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Asien

Faqiryar: "Volksheld wider Willen"

In Afghanistan ist Mansur Faqiryar ein Held, seit er mit der afghanischen Nationalmannschaft den Südasien Cup gewann. Die Fußball-Euphorie in seinem Ursprungsland freut den Deutschen - er möchte dort mehr bewegen.

Mansur Faqiryar, der zur Zeit beliebteste Sportler in Afghanistan, lebt in Deutschland. In Afghanistan geboren, kam er als Kleinkind mit seinen Eltern, die vor dem Bürgerkrieg in Afghanistan flüchteten, nach Norddeutschland. Seit seiner frühen Kindheit spielt er begeistert Fußball. Heute ist der 28-Jährige Mannschaftskapitän beim VfB Oldenburg und studiert nebenbei Wirtschaftsingenieurwesen an der Universität Bremen. Kürzlich wurde Faqiryar von den Nutzern der Website des Norddeutschen Rundfunks zum "Nordsportler des Jahres" gewählt.

Deutsche Welle: Sie besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit und einen bisher erfolgreichen Lebenslauf in Deutschland. Warum haben Sie sich trotzdem entschieden, auch für die afghanische Nationalmannschaft zu spielen?

Mansur Faqiryar: Da muss man ganz ehrlich sein: Für die deutsche Nationalmannschaft reicht es einfach nicht, weil es in Deutschland schon immer sehr gute Torhüter gab. Da mir das schon früh klar war, habe ich die Chance beim Schopfe ergriffen, als sie sich mir bot: In den Jahren 2007 und 2008 trainierte ein deutscher Trainer die afghanische Nationalmannschaft und wollte mehr ausländische Spieler ins Land holen. Über ihn kam der erste Kontakt zustande. Außerdem war Afghanistan für mich immer eine Herzensangelegenheit. Vor allem, weil man in einem fernen Land aufwächst und in der Familie die afghanische Kultur, die Bräuche und Sitten mitbekommt, ohne je richtig das Land zu sehen. Afghanistan war immer etwas ganz Besonderes für mich. Und dann hatte ich das Glück, meinem Land einen kleinen Dienst zu erweisen.

Fiel es Ihnen anfangs schwer, sich an die afghanische Umgebung anzupassen?

Zu Beginn herrschte noch eine gewisse Distanz. Das war schon schwierig. Wir, die sechs afghanisch-deutschen Spieler wussten nicht, was auf uns zukommt, und die afghanischen Jungs wussten nicht, was auf sie zu kommt. Wir hatten in erster Linie Probleme mit der Sprache. Denn in Afghanistan sprachen einige Dari und andere Pashto, die zwei offiziellen Sprachen. Zu Anfang waren außerdem noch keine Strukturen vorhanden, denn der Fußball war in Afghanistan noch nicht so populär. Für mich war das trotzdem eine schöne Sache und meine Sprachkenntnisse haben sich seither ständig verbessert.

Welchen Eindruck hatten Sie, als Sie Kabul zum ersten Mal gesehen haben? Waren Sie geschockt über den Zustand der Zerstörung?

Geschockt würde ich nicht sagen. Ich bin ja relativ spät da gewesen. Es waren schon einige Jahre vergangen seit den Taliban. Ich war eher erstaunt über den Fleiß der Menschen, die an jeder Ecke Gebäude bauen und an den Fortschritt denken. Das zeigt ihren Lebenswillen und imponiert mir sehr.

Welche Bedeutung hatte Afghanistan für Sie während Ihrer Jugend in Deutschland?

Ich habe mich diesem Land schon immer sehr verbunden gefühlt. Die Nachrichten aus Afghanistan haben mich oft sehr mitgenommen. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich mich dann mit dem Land befasst und desto stärker wuchs die emotionale Bindung. Ich hätte aber nicht erwartet, dass sie so stark wird.

Seit dem ist viel Zeit vergangen und besonders die letzten Monate waren sehr turbulent. Sie sind 2013 fast über Nacht zum Volkshelden Afghanistans avanciert und wurden mehrfach ausgezeichnet. Was bedeutet das für Sie?

Ich halte nicht viel von dem Begriff Volksheld. Ich hatte einfach Glück und war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Ich konnte Fußball spielen und meinen Beitrag leisten. Einen Helden definiere ich anders. Für mich ist ein Held eine afghanische Witwe irgendwo in den Bergen, die es fertig bringt, ihre Kinder großzuziehen.

Diese Geschichte, die ich gerade erleben darf, erfüllt mich mit Stolz. Vor allem auch deshalb, weil sie für meine Eltern eine Genugtuung ist. Sie mussten vor 25 Jahren alles zurücklassen und unter schwierigsten Bedingungen leben, um uns ein besseres Leben zu ermöglichen. Was mich am meisten freut, ist, ihnen diesen Triumph mitgebracht zu haben.

Der Sieg im Südasien Cup hat das ganze Land in eine dreitägige Partystimmung versetzt. Viele junge Afghanen, die in ihrem Leben nur den Krieg kennen, haben zum ersten Mal in ihrem Leben so gefeiert. Die Freude der Menschen war am größten, als Sie nach dem Sieg nach Kabul zurückkehrten.

Sie war einfach überwältigend und faszinierend. Ich hatte ja den Wunsch, dass wir etwas bewegen können, wenn wir eines Tages mal einen Sieg erlangen, aber dass man wirklich solche Hoffnung in den Menschen erwecken kann, hätte ich nicht für möglich gehalten. Das ist nicht zu vergleichen mit einem Sieg hierzulande bei einer Weltmeisterschaft. In Afghanistan waren die Menschen total in Ekstase und haben sich darum geprügelt, uns die Hände zu küssen und uns hochzuheben.

Gerade hat der Fußball-Weltverband FIFA Afghanistan den "Fair Play Award" für faires und sportliches Verhalten auf dem Fußballplatz verliehen. Was bedeutet der Fußball Ihrer Ansicht nach für Afghanistan?

Die Freude der Menschen beweist, dass sie dem Sport, und besonders dem Fußball, sehr zugetan sind. Ein Grund ist, dass sie wenig Ablenkung haben. Außerdem ist der Sport unbelastet, unpolitisch und unabhängig von ethnischer Herkunft. Diese verbindende Kraft hat er überall in der Welt schon gezeigt. Aber nun haben auch die Afghanen sie erkannt. Sport hat die Kraft, Brücken zu bauen und Hindernisse zu überwinden.

Immerhin hat auch Präsident Karsai gesagt, dass die afghanische Nationalmannschaft etwas geschafft hat, das der Politik im letzten Jahrzehnt nicht gelungen sei. Welche Pläne haben Sie nun für die Zukunft?

Ich möchte den Afghanen das Gefühl, etwas Einmaliges erlebt zu haben, gerne zurückgeben. Am ehesten bietet sich, an eine Fußballschule zu bauen, um den Jungs Know How - auch von deutschen Trainern - zur Verfügung zu stellen. Es wird sich zeigen, wie das umsetzbar ist. Ohne Sponsoren aus der Wirtschaft und Politik wird das allerdings nicht gehen. Da gibt es also noch viel zu tun.

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