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Afrika

Fasten aus Leidenschaft

Viele Marokkaner ziehen sich tagsüber zurück und warten sehnsüchtig auf das Fastenbrechen am Abend. Aber nicht jeder will sich träge durch den Fastentag schleppen. Ramadan, das bedeutet auch Entbehrung aus Überzeugung.

Bauarbeiter bei Arbeiten auf einem Drahtgeflecht (Foto: AP)

Fasten und schuften - Belastung für Körper und Seele

Draußen ist es über 40 Grad heiß, und die Klimaanlage im Fitness-Studio von Rabat kommt schon lange nicht mehr mit. Man könnte die Luft schneiden. Immer um die Mittagszeit ist der Laden voll. Gläubige Muslime auf dem Laufband schwitzen ihre T-Shirts nass, aber keiner trinkt auch nur einen Tropfen Wasser. Aber ist das gesund? "Vom Sport während des Ramadan wird einem normalerweise abgeraten", sagt Badr. "Das gilt vor allem für Diabetiker und für Leute mit Herzproblemen – da versuchen wir, unser Trainingsprogramm entsprechend anzupassen."

Gefährliche Illusion

Frauen beim Aerobic-Training (Foto: AP)

Fitness-Training im Ramadan birgt gesundheitliche Risiken

Badr ist Personal Trainer und er passt auf, dass nichts passiert. Er selbst fastet auch. Wenn Nicht-Muslime mit einer Wasserflasche im Saal erscheinen, wird das nicht sehr gerne gesehen. Ramadan-Fitness ist eine ernste Angelegenheit und nicht unbedingt nachvollziehbar, meint Said. Viele Menschen, die sonst keinen Sport treiben würden, fühlten sich gerade im Ramadan bemüßigt, damit anzufangen. "Das ist echt schlimm. Sie glauben, wenn Du das ganze Jahr nichts getan hast und jetzt fastest und dich gleichzeitig ganz viel bewegst, dann wirst du über Nacht gertenschlank". Eine gefährliche Illusion, über die viele Ärzte den Kopf schütteln. Doch Entbehrung muss eben sein, wenigstens bis zum Fastenbrechen am Abend. Und bis dahin ist es noch ein langer, beschwerlicher Weg.

Schuften in der Mittagshitze

Die einen trainieren sich mühsam die Pfunde ab, die anderen quälen sich eher unfreiwillig. Mitten in der Tageshitze des Ramadan ist ein Trupp Bauarbeiter in der prallen Sonne damit beschäftigt, die Gleise für die neue Straßenbahn zu verlegen. Die Männer mit den gelben Helmen gehen auf dem Zahnfleisch, manch einem wird zwischendurch schwindlig. Kein Wunder. Es ist unvorstellbar heiß, und seit Stunden harte Arbeit ohne Essen und Trinken. Wie stehen sie das durch? "Hm, wir tun einfach, was Gott uns befiehlt", sagt Latif nicht ohne Stolz. "Und wir wissen, dass es gut für uns ist, für unsere Gesundheit, für Körper und Geist. Wir spüren, wie schwer es für die Menschen sein muss, die nie genug zu essen und zu trinken haben. Und dann erkennen wir, dass es da eine Kraft gibt, die stärker ist, als wir."

Süße Versuchung

Zum Fastenbrechen gibt es oft süße Leckereien (Foto: picture-alliance/dpa)

Umgeben von Köstlichkleiten fällt das Fasten besonders schwer

Den härtesten Job während des Ramadan haben aber nicht die Bauarbeiter, sondern die Bäcker. Während sich die meisten Menschen tagsüber irgendwie von der Hitze und vom Essen ablenken können, herrscht Hochbetrieb in der Backstube von Chefpatissier Brahmin Achmud. Und das bei wahren Backofentemperaturen, fast rund um die Uhr. Brahmin und sein Team haben nicht nur Schweißperlen auf der Stirn, sondern den ganzen Tag die Leckereien vor der Nase, die erst spätabends genüsslich verspeist werden dürfen. Brahmin selbst ist daran gewöhnt und isst nur mit den Augen. Aber klar: Der Naschfaktor ist riesengroß. "Ein Kollege hat wie immer den Teig probiert, als er eine Schokotorte gemacht hat – er konnte einfach nicht widerstehen. Aber es war schon Ramadan! Er hat sich dann einen Mundschutz umbinden lassen, damit er die Arbeit mit dem süßen Zeug besser aushält."

Es braucht schon einige Beherrschung um nicht schwach zu werden – im Angesicht der sündhaft leckeren Kunstwerke wie Obsttörtchen, Millefeuille, Schoko- und Nusshörnchen, Shpakia – den mit Honig und Sesam gebackenen Zuckerschnecken, oder Briwat, den Teigtaschen mit Mandeln und Honig. Pures orientalisches Hüftgold. Doch Brahmin übt sich gerne in Bäcker-Askese, denn er weiß, dass er mit seiner Arbeit viele marokkanische Familien glücklich macht. Und wahrscheinlich auch die Fitness-Studios....

Autor: Alexander Göbel

Redaktion: Katrin Ogunsade

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