1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kunst

Fall Gurlitt: Blick ins Depot der Bonner Bundeskunsthalle

Fünf Jahre sind seit dem spektakulären "Schwabinger Kunstfund" vergangen. Im Herbst werden jetzt erstmals Bilder aus dem Gurlitt-Konvolut gezeigt. Die Bundeskunsthalle erlaubte einen Blick durchs Schlüsselloch.

Über ungezählte Treppenstufen führt der Weg hinab ins Allerheiligste. Sechs Restauratoren beugen sich im Gemäldedepot der Bundeskunsthalle in Bonn gleichzeitig über millionenschwere Kunstwerke. Kratzen, Pinseln, Fegen, Pusten, Schneiden - dem "Weiblichen Rückenakt" von Aristide Maillol bleibt auch nichts erspart: die Rötelzeichnung des französischen Künstlers zählt zum Konvolut von rund 250 Kunstwerken, die ab Herbst zwei Stockwerke höher hängen werden - in der "Bestandsaufnahme Gurlitt" der Bundeskunsthalle, so der Titel der Ausstellung.

Bundeskunsthallen-Chef Rein Wolfs vor einem Bild von Claude Monet (Picture alliance/dpa/H. Kaiser)

Rein Wolfs vor einem Gemälde von Claude Monet

Eigentlich war die Schau mit Werken aus dem Konvolut der Kunstsammlung Gurlitt schon für vergangenen November geplant. Dann zog sich der Erbstreit um das Testament in die Länge. Cornelius Gurlitt, der Sohn des Nazi-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, hatte seine kostbare Hinterlassenschaft aus 1500 Kunstwerken dem Kunstmuseum Bern vermacht. Verwandte von ihm erhoben juristische Einwände. Erst als der Erbstreit schließlich entschieden und das Testament Gurlitts für gültig erklärt war, ließ sich das Ausstellungsprojekt realisieren.

Keine "Raubkunst", aber "Verdachtsfälle"

Von November 2017 an werden nun Teile des Gurlitt-Konvoluts erstmals öffentlich zu sehen sein: Den Auftakt macht das Kunstmuseum Bern am 1. November. Tags darauf startet Teil zwei der Doppelschau in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Auf "Entartete Kunst" will man sich in der Schweiz, auf die - etwas delikatere - NS-Raubkunst in der Bundeskunsthalle konzentrieren. Delikat deshalb, weil bei rund 200 Werken Herkunft und Geschichte noch nicht abschließend geklärt sind. Sie könnten in der Nazizeit geraubt, beschlagnahmt oder von jüdischen Emigranten abgepresst worden sein. "Aber wir reden nicht von Raubkunst", betont Bundeskunsthallen-Chef Rein Wolfs, "wir sprechen von Verdachtsfällen."

Auftragsschein für den Restaurator (DW/S. Dege)

Auftragsschein für die Restaurierung

"Die Forschungen laufen", unterstreicht auch Co-Kuratorin Agnieszka Lulinska. Gemeint ist die mühsame Detektivarbeit der Provenzienzforscher, die zuletzt immer öfter auch in das Bundesarchiv in Koblenz führte, wo der - mittlerweile digitalisierte - schriftliche Nachlass von Hildebrand Gurlitt lagert: Rund 10.000 Schriftstücke, darunter Briefe, Unterlagen, Bücher, Dokumente und massenhaft Fotos.

Debatte über Umgang mit Raubkunst

Der spektakuläre Kunstfund in der Schwabinger Wohnung von Cornelius Gurlitt hatte 2013 weltweit Aufsehen erregt. Und nicht nur in Deutschland eine hitzige Debatte über den Umgang mit Kunstwerken entfacht, die von den Nationalsozialisten geraubt wurden. Gurlitts Vater Hildebrand war einer der Kunsthändler Adolf Hitlers und Einkäufer für das geplante "Führermuseum" in Linz. Als Cornelius Gurlitt im Mai 2014 starb, hinterließ er seine millionenschwere rund 1500 Werke umfassende Sammlung per Testament dem Kunstmuseum Bern.

Bestandsaufnahme Gurlit (Picture alliance/dpa/H. Kaiser)

Engagierte Kuratorin: Agnieszka Lulinska

Was genau die Bonner Gurlitt-Schau im Herbst zutage fördert? Dieses Rätsel möchte der Direktor der Bundeskunsthalle noch nicht lüften. Sensationen werden es kaum sein. In fünf Kapitel wollen Rein Wolfs und Agnieszka Lulinska die 200 Papierarbeiten, 50 Gemälde und fünf Skulpturen auffächern: Von der Kunst der Moderne nach dem 1. Weltkrieg reicht das Spektrum über die sogenannte "Entartete Kunst", über Kunstwerke des "Sonderauftrages Linz", bis hin zur Kunst der "Stunde Null" nach 1945. Der Kunsthandel in den von Deutschland besetzten Gebieten wird ebenso beleuchtet, wie das Schicksal der von den Nazis enteigneten jüdischen Kunsthändler und Kunstsammler. Schließlich wird in der Bundeskunsthalle auch für die Dauer der Ausstellung für Besucher eine "Werkstatt Provinienzforschung" eingerichtet.

Chefrestrauratorin Ulrike Klein mit einer Plastik von August Rodin (DW/S. Dege)

Chefrestauratorin Ulrike Klein mit einer Plastik von Auguste Rodin

Auch Jahre nach dem spektakulären Kunstfund in Cornelius Gurlitts Wohnung ist die Herkunft der meisten Werke ungewiss. "Wir müssen uns wahrscheinlich damit abfinden, dass bestimmte Provenienzen nie endgültig geklärt werden", bedauert Kuratorin Agnieszka Lulinska. Wie in einem vollgestellten Kunst-Depot muss es in Cornelius Gurlitts Münchener Wohnung ausgesehen haben. "Und extrem feucht war es in seinem Salzburger Haus", klagt Chefrestauratorin Ulrike Klein. Sprichts und beugt sich wieder über eins der damals sichergestellten ramponierten Kunstwerke.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links