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Bücher

Faszination Venedig: Krimigroßmeisterin Donna Leon wird 75

Sie gehört zu den erfolgreichsten Autorinnen der Welt und hat Venedig zum Hotspot der Kriminalliteratur gemacht. Jetzt wird Donna Leon 75 - und plant noch weitere Verbrechen. Commissario Brunetti wird sie aufklären.

Die US-amerikanische Schriftstellerin musste nicht nach einem einprägsamen Pseudonym suchen, als sie mit fast fünfzig Jahren ihren ersten Kriminalroman schrieb. Donna Leon - dieser Name klang schon wie ein Markenzeichen, und er ist inzwischen - 26 Romane um den venezianischen Kriminalkommissar Guido Brunetti und acht weitere Publikationen später - weltbekannt. Am 28. September wird die lebhafte Autorin 75. Sie denkt nicht im Mindesten daran, sich zur Ruhe zu setzen.

Von der Weltenbummlerin zur Autorin

Buchcover Donna Leon

Venedig, immer wieder Venedig

Jahrzehnte lang deute nichts im Leben der Amerikanerin auf eine Karriere als Schriftstellerin hin. Donna Leon wurde 1942 in Montclair, New Jersey, geboren, wuchs frei und glücklich auf -  und wurde schon früh zur Weltenbummlerin. Mit 23 Jahren verließ sie die USA, um ihre Studien in Italien fortzusetzen. 15 Jahre lang, von 1965 bis 1980, arbeitete sie als Reisebegleiterin in Rom, als Werbetexterin in London, unterrichtete englische Sprache und Literatur an amerikanischen Schulen in der Schweiz, im Iran, in China und neun Monate in Saudi-Arabien. "Als junge Frau wollte ich nur Spaß haben", erzählte sie auf ihrer aktuellen Lesereise in Deutschland.

Ein Spaß war es sicherlich nicht, als ihre Dissertation über Jane Austen 1979 bei der Flucht vor der islamischen Revolution verloren ging. Fünf Jahre hatte sie an dem Entwurf gearbeitet. Dass der Verlust auch das Ende ihrer akademischen Karriere als Literaturwissenschaftlerin bedeutete, "war wahrscheinlich das Beste, was mir je in meinem Leben passiert ist", sagte sie im Nachhinein in Interviews. Venedig wurde Leons neues Zuhause.

Der feine Commissario Brunetti

Buchcover Bei den Brunettis zu Gast (Diogenes)

Die Fans kochen Paola Brunettis Rezepte nach

In Venedig lebt auch ihr feinsinniger, bescheidener Commissario Guido Brunetti, gemeinsam mit seiner Frau Paola, Spezialistin für amerikanische Literatur wie die Autorin, und seinen beiden Kindern. Ihre großzügige Wohnung mit der großen Dachterrasse am Zusammenfluss zweier Kanäle lässt sich genau lokalisieren. Es gibt inzwischen sogar einen Stadtplan, auf dem sie verzeichnet ist - und einen Reiseführer zu den Handlungsorten der Brunetti-Romane. "Brunetti ist eine wunderschöne Fiktion", sagte Donna Leon 2016 im Interview mit der "Welt": "Er ist so, wie ich die Männer gerne hätte: zurückhaltend, verantwortungsvoll, diskret."

Mit dieser einnehmenden Figur ist Leon seit 1992 verbunden. Die Idee zu ihrem ersten Krimi kam der Musikliebhaberin nach einem Opernbesuch im Teatro La Fenice in Venedig, als sich ein Gespräch mit dem Dirigenten um den Tod des Stardirigenten Herbert von Karajan entspann. "Ich fand das eine interessante Art, einen Kriminalroman zu beginnen. Und da dachte ich, ich schreib mal einen", erzählte sie später. "Venezianisches Finale" hieß der Debütroman, der 1993 auf Deutsch erschien, er wurde ein großer Erfolg. Ihren melancholischen Commissario Brunetti hat sie seitdem jedes Jahr in Venedig - ausnahmsweise auch mal in der Lagune - ermitteln lassen.

Verbrechen am Puls der Zeit

Die Verbrechen sind oft typisch für die überteuerte Stadt, es geht um Korruption, mafiösen Immobilien- oder Kunsthandel. In "Acqua Alta" treibt das ständig steigende Hochwasser die Handlung voran, in "Blutige Steine" wird ein schwarzer Straßenhändler vor vielen Zeugen auf dem Markt erschossen. Blut spritzt in Donna Leons Krimis nicht, ihre Autorin meidet Brutalitäten und Gemetzel. Brunetti versucht, Täter und Opfer zu verstehen, ihre Leidenschaften, ihre Macht- und Geldgier, ihre Angst und ihre Verzweiflung. Ein klares Feindbild hat Leon als Autorin in der katholischen Kirche gefunden, besonders in der von vielen Legenden umwobenen Laienvereinigung Opus Dei. Deren Vertreter stehen für die Autorin in einer Reihe mit skrupellosen Großkonzernen oder der Mafia.

Donna Leon (picture-alliance/dpa/C. Oelrich)

Donna Leon in dem Alpenort Ernen. In den USA möchte sie nie mehr leben.

"Venedig war der erste Ort der Welt, an dem ich leben wollte", bekannte sie einmal. Doch inzwischen verbringt sie nur noch zehn Tage im Monat in ihrer Lieblingsstadt. Wenn sie nicht auf Reisen ist, lebt und schreibt sie in einem kleinen 300-Seelen-Alpendorf in der Schweiz, in Graubünden, nur wenige Kilometer von der italienischen Grenze entfernt. Venedig ist für sie ein Trauerspiel geworden, vor allem im Sommer ist "La Serenissima" für sie wie für viele andere kaum noch bewohnbar. Ökologisch und umweltbewusst kämpft Leon für die Erhaltung der Schönheit ihrer Stadt und gegen die Vertiefung der Schiffahrtsrinne im Guidecca-Kanal für noch größere Kreuzfahrtschiffe. "33 Millionen Touristen in einer Stadt mit 54.000 Einwohnern", das sei doch verrückt. Venedig habe sich komplett dem Massentourismus ausgeliefert: "Ein Pakt mit dem Teufel." Themen, die sich in ihren Büchern wiederfinden.

Schon beim Verlag: Brunetti 2018

Buchcover Donna Leon

Barockmusik begeistert Leon: Eine Spurensuche in Händels Oper - mit Bildern von Michael Sowa

In Deutschland sind die Brunetti-Krimis besonders erfolgreich. Brunettis Fans folgen seinen Spuren in Vendig, kochen die Gerichte seiner adeligen Gattin nach und schauen jeden Film, in dem der Commissario ermittelt. Die ARD verfilmt seit 1998 sämtliche Brunetti-Romane. Ihr 26. Kriminalroman "Stille Wasser" kam im Juni auf dem Markt, das Manuskript für nächstes Jahr hat sie vor wenigen Tagen beim Verlag eingereicht. Jetzt hat sie Zeit für ihre große Leidenschaft neben der Literatur: die Musik. Ihre Begeisterung für Barockmusik, besonders für den Komponisten Georg Friedrich Händel, treibt sie oft in die Welt hinaus. Sie fördert das 2012 gegründete Barock-Ensemble "Il Pomo d'Oro", reist mit ihm zu Musikfestivals und sitzt mit in Aufnahmestudios.

Groß feiern möchte Donna Leon ihren Geburtstag nicht. Dafür dürfen sich ihre Fans freuen: auf den Brunetti 2018. "The Temptation of Forgiveness" (wörtlich übersetzt: Die Versuchung der Vergebung) heißt der englische Titel. Und der italienische? Übersetzungen ihrer Romane in die Sprache ihres zweiten Heimatlands hat die Autorin untersagt. Wie das neue Buch auf Deutsch heißen wird, ist noch nicht bekannt.

 

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