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Kultur

"Fassbinder hatte ein sicheres Gespür für wunde Stellen"

Der rastlose Rainer Werner Fassbinder wäre am 31. Mai 60 Jahre alt geworden. Fassbinder-Biograf Michael Töteberg sprach mit DW-WORLD über Fassbinders Erben, seinen vermeintlichen Antisemitismus und seine Aktualität.

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1982: Letzter Auftritt als Schauspieler in "Kamikaze 1989"

DW-WORLD: Im Pariser Centre Pompidou läuft derzeit mit großem Erfolg eine Fassbinder-Ausstellung samt Retrospektive. In Deutschland erinnert man sich eher verhalten an den Regisseur. Ist Fassbinder hierzulande schon vergessen?

Michael Töteberg: Es ist eigentlich schon immer ein wenig so gewesen, dass Fassbinder im Ausland eine stärkere Resonanz hatte. Einige Filme sind etwa in den USA viel besser gelaufen als hier. Er steht im Ausland für Deutschland, das Deutschlandbild ist von seinen Filmen mitgeprägt worden. Fassbinder ist im Weltkino angekommen. Rund um die Welt beziehen sich Filmemacher auf ihn, François Ozon in Frankreich ebenso wie Wong Kar Wei in China. Eine solche produktive Rezeption findet in Deutschland leider kaum statt.

Sehen Sie keine deutschen Fassbinder-Erben?

Vielleicht Fatih Akin. Er ist ein ähnlich wilder und unangepasster Regisseur.

Und was ist mit Christoph Schlingensief oder Oskar Röhler?

Die sicherlich auch. Die Frage nach dem filmischen Erbe ist bei Fassbinder aber besonders schwer zu beantworten, da es bei ihm nicht den einen Film gibt, bei dem man sagen könnte: "Ach, hier ist das Meisterwerk, mit dem er gereift ist." Oder: "Auf diesen Film lief alles drauf zu." Seine Filme sind zu unterschiedlich, als dass sich eine Entwicklungslinie ausmachen ließe. Es ist vielmehr eine bestimmte Haltung, ein radikaler Ansatz, der sein Werk charakterisiert: Immer etwas Neues ausprobieren, sich nicht festlegen lassen, auf das perfekte Melodrama einen kleinen schmutzigen Film folgen lassen, auf die stilisierte Literaturverfilmung einen selbstquälerischen Low-Budget-Streifen oder ein Schwulen-Drama, und so sehr die Themen und Genres auch wechseln, stets der Wille, die Grenzen neu zu definieren. Schlingensief verkörpert mit Sicherheit eine Facette von Fassbinder. Aber Fassbinder ist mehr, er repräsentiert einen breiteren Ansatz.

Angst essen Seele auf

Ein zumutbarer Fassbinder-Streifen: "Angst essen Seele auf" (1974)

Aber schauen Sie, was jetzt zum Geburtstag wieder im Fernsehen läuft! Immer nur die einfachen, etwas holzschnittartigen Melodramen wie "Angst essen Seele auf" (1973) - ich weiß nicht, wie häufig der mittlerweile im deutschen Fernsehen ausgestrahlt worden ist. Nicht aber die randständigen, widerborstigen, sperrigen Filme, die Zumutungen, die Fassbinder hinterlassen hat. Die scheinen aus dem Programm verbannt.

Sie würden es also begrüßen, wenn jetzt zu Fassbinders 60. Geburtstag endlich sein bis heute nicht in Deutschland gespieltes Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" aufgeführt würde?

Ja und zwar ganz unabhängig vom Geburtstag. Das Stück ist inzwischen in Deutschland zu einem belastenden Tabu geworden. Eine Aufführung wäre ein befreiender Akt.

Um das Stück hat sich Ende der 1970er-Jahre eine heftige Kontroverse entzündet, wegen des vermeintlich antisemitischen Inhalts. Ist an den Vorwürfen was dran oder wollte Fassbinder einfach nur provozieren, ein Tabu brechen?

Eine wirkliche Lektüre oder eine richtige Aufführung des Stücks würde den Vorwurf in sich zusammenfallen lassen. Ich glaube nicht, dass Fassbinder damals bewusst ein Tabu brechen wollte. Als er das Stück geschrieben hat, war er noch relativ jung, 20 Jahre alt und konnte kaum überschauen, was sein - wie stets in wenigen Tagen geschriebener - Text auslösen würde. Aber: Er hatte ein sicheres Gespür für wunde Stellen - und er hatte auch nie die Scheu, diese Wunden aufzureißen. Das Stück ist leider geradezu stigmatisiert. Man sollte darüber diskutieren. Schließlich wird es mittlerweile auf der ganzen Welt - auch in Israel - gespielt.

War Fassbinder politisch?

Fassbinder hat immer gesagt: "Ich muss auf meine Wirklichkeit direkt und radikal reagieren können." Diese Wirklichkeit war natürlich auch politisch. Er hatte aber kein politisches Programm im Kopf, für dessen Illustration er sich dann Themen für Filme ausgedacht hätte. Als er "Der Müll, die Stadt und der Tod" geschrieben hat, lebte er in Frankfurt und die Westend-Spekulationen, um die sich das Stück dreht, waren Teil seiner Wirklichkeit. Wo Fassbinder politisch zu verorten ist, lässt sich aber nicht so einfach sagen. Sicher war er irgendwie links. Trotzdem war er den Linken immer suspekt – ein unsicherer Kantonist, keine Frage. Aber ein Linksfaschist, eine Zuschreibung von Joachim Fest anlässlich des umstrittenen Stücks, das war er mit Sicherheit nicht. Das halte ich für abwegig.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie chaotisch und kitschig Fassbinder war und wie aktuell er heute noch ist.

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