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Deutschland

Fast eine Million Zuwanderer

Deutschland sucht Fachkräfte und erlebt nun die höchsten Zuwanderungsraten seit mehr als 15 Jahren. Unter anderem aus den krisengeschüttelten EU-Ländern kommen immer mehr Menschen.

Ein polnischer Arbeiter des Subunternehmens trägt Holzlatten auf eine Baustelle in Eschborn, Foto: Arne Dedert dpa/lhe (zu dpa lhe 7128 vom 06.04.2005) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Bau, Gewerkschaften, Kriminalität, Wirtschaft, Polbau

Polnischer Bauarbeiter auf Baustelle in Deutschland Einwanderung Zuwanderung Einwanderer Lohndumping

Pigi Mourmouri steht kurz vor ihrer Rente - doch seit einem Jahr hat sie mehr Arbeit denn je. Bis zu 20 Zuwanderer kommen jede Woche zu ihr in die soziale Beratung der Diakonie im Berliner Stadtteil Neukölln. Menschen, die gerade erst von Griechenland in die deutsche Hauptstadt umgezogen sind und wissen wollen, wie das Arbeitsleben hier funktioniert. Vor einem Jahr waren es höchstens vier Zuwanderer wöchentlich. "Die Anzahl nimmt in einem beunruhigenden Maß zu", sagt die aus Griechenland stammende Sozialarbeiterin, die seit 1967 in Deutschland lebt.

Hamid (r), Inhaber des Spzialitätengeschäftes Knofi in der Bergmannstrasse im Stadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg sitzt mit Freunden vor seinem Laden, aufgenommen am 20.06.2003. Bezogen auf die Bezirksgliederung vor der Berliner Gebietsreform (u.a. Zusammenschluß der Stadtbezirke Friedrichshain und Kreuzberg) gehört Kreuzberg mit 32,3 Prozent zu den Gebieten Berlins mit dem höchsten Ausländeranteil. Vor allem Türken, darunter auch viele Muslime, leben in Kreuzberg. Türken, Italiener, Griechen bringen eine vielfältige mediterane Gastronomie in das Berliner Leben. (BRL459-020703)

Zuwanderer im Berliner Stadtteil Kreuzberg

Dass vermehrt Zuwanderer aus den Euro-Krisenstaaten nach Deutschland einwandern, zeigen auch die aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes. Aus Griechenland kamen im vergangenen Jahr insgesamt beinahe 24.000 Menschen, um in Deutschland zu leben und zu arbeiten. Das waren 10.000 mehr als noch 2010 – eine Zunahme um 90 Prozent. Auch die Zuwanderung aus Spanien stieg um 50 Prozent. Insgesamt ist die Zahl der Neubürger im vergangenen Jahr auf 958.000 gestiegen. Ein Plus von 20 Prozent gegenüber 2010. Ein weiterer Grund für diese höchste Rate seit 1996: Beschränkungen für Bürger aus den noch jungen süd-osteuropäischen EU-Staaten sind vor einem Jahr gefallen. Deshalb lassen sich auch vermehrt Menschen vor allem aus Polen, Ungarn und Rumänien in Deutschland nieder.

Gemischte Signale an Zuwanderer

Mehr als die Hälfte der Ratsuchenden, die in die Berliner Diakonie kommen, sind hochqualifiziert: "Das sind häufig Ingenieure, Ärzte und andere Akademiker, die einfach keine Chance mehr in ihrem Heimatland sehen – häufig sind es junge Menschen," sagt Sozialarbeiterin Pigi Mourmouris. Die deutsche Wirtschaft müsste das freuen. Wegen des demografischen Wandels bestehe nämlich ein Bedarf von rund zwei Millionen ausländischer Fachkräfte, schätzt Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt - vor allem im technischen Bereich. "Ganz wichtig ist die Schaffung einer echten Willkommenskultur, um diesen Menschen zu zeigen, wir wollen euch gerne hier in Deutschland," sagt Hundt.

Ein Mitarbeiter von Gildemeister montiert das Werkzeugmagazin. Foto: DPA

Vor allem in technischen Berufen fehlen Fachkräfte

Doch wirklich leicht gemacht werde es diesen Menschen nicht mehr, gibt Sozialarbeiterin Mourmouris zu Bedenken. Bis vor kurzem hätten Migranten aus EU-Ländern, die zur Arbeitssuche nach Deutschland gekommen waren, noch Anspruch auf Sozialleistungen gehabt und konnten dadurch auch an Sprach- und Integrationskursen teilnehmen. "Das fand ich sehr gut, da wurde richtig in die Eingliederung investiert", sagt sie. Seit einigen Monaten würden solche Anträge beim Arbeitsamt aber abgelehnt, erzählt die Sozialarbeiterin.

Da der deutsche Bedarf an hochqualifizierten Arbeitnehmern allein aus der Europäischen Union nicht zu stillen ist, setzt die Bundesregierung jetzt verstärkt auf den Zuzug von Akademikern aus Nicht-EU-Staaten. So ist es mit der sogenannten "Blauen Karte" leichter geworden, in die EU und damit auch nach Deutschland einzuwandern. Seit kurzem gilt: Wer einen akademischen Hochschulabschluss und einen Arbeitsvertrag mit einem Gehalt von 44.800 Euro nachweisen kann, darf in der EU arbeiten. Bei Berufen, wo ein besonders großer Bedarf besteht, liegt diese Schwelle nun sogar bei 35.000 Euro. Nach drei Jahren können solche Fachkräfte dann ein Daueraufenthaltsrecht für sich und die Familie bekommen. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt findet, die Regelung solle auch auf Nicht-Akademiker ausgeweitet werden. Die neue Regelung ist noch zu neu, um sich in den Zuwanderungszahlen des Statistischen Bundesamtes widerzuspiegeln. Dennoch ist schon jetzt auch bei Zuwandern aus Nicht-EU-Ländern ein positiver Trend zu verzeichnen. Von dort kamen im vergangenen Jahr etwa vier Prozent mehr Menschen nach Deutschland als noch 2010.

Potenziale könnten verloren gehen

Chinese Female Woman Scientist With Test Tube In Laboratory © Darren Baker #36413540

Auch Zuwanderung aus Nicht-EU-Ländern steigt

Ob Zuwanderer aus EU-Ländern oder aus dem Rest der Welt: Pigi Mourmouris von der Berliner Diakonie ist der Ansicht, dass das Beratungsangebot in Deutschland verbessert werden muss. Das Erste, was die Menschen bräuchten, seien Informationen: "Welche Rechte habe ich hier, welche Pflichten, wo muss ich mich um Arbeit bewerben?" seien die häufigsten Fragen, die sie gestellt bekomme. Viele riefen mittlerweile sogar schon aus Griechenland bei ihr an, um mehr über die deutschen Regelungen zu erfahren. Die Zahl der Informationsstellen für Einwanderer sei in Deutschland nicht groß genug. "Es ist keine organisierte Sache". Zwar gäbe es einige Anlaufstellen und auch die Bundesagentur für Arbeit würde nun stärker mit den griechischen Behörden zusammenarbeiten, insgesamt stelle sich Deutschland aber zu langsam auf die vielen neuen Zuwanderer ein. "Wenn das nicht schneller geht, dann verliert Deutschland dieses Potenzial", sagt die Sozialarbeiterin. Denn wenn die gut ausgebildeten Zuwanderer aus den EU-Krisenländer hier nichts fänden, würden sie es in einem anderen Land probieren.

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