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Fokus Osteuropa

Fall Politkowskaja: Diskussion um die Tatmotive

Niemand bezweifelt, dass der Mord an der russischen Journalistin Anna Politkowskaja ein politisch motivierter Auftragsmord war. Dennoch gehen die Spekulationen auseinander, wer daran Interesse gehabt haben könnte.

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Spekulationen in russischen Medien

Anna Politkowskaja war national und international die bekannteste Journalistin, die über die Lage im Nordkaukasus recherchiert und berichtet hat. Im Ausland war sie sogar bekannter und geachteter als in Russland. Von daher sorgte der Mord in ihrer Heimat auch nur für verhältnismäßig geringes Aufsehen.

Verdacht gegen Ramsan Kadyrow

Die ersten Äußerungen zu den möglichen Motiven für die Tat kamen von Politkowskajas Kollegen. Sie sind überzeugt, dass sie wegen ihrer beruflichen Tätigkeit ermordet wurde. Der stellvertretende Chefredakteur der "Nowaja Gaseta", Witalij Jaroschewskij, führt den Mord auf mehrere Artikel zurück, die Politkowskaja über die tschetschenische Regierung unter Ramsan Kadyrow geschrieben hatte. "Es könnte die Rache von Leuten sein, die Kadyrow unterstützen, aber es könnte auch eine vielschichtige Provokation sein, die gegen ihn abzielt", überlegt er. "Die Tatsache, dass der Mord sofort mit seinem Namen in Verbindung gebracht wurde, ist verständlich, weil Anna viel über Kadyrows Regime, aber auch viel über Kadyrow selbst geschrieben hat." In einer ihrer letzten Veröffentlichungen bezeichnete Politkowskaja Kadyrow als "Stalin unserer Zeit". Ferner hatte die Journalistin erklärt, es sei ihr Wunsch, den tschetschenischen Premier auf der Anklagebank sitzen zu sehen.

Den Verdacht von Politkowskajas Kollegen teilen aber nicht alle. Beispielsweise ist der Experte des Moskauer Carnegie-Zentrums, Aleksej Malaschenko, der Ansicht, dass der Regierungschef Tschetscheniens an dem Mord nicht beteiligt war. Das sei für Kadyrow nicht von Vorteil. "Es ist offensichtlich, dass Ramsan Kadyrow an dem Mord nicht interessiert war. Es würde ihm nichts weiter einbringen als den Vorwurf, dass seine Methoden absolut unangemessen seien. Das kann er nicht gebrauchen. Deswegen gehe ich nicht davon aus, dass es jemand in Kadyrows Auftrag war."

Das Schweigen des Kreml

Die ausländische Presse zeigte sich irritiert darüber, dass sich der Kreml nicht zu dem Mord an Anna Politkowskaja geäußert hatte. Die Besorgnis wuchs weiter, als auch auf die Hinweise im Internet nicht reagiert wurde, wonach Politkowskaja ausgerechnet am Geburtstag von Präsident Wladimir Putin starb. Auch nahm der Kreml keine Notiz von der spontanen Kundgebung zum Gedenken an Anna Politkowskaja. Die Kundgebung stand unter dem Motto "Der Kreml hat die Meinungsfreiheit ermordet".

Das sei erschreckend, erklärte die Leiterin des Zentrums für ethnische und konfessionelle Probleme der Medien, Sulieta Kusowa. Die Autorin der Studie "Von Nord-Ost bis Beslan" sieht darin eine allgemeine Tendenz. "Ich habe alle Nachrichten aller Kanäle verfolgt – es war erschreckend. Man muss Angst um unsere Journalisten-Gemeinschaft haben, der offenbar der Zusammenhalt verloren geht. Vielfach wurde das Thema erst am Ende der Sendung erwähnt, als Tat mit kriminellem Hintergrund", berichtet sie. Die fehlende Solidarität hat auch Auswirkungen auf ihre eigene Arbeit. "Ich weiß nicht, wie ich meinem Beruf künftig nachgehen soll. Ich befasse mich mit dem Thema ‚Kaukasus-Phobie und Islam-Phobie’ und muss brisante Dinge erwähnen. Ehrlich gesagt: Ich habe Angst."

Eine Provokation von Putins Gegnern?

Der Mord an Anna Politkowskaja könnte aber auch eine großangelegte Provokation sein, in der die bekannte Journalistin zu einem unfreiwilligen Opfer und zur Geisel ihres eigenen Ansehens wurde. Der Politologe Pawel Swjatenkow schreibt, Putins Gegner hätten nun eine Möglichkeit, sich mit großem Nutzen für das Thema Politkowskaja als "russischen Gongadse" zu propagieren. Der regimekritische, georgisch-ukrainische Journalist Georgi Gongadse war Anfang November 2000 ermordet aufgefunden worden.

Der Führer der Partei Jabloko, Grigorij Jawlinskij, bezeichnete in einer Mitteilung den Mord als "politisch". Er fügte hinzu: "Wer auch immer der tatsächliche Auftraggeber des Mordes an der Journalistin ist und welche Ziele auch immer damit verfolgt wurden, so öffnet Anna Politkowskajas Tod eine neue Seite in der Geschichte des heutigen Russland. Aber irgendwie möchte man sie gar nicht lesen."

Dem schließt sich auch der Generalsekretär des Journalistenverbandes Russlands, Igor Jakowenko, an. "Das ist ganz klar eine neue Seite in der Geschichte Russlands, weil es in den letzten Jahren so etwas nicht gegeben hat", sagt er. "Natürlich wurden Journalisten ermordet, aber nicht so bekannte und nicht so offen. Anna Politkowskaja war zweifellos die Journalistin Nummer Eins, was die Brisanz der von ihr aufgegriffenen Themen, die Kompromisslosigkeit und Ehrlichkeit betrifft." Jakowenko zufolge wurden in den vergangenen 15 Jahren in Russland 246 Journalisten ermordet. "Aber die Täter wurden nie gefunden".

Jegor Winogradow, Moskau
DW-RADIO/Russisch, 9.10.2006, Fokus Ost-Südost