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Kultur

Fashion Week - Berlin im Moderausch

Die Hauptstadt wirft sich zur Fashion Week in Schale. Bis zum 8. Juli präsentieren vor allem junge Modelabels ihre Kreationen. Sie schätzen Berlin als Inspirationsquelle.

Das stetige Rattern der Nähmaschine durchzieht das Kreuzberger Hinterhof-Atelier. Sonja Hodzode und Sarah Büren hantieren mit Stecknadeln und Stofffetzen. An den provisorischen Kleiderstangen hängen fließende Blusen aus Seide neben Röcken in Rosttönen und mit Blumenornamenten. Sie legen zum letzten Mal Hand an der neuen Frühjahr/Sommerkollektion, die sie auf der Fashion Week vorführen werden.

Talentschmiede statt Modemarkt

Sarah Büren und Sonja Hodzode bei der Arbeit

Sarah Büren und Sonja Hodzode bei der Arbeit

Ihr Label "Blame" haben die beiden Modedesignerinnen erst 2010 gegründet – nach Lehrjahren bei internationalen Marken wie Marc Jacobs oder Hugo Boss. "Wir haben unser ganzes Ersparte hier reingesteckt und unsere Eltern angepumpt", erklärt Sonja Hodzode. "Die ersten Entwürfe entstanden auch in meinem Wohnzimmer". Inzwischen sind sie eine der gefragtesten Modemarken aus Berlin. Ihre weiblich-verspielten Kleider finden reißenden Absatz, vor allem in Italien und Paris. "Viele Einkäufer sind überrascht, wenn sie hören, dass wir aus Berlin kommen", gesteht Sarah Büren. "Die meisten assoziieren immer noch lässige, sportliche Mode mit dieser Stadt."

Kein Wunder. Jahrelang setzte die Berliner Fashion Week auf straßentaugliche Jeans und T-Shirt-Mode. Erst nach und nach kamen Messeplattformen wie die "Premium" hinzu, wo hochwertige Entwürfe im oberen Preissegment präsentiert werden. Die großen Moderiesen wie Gucci oder Armani schwänzen die Fashion Week an der Spree trotzdem. Genauso wie die meisten einflussreichen Modekritiker. Berlin gilt vielen als experimentelle Plattform, als Talentschmiede, nicht als etablierter Modemarkt.

Kräftig fördern

Kleider von Blame

Verspielte Muster mit Retrotouch - die Mode von "Blame"

Für "Blame" war genau das die Chance. "Wir sind einfach kreativer, wenn wir nicht die ganze Zeit an die Miete denken müssen“, erklärt Sonja Hodzode. Die günstigen Lebenskosten waren ein Grund, um in Berlin zu bleiben. "Aber auch die gute finanzielle Förderung durch die Stadt." Der Berliner Senat und große Modehäuser vergeben während der Fashion Week mehrere Preise an Nachwuchsdesigner. Im letzten Jahr z.B. heimsten die Macherinnen von "Blame" den "Premium Young Designers Award" ein.

Dadurch versucht Berlin, die rund 800 jungen Modemacher dauerhaft an die Stadt zu binden. International erfolgreiche Labels wie "LaLa Berlin" und "Kaviar Gauche" gelten als beste Werbung für die Hauptstadt. Das Image als kreativer Hotspot Europas ist schließlich auch wirtschaftlich attraktiv. Während der Fashion Week freuen sich Gastronomen, Hoteliers und Taxifahrer über die umsatzstärksten Tage im Jahr. Insgesamt wird mit Mode in Berlin rund 1,6 Milliarden Euro jährlich verdient. Das ist weniger als große Pariser Firmen wie Chanel oder Hermès jeweils alleine erwirtschaften.

Geld verdient man woanders

"Ich lebe und entwerfe hier in Berlin, aber mein Geld verdiene ich woanders", sagt Vladimir Karaleev. Der gebürtige Bulgare kam 2001 zum Studium nach Berlin. Die neun Modeschulen in der Hauptstadt genießen einen exzellenten Ruf, vor allem in handwerklicher Hinsicht. Seine puristischen Kreationen verkauft Vladimir Karaleev hauptsächlich in New York und Tokio. Produziert werden sie in seinem Geburtsland Bulgarien.

Kleid von Vladimir Karaleev

Puristische Entwürfe von Vladimir Karaleev

"Da ist es einfach günstiger", erklärt der Designer. Genau dieses wirtschaftliche Denken macht seinen Erfolg aus. Jedes Jahr gründen Hunderte junge Absolventen ihr eigenes Modelabel in Berlin. Aber nur die wenigsten können sich langfristig halten. "Klar muss man innovativ sein, aber man muss auch tragfähige Mode machen und mit Zahlen umgehen können", meint Karaleev.

Grün ist die Zukunft

Trotzdem dauert es oft Jahre, bis Designer von ihrer eigenen Mode leben können. Obwohl man wie Daniel Kroh auf einer modischen Trendwelle reitet. "Reclothing" heißt sein Label. Der 36jährige schneidert aus abgenutzten Malerkitteln und Schreinerhosen extravagante Herrenanzüge. Ökomode ist das Zauberwort der Branche. Grüne, nachhaltige Entwürfe werden auf der Fashion Week auf einer eigenen Messe präsentiert.

Sie ist der am schnellsten wachsende Zweig der Modeindustrie. Das sei konsequent, meint Daniel Kroh. "Viele Menschen essen Bio-Produkte, achten auf ihre Umwelt und tragen zunehmend auch Mode, die umweltbewusst und ethisch korrekt hergestellt wurde." Mit dem kratzigen Image von Filzpullovern hat die heutige Ökomode nichts am Hut. Ob vegane Kleider oder Anzüge aus Arbeitskleidung – die meisten Jungdesigner wollen nachhaltig und trotzdem chic und trendy sein.

Designer Daniel Kroh

Aus Arbeitskleidung macht Daniel Kroh elegante Anzüge

Dafür sei die Berliner Fashion Week eine ideale Plattform, erklärt Daniel Kroh. "Zwar wird Eco-Fashion auch auf anderen Modemessen präsentiert, aber nirgendwo in dieser Bandbreite wie hier an der Spree. Genau deswegen kommen die Talentscouts und Einkäufer hierher." Berlin ist eben keine Haute Couture-Stadt wie Paris und nicht so wirtschaftsstark wie New York oder London. Aber modisch auf der grünen Überholspur. Und das ist die Chance.

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