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Kultur

Fasten: Auszeit für Körper und Seele

Bald geht die christliche Fastenzeit zu Ende. Viele Menschen fasten seit gut sieben Wochen, egal ob sie religiös sind oder nicht. Und dabei wird nicht nur auf Alkohol und Fleisch verzichtet.

Ein Glas Wasser und eine Scheibe Brot (Bild: Fotolia)

Es ist ein regelrechter Trend geworden: Immer mehr Menschen in Deutschland fasten. Allein die Kirchen sprechen jedes Jahr von mehr als zwei Millionen. Doch eigentlich sind es noch viel mehr: Viele Fastende haben mit Religion nichts am Hut. Trotzdem nutzen sie die sieben Wochen zwischen Aschermittwoch und Ostern, um Verzicht zu üben. Die meisten Deutschen, nämlich 78 Prozent, verzichten auf Alkohol, dann folgen Süßigkeiten und Fleisch.

Aber immer mehr Menschen lassen auch den Fernseher aus, schalten sogar für Wochen ihr Handy ab oder nutzen Bahn und Fahrrad anstelle des Autos. Nach dem Motto "Ich bin dann mal offline" verzichten Computer-Junkies auf soziale Netzwerke wie Facebook & Co. Facebook-Nutzer Michael hat beispielsweise im Netz verkündet: "So, Freunde - die Facebook-Iphone-App ist deinstalliert, Facebook als Startseite auf dem PC gelöscht. Fastenzeit here I come. Bis in sechs Wochen!"

Sieben Wochen lang nur die Wahrheit sagen

Die evangelische Kirche hat vor fast 30 Jahren die Fastenaktion "7 Wochen ohne" ins Leben gerufen. Hier geht es nicht so sehr darum, unter größten Qualen auf eine liebe Gewohnheit zu verzichten. Es geht eher darum, etwas in Bewegung zu setzten, im Idealfall sich selbst.

Arnd Brummer, Chefredakteur der evangelischen Monatszeitung "Chrismon", ist Sprecher der Aktion. Dieses Jahr geht es um Ausreden, all die täglichen Minilügen, die einem leicht über die Lippen gehen. Brummer weiß, wie schnell so eine Ausrede rausrutscht: "Wenn ich zu einer Konferenz oder in die Sitzung meines Sportvereins fahre, und ich fahre zehn Minuten zu spät los, dann war es natürlich der Stau." Das wird zur Kenntnis genommen und meistens nicht hinterfragt. Große Lügen nach dem Vorbild des falschen Doktors zu Guttenberg lösen dagegen große Empörung aus.

Karl-Theodor zu Guttenberg verzieht das Gesicht (Foto: dapd)

Der Ex-Minister hat bei seiner Doktorarbeit gepfuscht

Wer fastet, wird sich klar darüber, wie sehr er sich an Dinge gewöhnt hat. Soltan aus Berlin ist 39, Unternehmensberater und leidenschaftlicher Jazzpianist. Er kann die schönen Seiten des Lebens in vollen Zügen genießen, dazu gehören natürlich auch gutes Essen und guter Wein. In der Fastenzeit schlemmt er zwar weiter, doch Alkohol ist in diesen Wochen tabu, obwohl er ihm den ganzen Tag entgegenlächelt. "Morgens kein Piccolo, wenn es zur Arbeit geht. Mittags kein Glas Riesling. Nachmittags kein Sherry zum Kuchen und abends kein Bierchen zum Feierabend; kein Rotwein zur Lammkeule und auch kein Cocktail zum Tanz," zählt Soltan auf. "Würde ich normalerweise auch noch Gras rauchen oder lustige Pilze lutschen, unterbliebe auch das. Ansonsten ist in meiner persönlichen Fastenzeit alles erlaubt, was gefällt." Soltan fastet nicht aus religiösen Gründen. Der Verzicht auf den Vollrausch habe auch nicht viel mit dem lieben Gott zu tun, meint er.

Auch der 33-jährige Kölner Immobilenkaufmann Stefan trinkt während der Fastenzeit keinen Alkohol. Er ist zwar katholisch getauft und erzogen worden, aber als junger Erwachsener längst aus der Kirche ausgetreten. Er fastet aus eher sportlichen Gründen: "Es liegt nicht am Glauben, dass ich die Fastenzeit durchziehe. Höchstens an dem Glauben an mich selbst."

Das Schicksal kann beeinflusst werden

Pärchen auf Parkbank (Foto: dpa)

Haben die beiden sich im Suff kennen gelernt - oder bei Kaffee und Kuchen?

Die Gründe für die Enthaltsamkeit liegen also bei einem selbst - und mitten im Leben. Der Versuch, das Leben bewusst zu leben und damit die Geschehnisse anders steuern zu können als unter Alkoholeinfluss, ist das, was Soltan während seiner Abstinenz reizt. Er hat selbst erlebt, wie Bekanntschaften mit anderen Menschen einen ganz anderen Lauf nehmen können, wenn man dabei nüchtern bleibt.

So hat er an einem ganz ruhigen alkoholfreien Nachmittag in einer Kreuzberger Kneipe Maria kennengelernt und ihre Email-Adresse bekommen. Hätte er gesoffen, sagt er, hätte er vielleicht auch die Email-Adresse von Maria. Aber er wüsste nicht mehr von welcher Maria. Soltan lacht, als er das erzählt. Und spinnt die Geschichte weiter: "Ich würde jetzt noch schlafen und zum Frühstück gäb's nachher vielleicht einen kleinen Gyros-Teller und eine Spezi und noch eine Spezi. Ich wäre aber auch vier Stunden später ins Bett gegangen, das muss man ehrlicherweise auch sagen, ich hätte wahrscheinlich auch viel Spaß gehabt mit Martini im Kopf, mit einer halben Flasche Rotwein, mit diversen Litern Bier und vielleicht wäre ich aufgewacht neben einer Britta, einer Consuela oder Paula - was weiß ich." Was er damit sagen möchte: Wenn man so wie er nur auf Alkohol verzichte, dann nehme man Einfluss auf den Zufall und gebe damit dem Schicksal eine andere Wendung.

Karnevalistin trinkt Schnaps (Foto: dpa)

Mit dem kollektiven Komasaufen ist seit Aschermittwoch Schluss

Stefan fastet jedes Jahr nach Karneval genau vier Wochen lang. Wie viele Kölner feiert auch er sechs Tage nonstop mit jeder Menge Bier. Gerade nach so einer Zeit ist der Aschermittwoch für viele Menschen ein Schnittpunkt, ein Signal, wieder bewusster zu leben: "Es ist schön, wenn man sich nach Karneval wieder besinnt und einfach mal einen Monat lang nichts trinkt. Dann wird einem erst wieder bewusst, wie oft man eigentlich Alkohol trinkt." Und man bekomme den Spiegel vorgehalten, wenn man mit seinen angetrunkenen Freunden unterwegs ist. "Da ist es teilweise schon richtig unangenehm, wenn man sich vorstellt, wie man selber drauf ist, wenn man getrunken hat."

Immer genug alkoholfreies Bier in den Kneipen

Während der kirchlichen Fastenzeit stößt der Fastende vielerorts auf weitaus mehr Verständnis als außerhalb der Fastenzeit. Soltan kann das bestätigen: "Man ist damit in diesen Tagen nicht alleine, gilt in seinem üblichen Dunstkreis nicht als sonderbar, und – nicht zu unterschätzen: Der Wirt hält auch in diesen Tagen viel alkoholfreies Bier parat, insofern ist man auch da bestens aufgehoben."

Alkoholfreies Bier kann seinem alkoholhaltigen großen Bruder nicht nur geschmacklich durchaus Paroli bieten: Irgendwie sieht es ja doch aus wie ein richtiges Bier. Und so mancher Abstinenzler kann so unbemerkt in die Rolle des Beobachters schlüpfen - ein großes Vergnügen während der Fastenzeit, auch für Stefan, der sich pudelwohl fühlt. Er ist einerseits stolz, weil er in dieser Zeit einfach nichts trinkt. Und andererseits beobachtet er die Leute gerne, wie sie sich verhalten, wenn sie einen sitzen haben, erzählt er grinsend.

Wenn das Fasten so viel Spaß macht, so gut funktioniert und von hohem Wert für die Selbsterkenntnis ist - dann drängt sich doch die Frage auf: Warum fängt man nach dieser Zeit der Erleuchtung wieder an? Eben weil das Fasten doch Verzicht bedeutet, Verzicht auf etwas, das man gerne tut, etwas, das man mag. Würde man keinen Alkohol mögen, würde man auch nicht fasten.

Ein paar Wochen fasten reicht

Die Intention der Fastenzeit ist auch nicht, in dieser Zeit den Grundstein für einen lebenslangen Verzicht zu legen und damit eine Sucht zu vertreiben. Gefragt, ob er auch auf Zigaretten verzichten wolle, meint Stefan nur: "Ganz oder gar nicht. Also, jetzt einen Monat lang aufhören und dann wieder anfangen, das finde ich total bescheuert."

zwei volle Bierkrüge (Foto: bilderbox)

na dann...endlich wieder PROST!

Auch Soltan findet, dass das Fasten nicht auf lebenslange Enthaltsamkeit ausgerichtet ist. "Ich verstehe die Fastenzeit eher als eine Art Praktikum. Man schaut sich das Leben der anderen mal an und guckt, wie das ist, und ob man da irgendetwas für sich und das eigene Leben mitnehmen kann. Und dann ist aber auch gut."

Und wenn dann das erste Glas Bier wieder die Kehle herunter rinnt, dann glaubt man fast, einen alten Bekannten wieder zu treffen – sich selbst. Soltan hat übrigens schon lange vor Karneval aufgehört Alkohol zu trinken - er macht es nun schon seit mehr als 100 Tagen. Da ist die Freude auf Ostern natürlich besonders groß: "Das erste Glas Bier nach der langen Enthaltsamkeit ist natürlich der Hammer. Und auch das zweite Glas schmeckt unglaublich gut. Das darf auch so sein, man hat sich das verdient nach diesen Wochen. Und man darf sich nun auch mit ein paar Kaltgetränken darüber freuen, dass einem dieses Stück gelungen ist."

Autorin: Silke Wünsch
Redaktion: Conny Paul

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