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Welt

Familie gegen Dschihadismus

Die Idee kommt aus Deutschland: radikalisierte Islamisten durch eine gute Familienberatung wieder zu mäßigen. Schon bald soll das Konzept auch in England zum Einsatz kommen, und nicht nur dort.

Der junge Muslim war schon in den "Heiligen Krieg" aufgebrochen. Er hatte Deutschland verlassen und durchlief in Ägypten verschiedene Trainingscamps für Dschihadisten. Ab und zu schrieb er noch E-Mails an seine Familie. Diese wandte sich kurz nach seinem Verschwinden an die Beratungsstelle

Hayat

in Berlin. Die Mitarbeiter dort setzten sich mit der Familie zusammen, gingen E-Mail für E-Mail durch und halfen dabei, die richtigen Worte für die Antwort-Mails zu finden.

Daniel Köhler ist einer der Hayat-Mitarbeiter. Er kennt die Tricks, mit denen die Ausbilder in den Camps arbeiten: "Nicht einmal deine Familie wird dich und deinen Glauben akzeptieren, sie werden versuchen, dich hier rauszuholen", werde den Ankömmlingen gesagt. Das sei dann der Beweis dafür, dass auch die Familie zum Feind gehört.

Die Strategie der Hayat-Berater war in diesem Falle, dass sich die Familie nie so verhielt, wie sie es der radikalen Ideologie zufolge tun würde. Konfrontation sollte in jedem Falle vermieden werden. Geduldig bot sich die Familie als Gesprächspartner an. Als dem Sohn Zweifel an seinem radikalen Ansatz kamen, schlug die Familie eine Auszeit für ihn vor, in einem anderen Land. Dort ließ sich der junge Mann tatsächlich nieder, fernab der Camps. Er gründete eine Familie und hält seitdem weiter engen Kontakt zu den Eltern.

Erfolge durch Wissen

Die Beratungsstelle Hayat hat dazu beigetragen, dass der junge Muslim deradikalisiert wurde. Das Programm, das es seit 2011 in Deutschland gibt, hat offenbar weltweit für Aufsehen gesorgt: "Hayat" ist arabisch und heißt "Leben". In dem Projekt engagieren sich eine handvoll Leute, die über eine Hotline zu erreichen sind. Die Mitarbeiter fungieren als Brücke in alle Richtungen, vermitteln zwischen Eltern, Kindern, Schulen, Imamen. Wenn es nötig wird, sprechen sie auch mit Polizei und Behörden.

Deutsche in einem Dschihadisten-Camp in Pakistan (2009) - Foto: dpa

Deutsche in einem Dschihadisten-Camp (2009): "Nicht einmal deine Familie wird dich akzeptieren"

"Unser Ansatz bei Hayat ist, mit der kompletten Familie zu arbeiten, mit allen, die eine positive Beziehung zu dieser Person haben", sagt Berater Köhler. Die Familie soll gestärkt werden als sichtbare Alternative zu radikalen Ideologien. Die Argumente dazu liefere häufig der Islam selbst: "Es gibt klare Aussagen des Propheten Mohammed, dass das Paradies zu Füßen der Mutter liegt", so Köhler. "Wenn man Muslim ist, kommt man nicht darum herum, dass die Eltern und vor allem die Mutter einen ganz besonderen Stellenwert haben."

In den vergangenen Jahren konnte Hayat so schon Dutzenden Menschen helfen. Einige haben den Ausstieg aus der radikalen Szene komplett geschafft, bei anderen konnte die Radikalisierung zumindest verlangsamt werden. "Es ist ein langwieriger Prozess", meint Köhler. Vergleichbare Fälle im Bereich Rechtsextremismus ziehen sich oft über Jahre, zeigt die Erfahrung des Neonazi-Ausstiegsprogramms

Exit

, das ein Vorbild für Hayat war. Die Hilfe zum Ausstieg sei auch bei radikalisierten Muslimen aufwendig: "Im Moment arbeiten wir 200 bis 300 Prozent über der Kapazitätsgrenze", sagt der Berater über Hayat. Und die Zahl der Anfragen steigt weiter.

Export nach England

Die Idee ist so überzeugend, dass sie jetzt in andere Länder exportiert wird. Dazu beigetragen haben auch Anrufer aus Österreich, Kanada, Frankreich oder Schweden, die im Internet auf die deutsche Telefonhotline gestoßen waren. Ein vergleichbares Angebot gab es in ihren Ländern nicht. Die Hilfesuchenden hofften, davon profitieren zu können, dass die Telefon-Beratung in Berlin nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Türkisch, Arabisch, Englisch und zur Not auch in weiteren Sprachen durchgeführt werden kann.

Hayat wird aber vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge finanziert, auch dieses Amt hat eine zentrale Erstanlaufstelle für ratsuchende Eltern eingerichtet. Für die Finanzierung wird also deutsches Steuergeld verwendet, und deshalb sollte sich das Angebot eigentlich an Menschen in Deutschland richten. "Es war klar, dass wir - auch von den Ressourcen her - nicht in der Lage sind, weltweit Familienberatung durchzuführen", sagt Köhler. So entstand schnell die Idee der internationalen Zusammenarbeit.

Demonstration von radikalen Salafisten in Frankfurt am Main - Foto: Arne Dedert (dpa)

Islamisten-Demonstration in Frankfurt am Main: Aussteigernetzwerk als Gegengewicht

In England wird es wohl schon bald so weit sein. Simon Cornwall vom staatlichen

London Probation Trust

brachte die Idee in die britische Hauptstadt. Zusammen mit einem Kooperationspartner, der Nichtregierungsorganisation

Active Change Foundation

, steht Hayat England jetzt in den Startlöchern. Das britische Parlament muss in den kommenden Wochen noch die Finanzierung absegnen, aber alle Beteiligten glauben an einen baldigen Beginn der Beratung in London.

Aufbau eines Netzwerks

Geplant ist, dass nicht nur Hayat England entsteht, sondern auch Hayat Australien oder Hayat Kanada. "Es soll einen intensiven Austausch zwischen diesen Programmen geben", sagt der deutsche Berater Daniel Köhler zu den Zielen. Noch ist es aber nicht so weit. "In Kanada und den Niederlanden sieht es sehr gut aus", ist er überzeugt. "Da ist das Ziel, in den nächsten Monaten Beratungsstellen zu gründen." Auch in Australien gebe es ein starkes Interesse, aber die Gespräche dort haben gerade erst begonnen.

Im Idealfall könnten sich die nationalen Dependancen des Netzwerks dann gegenseitig unterstützen. Die deutschen Hayat-Mitarbeiter wollen die neuen Berater im Ausland ausbilden und helfen, die Programme dort zu starten. Später könnten sich die Mitarbeiter dann länderübergreifend gegenseitig Tipps zu speziellen Fällen und Entwicklungen geben. Ein internationales Aussteigernetzwerk kann schließlich ein wertvolles Gegengewicht zur Dschihadisten-Szene bilden, die auch nicht an Ländergrenzen haltmacht.

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