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Europa

Falsche Verheißungen

Seit Rumänien zur EU gehört, kommen immer mehr junge Frauen nach Italien, um ihr Geld als Prostituierte zu verdienen. Dort geraten sie oft in die Hände skrupelloser Menschenhändler.

Zwei Geldscheine stecken im BH einer Frau (06.04.2004)

Die Hoffnung auf mehr Geld lockt die meisten jungen Frauen aus Rumänien nach Italien

An den Hauptverkehrsstraßen Bolognas stehen kurz vor Mitternacht trotz Nieselregens im Abstand von ein paar Hundert Metern Prostituierte und warten auf Kundschaft. Die Männer von der katholischen Hilfsorganisation "Comunità Papa Giovanni XXIII" machen im Auto die Runde, verteilen kleine Zettelchen mit einer Telefonnummer – für den Notfall. Auf Italienisch sprechen sie die jungen Frauen an, fragen, wie es ihnen geht.

Prügel und Waffen

Strassenprostituierte in Italien

Warten auf Kundschaft: Prostituierte auf einem Straßenstrich in Italien

Die Frauen zeigen sich nur mäßig an solcher Hilfe interessiert. Hellhörig werden sie erst, als Alexandra Mares das Wort an sie richtet – auf Rumänisch. Die 20-Jährige war selbst Prostituierte – jetzt versucht sie, andere Rumäninnen vor ihrem Schicksal zu bewahren.

"Du darfst deinen Körper nicht zerstören. Ich weiß, wie das ist", redet Alexandra Mares auf eine der Frauen ein. Sie selbst sei sehr oft verprügelt worden und habe ein Mädchen gekannt, das sogar erschossen worden sei, fährt die 20-Jährige fort. "Du willst mir doch nicht erklären, dass du für deinen Platz hier nichts bezahlen musst!" Ihr Gegenüber, sie nennt sich Laura, winkt ab. Nein, es gebe keinen Zuhälter, sie gehe auf eigene Faust anschaffen, weil sie in Rumänien mit normaler Arbeit ihr Kind nicht durchbringen könne. Dort verdiene sie 200 oder 300 Euro, da bleibe nach Abzug von Miete und Essen nichts für ihr Kind übrig.

Mit 13 verkauft

Hausfassade mit der Beschriftung sex sex sex

Das Geschäft mit der körperlichen Liebe ist eines der einträglichsten - oft nur für die Zuhälter

In Italien dagegen lockt das schnelle Geld. Seit Rumänien Mitglied der Europäischen Union ist, sind die Grenzen auch für die jungen Frauen offen. Auf dem Straßenstrich in Bologna bilden die Rumäninnen die größte Gruppe. Massimo Socaroci von der Stiftung "Papa Giovanni" beobachtet, dass die Mädchen mittlerweile freiwillig kommen – ohne zu wissen, was auf sie zukommt: "Sie sind nicht darauf vorbereitet, dass es hier derartig hart und gewalttätig zugeht. Sie denken, alles wird viel einfacher." Die Mädchen und Frauen würden nicht erwarten, in Italien gefangen gehalten und missbraucht zu werden. "Aber so ist das hier meistens", sagt Massimo Socaroci.

Alexandra Mares war 13, als ihre Mutter sie an einen Zuhälter verkaufte. Nach einigen Jahren wechselte sie für zweitausend Euro den Besitzer und kam nach Italien. Rumänien war damals noch nicht EU-Mitglied – aber kein Grenzer hielt den Zuhälter mit der minderjährigen Alexandra auf. "Sie haben 200 Euro in den Reisepass gelegt. Die Unterschrift meiner Mutter ist vor den Augen des Beamten gefälscht worden. Dann haben wir ohne weiteres die Grenze passiert", erinnert sich Alexandra Mares. "Wir hätten auch noch 20 weitere Mädchen mitnehmen können – keinen hätte das gestört."

Rückkehr in die Gesellschaft

Rumänische und europäsische Flaggen nebeneinander

Rumänien ist 2007 der EU beigetreten

Alexandra wurde schließlich von Mariana Petersel gerettet und nach Rumänien zurückgebracht. Die umtriebige ältere Dame hat im westrumänischen Temeschwar einen Verein gegründet, der sich um die Reintegration junger Prostituierter kümmert. Mit ihrer Hilfe besucht Alexandra jetzt eine Landwirtschaftsschule.

Die praktische Hilfe ist das eine, aber Mariana Petersel versucht auch, den jungen Frauen, die bei ihr Unterschlupf finden, ihre Würde zurückzugeben. Sie vermittle ihnen, anderen ohne Scham begegnen zu können, sagt die Vereinsgründerin. "Ich sage: ‚Ihr macht jetzt wertvolle Sachen - für euch selbst, aber auch für die Menschen in eurer Umgebung", erzählt sie.

Mädchenhändler haben leichtes Spiel

Mariana Petersel und ihr Verein engagieren sich nicht nur für die Rückkehr rumänischer Prostituierter in ihre Heimat, sie versuchen auch, die Mädchen in Temeschwar vom Strich zu holen. Das sei noch schwieriger als in Italien: "Die kriminellen Zuhälterbanden haben die Lage voll unter Kontrolle. Sie antworten mit grober Gewalt auf unsere Annäherungsversuche", erzählt Mariana Petersel. Und das sei gefährlich. So müsse man aufpassen, die eigenen Angehörigen nicht durch seine Arbeit in Gefahr zu bringen.

Prostitution sei auch im armen Rumänien ein einträgliches Geschäft – nicht für die Mädchen, aber für die Zuhälter. Und so lange die wirtschaftliche Situation so miserabel bleibe, wie sie sei, hätten die Mädchenhändler leichtes Spiel.

Autorin: Birgit Augustin
Redaktion: Sandra Voglreiter

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