfestes lädt jedes Jahr ein Hochschulorchester ein. Gemeinsam mit dem Dirigenten Peter Gülke erarbeiten junge Musiker aus anderen Kulturkreisen ein Konzertprogramm.

Der Dirigent Peter Gülke (Foto: DW)

Der Dirigent Peter Gülke

Peter Gülke leitet seit 2002 den Orchestercampus, den das Beethovenfest gemeinsam mit der Deutschen Welle veranstaltet.

DW-WORLD.DE: Was reizt Sie an der Arbeit mit internationalen Jugendorchestern?

„Es ist immer interessant, Erfahrungen mit Menschen zu machen, die zum ersten Mal mit einer Musik beschäftigt sind, die einem selbst sehr vertraut ist. Und diese Erfahrung hat natürlich eine ganz andere Dimension, wenn es wie diesmal junge Menschen sind, die aus einem weit entfernten Land mit einer ganz anderen Tradition und einem ganz anderen historischen Hintergrund kommen. Ich fühle mich da gar nicht als Belehrender und einer, der Bescheid weiß und versucht weiterzugeben, was ihm wichtig ist. Das tue ich auch, aber ich bin gleichzeitig einer, der versucht, Ohren zu haben für neue Zugänge, die völlig spontan von jungen Menschen gesucht werden, die eben nicht in unserer Tradition aufgewachsen sind.“

Welche Erfahrung haben die Studenten bisher mit westlicher klassischer Musik?

„Im ostasiatischen Bereich beobachten wir seit Jahrzehnten großes Interesse an westlicher Musik. Bedenken Sie, wie viele hervorragende chinesische und japanische Solisten und Dirigenten es gibt. Das ist ganz enorm. Es ist immer wieder eine Frage, die wir Europäer uns stellen müssen: warum übernehmen sie so emphatisch unsere Musik und wir übernehmen nicht ihre. Da gibt es viele Erklärungen, die bis in Fragen der Tonsysteme hineingehen. So wie das Faktum nun einmal ist, müssen wir uns dem stellen, und wir müssen uns auch fragen, welche Bereicherungen daraus entstehen und natürlich auch welche Konkurrenzen, das ist schon sehr deutlich.“

Orchester der National Academy of Music Hanoi Foto: DW

Orchester der National Academy of Music Hanoi

Würden Sie diese Werke mit deutschen Musikern anders erarbeiten?

„Natürlich gibt es verschiedene Herangehensweisen, aber es gibt Notwendigkeiten, die erst einmal reguliert werden müssen. Und die sind in Europa oder in Afrika oder Asien eigentlich dieselben. Man muss bestimmte Dinge erstmal zum Stehen bringen, man muss die Intonation in Ordnung zu bringen, man muss rhythmische Koordinationen herstellen, da gibt es einen ziemlich breiten Bereich, der erstmal gleich ist. Und während man an diesen handwerklichen Dingen arbeitet, hat man ein Gespür dafür, was in der Wahrnehmung bei so entfernt wohnenden Musikern wie den Vietnamesen doch anders ist. Das ist für mich immer eine aufregende Erfahrung. Ich merke das auch, dass bestimmte technische Dinge leicht durchzusetzen sind und andere nur sehr schwer. Sehr auffällig bei allen in Ostasien beheimateten Musikern ist die Liebe zum Detail und die schnelle Erfassung von Details.“

Ist das Klangergebnis – Sie haben ja sehr intensiv mit den jungen Musikern geprobt – trotzdem ein anderes als es bei einem europäischen Orchester wäre?

„Da bin ich ganz vorsichtig. Schon, weil diese armen Leute keine guten Instrumente haben. Der Kampf mit der Materie spielt da auch eine große Rolle. Als ich jetzt vor 14 Tagen in Hanoi gewesen bin, waren da 36°, eine brütende Hitze und eine wahnsinnige Luftfeuchtigkeit. Das heißt, die Instrumente verziehen sich, die Griffbretter sind praktisch ständig nass. Der Kampf mit der Materialität der Instrumente spielt eine ganz große Rolle. Und da finde ich es dann ein bisschen unfair, wenn wir anfangen, mit Maßstäben von delikater Klanglichkeit anzurücken, bei Leuten, die viel elementarer kämpfen müssen.“

Das Gespräch führte Gudrun Stegen