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Wirtschaft

Familienunternehmen fürchten neue Erbschaftssteuer

Bis zum Jahresende will die Regierung die Erbschaftssteuer reformieren. Unternehmens-Erben soll ein Großteil der Steuer erlassen werden, wenn sie die Firma bis zu 15 Jahre weiterführen. Vielen ist das zu lang.

Registrierkasse (Quelle: Bilderbox)

Ruiniert die Erbschaftssteuer deutsche Kleinunternehmer?

Nicht Großkonzerne, sondern mittelständische Unternehmen gelten als die stabilste Säule der bundesdeutschen Wirtschaft. Immerhin beschäftigen sie fast 70 Prozent aller Arbeitnehmer, bilden rund 80 aller Nachwuchskräfte aus und erwirtschaften über 45 Prozent aller steuerpflichtigen Umsätze. Bei den meisten handelt es sich um Familienunternehmen. Wie im Fall des ältesten Maschinenbauers in Deutschland, der Firma J. D. Neuhaus in Witten. Geschäftsführer Wilfried Neuhaus-Galade blickt nicht ohne Stolz zurück: "Wir sind hier ein sehr alteingesessener Maschinenbauer mit einer Tradition, die mittlerweile 263 Jahre zurückreicht. Wir sind in der Gründerfamilienhand seit Gründung im Jahr 1745 und heute in der 7. Generation."

Die Wurzeln des Unternehmens sind mit dem deutschen Bergbau verknüpft, doch mittlerweile hat man sich auf Produkte spezialisiert, die weltweit bei Bohrungen nach Öl und Gas gefragt sind. "Wir stellen pneumatische Hebezeuge her, das ist ein Spezialgebiet innerhalb der Fördertechnik", sagt Geschäftsführer Neuhaus-Galade. Circa 140 Mitarbeiter hat die Firma heute. Die Auftragslage bereitet Neuhaus-Galade zur Zeit kein Kopfzerbrechen. Dafür, wie vielen anderen Familienunternehmern auch, die anstehende Reform der Erbschaftssteuer.

Gefahr Erbschaftssteuer

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (Quelle: AP)

Bundesfinanzminister Peer Streinbrück sucht nach einer Eingung bei der Erbschaftssteuer

Nach den bisherigen Plänen sollen im Erbschaftsfall 15 Prozent des aktuellen Unternehmenswertes versteuert werden. Dabei geht es im Einzelfall um Millionen. Doch diesen Steuersatz gibt es nur dann, wenn die Erben das Unternehmen mindestens zehn bis 15 Jahre fortführen, keinen nennenswerten Personalabbau durchführen und nicht die Lohnsumme von 70 Prozent unterschreiten. Ansonsten schlägt der Fiskus gnadenlos nachträglich zu.

Ein solches wohlfeiles Verhalten, wie es Wilfried Neuhaus-Galade bezeichnet, könne man von keinem verantwortungsbewussten Erben erwarten. "Sinnvoll in dem Sinne aus heutiger Sicht, so wie es geplant ist, empfinde ich die Steuer absolut nicht. Denn diese langen Haltefristen sind absolut nicht akzeptabel und man sieht ja an der derzeitigen Situation, man kann nicht über zehn beziehungsweise 15 Jahre ein Unternehmen so führen, wie an dem Tag, an dem man es geerbt hat."

"Ein Unternehmen muss atmen"

Bergarbeiter (Quelle: AP)

Im Bergbau sind in den vergangenen Jahren etliche Arbeitsplätze weggefallen - 15 Jahre Bestandsschutz halten Unternehmer deshalb für unrealistisch

70 Prozent des Firmenvermögens hat ihm der Vater durch Schenkungen bisher übertragen – und dafür hat Wilfried Neuhaus-Galade auch nach den geltenden Sätzen Steuern gezahlt. Aus seinem Privatvermögen. Denn: die Erbschaftssteuer ist eine persönliche Steuer, die man nicht einfach aus dem Unternehmen herausziehen kann, ohne die Substanz der Firma zu gefährden. Außerdem gibt der Familienunternehmer zu bedenken: "Die Zahl der Arbeitsplätze zu garantieren, wäre fatal für ein Unternehmen. Und das wäre auch nicht im Sinne einer Volkswirtschaft, denn ein Unternehmen muss atmen."

Mit atmen meint er: auf Marktentwicklungen reagieren zu können. Als Wilfried Neuhaus-Galade als Erbe ins Unternehmen eintrat, lebte man noch fast ausschließlich vom deutschen Bergbau. Als dieser in die Absatzkrise stürzte, sah man sich gezwungen, sich von der Hälfte der 250 Mitarbeiter zu trennen. Ansonsten wäre das Unternehmen in die Insolvenz gegangen.

Abwanderung nach Österreich?

Sich also bei einer Erbschaftsannahme dazu zu verpflichten, künftig so gut wie kein Personal abzubauen, dafür wagt kaum ein Unternehmer, auch mit dem Hinweis auf die aktuelle Finanzwirtschaftskrise, eine Garantieerklärung abzugeben. Nicht wenige deutsche Familienunternehmen erwägen darum eine Abwanderung ins Ausland, bevorzugt ins nahe Österreich.

Auf welche Konditionen der Erbschaftssteuer sich die Regierungsparteien verständigen werden, ist bisher noch nicht absehbar. Aber im Zuge einer breiten öffentlichen Gerechtigkeitsdiskussion scheinen weder CDU noch SPD Familienunternehmer vor den nächsten Bundestagswahlen ungeschoren davon kommen lassen zu wollen, wie Unternehmer Neuhaus-Galade einem Vortrag von Kanzlerin Angela Merkel entnommen hat. "Frau Merkel hat – und das hab ich auch hören dürfen, die hat gesagt, dass sie den nächsten Bundestagswahlkampf nicht mit dem Thema Erbschaftssteuer gegen einen Herrn Lafontaine begehen will."

Die Steuereinahmen sind relativ gering

Reiche will im Wahlkampf offenbar keine Partei schonen. Nur was heißt bei Mittelständlern schon "reich". Und diese Mittelständler nach diesem Erbschaftssteuermodell zur Kasse zu bitten, das beschert dem Bundesfinanzminister nicht einmal ein Prozent aller Steuereinnahmen. Pro Jahr brächte diese Regelung rund vier Milliarden Euro ein. Nicht eingerechnet mögliche finanzielle Verluste bei Absatzkrisen oder einem konjunkturell bedingten Arbeitsplatzabbau. Nicht wenigen potenziellen Erben erscheint das Risiko, das Familienunternehmen fortzuführen, zu groß und sie erwägen, bei allem Traditionsbewusstsein, den Verkauf der Firma.

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