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Europa

Fastenmonat im Schatten der Proteste

Wie jedes Mal im muslimischen Fastenmonat Ramadan bietet die türkische Regierung in diesem Jahr kostenlose Volksspeisungen an. Die Demonstranten in Istanbul halten davon nichts und organisieren ihr eigenes Festessen.

Türkische Demonstranten essen gemeinsam an einer langen Tafel auf der Straße (Foto: EPA/TOLGA BOZOGLU/ dpa - Bildfunk)

Türkei Muslime Ramadan

Es ist der erste Tag des Fastenmonats Ramadan in der Türkei - traditionell ein Monat der Besinnung und des Friedens. Der Taksim-Platz, auf dem seit fast sechs Wochen lautstark gegen Premierminister Recep Tayyip Erdogan und seine Partei AKP demonstriert wird, ist mit Tischen, weiß-pinken Tischdecken und Essen dekoriert. Die Istanbuler Stadtgemeinde Beyoglu hat für das abendliche Fastenbrechen "Iftar" gedeckt - rund 1500 Plätze gibt es, jeder ist willkommen. Das gemeinsame Essen hat Tradition, es wird jedes Jahr veranstaltet. Unter den Gästen sind Familien mit Kindern sowie syrische Flüchtlinge. Zahlreiche türkische TV-Sender berichten live vom Taksim-Platz. Auch der Bürgermeister der Stadtgemeinde, Ahmet Misbah Demircan, ist anwesend. Interviews gibt der AKP-Politiker allerdings nur türkischen Medien.

Die Zeitung Radikal berichtete, die Regierung habe eigentlich, wie im vergangenen Jahr auch, ein "Iftar-Zelt" im Gezi-Park geplant. Doch Gerüchten zufolge sollte das Essen lediglich an Personen ausgegeben werden, die eine Essenskarte von der AKP erhalten hätten, hieß es weiter. "So eine Sache war nicht geplant. Jeder darf kommen. Das ist nur Geschwätz. Die Leute können alles auf Twitter schreiben", bestreitet Demircans Pressesprecher Ali Yigit die Gerüchte im Interview mit der DW. "Wir wissen, dass die Menschen, die hier seit Wochen demonstrieren, den Ramadan genauso respektieren wie wir selbst. Wir werden alle gemeinsam an einem brüderlichen Tisch sitzen. Wir erwarten nichts Negatives", so Yigit.

"Wir sind für Gleichheit, Solidarität und Revolution"

Foto von dem türkischen Publizisten Ihsan Eliacik im DW-Gespräch (DW/Senada Sokollu)

Am Iftar-Tisch der Demonstranten: Ihsan Eliacik

Während die Gäste an den Tischen Platz nehmen, protestieren die Demonstranten auf der gegenüberliegenden Seite am Treppenaufgang zum Gezi-Park lautstark weiter. "Das ist nur der Anfang. Der Kampf geht weiter" und "Regierung, trete zurück!", rufen sie hinüber. Der Gouverneur Istanbuls habe gesagt, dass die Menschen sich nicht in Gruppen auf dem Taksim-Platz versammeln dürften, sagt eine Demonstrantin. "Aber zum Fastenbrechen darf man sich in Gruppen treffen. Ich denke, das ist falsch, weil wir hier seit 40 Tagen sind, und immer wenn wir uns versammelt haben, sogar in kleinen Gruppen, wurde mit Wasserwerfern interveniert", kritisiert die Demonstrantin. Die Tische würden nicht für alle Moslems ausreichen, so eine weitere Demonstrantin. "Wieso stellen sie nicht mehr Tische auf? Das ist unfair", kritisiert ein anderer Aktivist.

Aus Protest gegen die Regierung organisieren die sogenannten "antikapitalistischen Moslems" an diesem Abend ihren eigenen "Iftar"-Tisch. Mit Tischdecken und Zeitungen bauen sie kurz vor dem Fastenbrechen eine rund 500 Meter lange improvisierte Tafel auf dem Boden, die bis zum Taksim-Platz führt. Die Speisen haben sie selbst mitgebracht. Im Schneidersitz essend rufen die Demonstranten immer wieder gemeinsam lautstark ihre Protest-Slogans gegen Premierminister Recep Tayyip Erdogan und seine Partei.

"Es ist nur das Volk"

Iftar-Tisch der Demonstranten in Istanbul (EPA/TOLGA BOZOGLU +++(c) dpa - Bildfunk)

Auch während des Ramadans werden Proteste fortgesetzt

"Wir haben nur alle zusammengerufen, nichts anderes. Die Leute kamen von selbst hierher und haben das gesamte Essen mitgebracht", erklärt einer der Initiatoren, der Publizist Ihsan Eliacik, im DW-Gespräch. Die Stadtgemeinde stelle mit Hilfe von Sponsoren drei verschiedene Speisen bereit, jeder sitze an Tischen. "Wir hier haben um die 40 verschiedenen Speisen, zehn verschiedene Getränke, keine Fahne und keinen Sponsor, es ist nur das Volk." Sie seien Muslime, die sich gegen den Kapitalismus stellen und für Gleichheit und Solidarität einträten, sagt Eliacik. Kurz darauf steht er auf und eröffnet das Fastenbrechen mit einem Gebet.

In der Nähe stehen mehrere Wasserwerfer und zahlreiche Polizisten bereit - ausgerichtet auf den "Iftar"-Tisch der Demonstranten. Immer wieder kommt es zu verbalen Auseinandersetzungen mit der Polizei. "Was fällt euch ein, uns während unserem 'Iftar' mit eurem Wasserwerfer zu bedrohen!", rufen die Aktivisten den Polizisten immer wieder zu. Die Sicherheitskräfte ziehen sich schließlich ein wenig zurück und verharren den gesamten Abend über in Warteposition. Nach dem Essen marschieren alle Demonstranten in den frisch bepflanzten Gezi-Park, der Anfang der Woche offiziell von Gouverneur Hüseyin Avni Mutlu eröffnet worden war. Dabei war es erneut zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. 50 Mitglieder der Taksim-Solidaritätsplattform wurden festgenommen.

Weitere Proteste geplant

Demonstrantin Özlem Güngör (Foto: DW/Senada Sokollu)

Will weiter demonstrieren: Özlem Güngör

Doch das schreckt die Aktivisten nicht. Die Demonstrationen sollten ohne Blutvergießen weitergehen, sagt eine muslimische Parkbesucherin mit Kopftuch im DW-Gespräch. "Wir machen weiter, bis unsere Freunde freigelassen werden. Wenn der Monat Ramadan ein ruhigerer Monat ist, dann sollten die Polizisten unsere Freunde frei lassen, die sie festgenommen haben. Dann können wir unseren 'Iftar' friedlich und gemeinsam begehen", so ein Demonstrant.

In der Türkei gebe es eine weniger strenge, im Vergleich zu vielen arabischen Staaten eine eher offene Tradition des Islam, betont die atheistische Demonstrantin Özlem Güngör im Gespräch mit der DW. "Das Volk weiß, dass der Islam von der Regierung instrumentalisiert wird." Eine Pause werde es nicht geben, denn in den Köpfen werde schließlich nicht gefastet.

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