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Lebensart

Falkenklinik im Wüstensand

Im "Abu Dhabi Falcon Hospital" behandelt die deutsche Veterinärin Dr. Margit Müller die Lieblinge der Emiratis. Die Klinik ist das weltweit führende Zentrum für die medizinische Versorgung der imposanten Greifvögel.

Sweihan Road-Al Shamkha, 35 Autominuten außerhalb von Abu Dhabi City: Die achtspurige Autobahn läuft schnurgerade auf die Wüste zu. Im Rückspiegel verschwinden die Wolkenkratzer, mondänen Einkaufszentren und luxuriösen Wohnviertel. Hinter der Toreinfahrt zum Hospital steht ein überdimensionaler, riesiger Falke auf einem Sockel und macht jedem klar: Hier dreht sich alles um Greifvögel.

Jedes Jahr werden im Falkenhospital bis zu 11.000 Falken behandelt, über 75.000 waren es seit der Eröffnung 1999. In den Emiraten kennt jeder Falkner die Leiterin der Klinik: Die 49-jährige "Doctora" Margit Müller, wie die Chefärztin aus Deutschland hier genannt wird, leitet das "Abu Dhabi Falcon Hospital"seit 2001. Noch immer ist sie von ihren Patienten begeistert: "Falken sind faszinierend, weil das so unabhängige Charaktere sind, und ihre Art des sich Ausdrückens ist absolut einmalig, magisch!"

Intensivstation und OP-Saal inklusive

Die Klinik gilt als weltweit führendes Zentrum für Falkenmedizin. Sie ist mit allem ausgestattet, was auch ein Krankenhaus für Menschen bietet, nur dass "unsere Patienten Flügel haben und keinen Fernseher im Zimmer", so Müller: Operationssaal und Quarantänebereich für infektiöse Krankheiten, Labor, Röntgen- und sogar eine Intensivstation.

Viele Falken kämmen für Routine Check-ups, die meisten weil sie nicht gut fressen und Infektionen haben. Denn Falken infizieren sich relativ häufig, erklärt Müller. Wenn sie ein Beutetier jagen, "dann meist die letzte, schwächste Ente, die in der Gruppe fliegt, und die ist meistens eine erkrankte." Daneben werden gebrochene Beine oder abgeknickte Federn und Fleischwunden behandelt.

Ein Falke auf dem OP-Tisch (DW/M. Marek)

Vor der Krallen-OP gab es eine Narkose

Falken als Bindeglied zwischen Tradition und Moderne

Die Jagdfalken sind der liebste Zeitvertreib der Emiratis. Früher haben sie den Beduinen beim Überleben in der Wüste geholfen. In der arabischen Gesellschaft sind sie keine Haustiere, sondern Familienangehörige, die liebevoll gehegt und gepflegt werden, berichtet Müller. "Die leben in der Familie, haben ihren Platz im Wohnzimmer, viele schlafen im Schlafzimmer beim Besitzer." Durch den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg der Golfstaaten bei dem die Beduinen innerhalb von 50 Jahren in eine moderne, hochtechnologische Welt katapultiert wurden, seien die Falken zu einem Bindeglied zwischen Moderne und Tradition geworden, meint die Tierärztin.

Die Wiege der Falknerei liegt im persisch-arabischen Raum und wurde erst während der christlichen Kreuzzüge nach Europa gebracht. Dort hatte sie ihre Blütezeit im Mittelalter. Aus der Feder Friedrich II. von Hohenstaufen stammt das berühmte, Mitte des 13. Jahrhunderts verfasste Falkenbuch: "Von der Kunst, mit Vögeln zu jagen". Damals war Falknerei noch der Sport der Könige, ein Vergnügen der Aristokratie. 

Auf der arabischen Halbinsel hingegen hatte die Falknerei eine ganz andere Bedeutung. Bevor das Erdöl die Emiratis reich machte, war ihr Speisezettel ziemlich eintönig. Sie lebten von Datteln, Fisch und Kamelmilch. Mit dem Falken, die im Sturzflug über 300 Kilometer pro Stunde erreichen können, gingen sie auf die Jagd, um zusätzlich Fleisch zu bekommen.

Kulturgut Falknerei

Falkner fanden und finden sich in allen Schichten, in den Herrscherfamilien ebenso wie bei den einfachen Beduinen. Die Falknerei, so Müller, sei eine der wenigen Möglichkeiten zu den eigenen Wurzeln zurückzukehren: "So können die Emiratis mit den Falken ihre Identität und Werte behalten."

Daher sei es auch  kein Zufall, dass die Initiative, die Falknerei als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anzuerkennen, von den Vereinigten Arabischen Emiraten ausging, erklärt Müller. 2010 war es dann soweit. Mit der Konvention will die UNESCO kulturelles Erbe schützen und fördern, das durch die Entwicklung der Moderne gefährdet ist.

Ein Falke sitzt auf einer behandschuhten Hand (DW/M. Marek)

Falken gehören in den Vereinigten Arabischen Emiraten zur Familie

Patriarchalisches System

Tradition und Moderne liegen in Abu Dhabi dicht beieinander: Hier gibt es eines der größten Sonnenkraftwerke der Welt, den Themenpark "Ferrari World" und demnächst ein eigenes Louvre-Museum. Gleichzeitig herrscht hier immer noch eine patriarchalische konstitutionelle Monarchie. Auch die Falknerei war und ist fest in Männerhand: "Früher dachten die Beduinen, der große Falke muss das männliche Tier sein und haben ihm männliche Namen gegeben", so Müller.

Erst durch die moderne Medizin kam heraus, dass die großen Falken tatsächlich Weibchen und um ein Drittel größer als die Männchen sind - eine absolute Ausnahme im Tierreich: "Wir haben bis heute Beduinen, die dies nicht glauben wollen. Denen fällt es schwer, das zu verstehen."

Frauenkarriere im Patriarchat

Margit Müller wurde in Weißenhorn nahe Ulm geboren. Nach dem Studium in Deutschland und Frankreich schrieb die Veterinärin ihre Promotion in München über Fußerkrankungen bei Falken, für den praktischen Teil der Doktorarbeit ging sie nach Dubai. Dort stieß ihr Werk auf große Beachtung. Am Ende gab es ein überraschendes Angebot: die Falkenklinik in Abu Dhabi aufzubauen.

Das war angesichts der männlichen dominierten Gesellschaft kein leichtes Unterfangen: "Die Falkner waren nicht gewöhnt, dass eine Frau Tierärztin ist, und die Mitarbeiter waren nicht gewöhnt, dass eine Frau hier das Sagen hat. Aber mir war klar: Ich lasse mich nicht von euch vertreiben. Ich schaffe das trotzdem!"

Falkenflug im Flugzeug

Heute ist die Falkenexpertin längst über die Grenzen der Emirate hinaus bekannt und mit einer Erfahrung und einem Datenpool ausgestattet, der weltweit seinesgleichen sucht. Auch wenn es einige Zeit dauerte, bis die Emiratis Vertrauen zu der quirligen Deutschen fassten: Heute ist die Schwäbin eine geachtete Institution in Abu Dhabi und gilt als Koryphäe auf ihrem Gebiet.

Da lässt man gern schon mal seinen Falken durchchecken, bevor es auf Reisen geht:  Mit einem eigenen Pass ausgestattet dürfen die Tiere nämlich mit an Bord der staatlichen Fluggesellschaft Etihad - und selbstverständlich bekommen sie auch einen eigenen Sitzplatz.  

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