Fakten zum Kaiserschnitt: Risiko oder Rettung? | Wissen & Umwelt | DW | 11.05.2018
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Gesundheit

Fakten zum Kaiserschnitt: Risiko oder Rettung?

In vielen Industrieländern ist die Kaiserschnittrate in den letzten 20 Jahren extrem gestiegen. Die WHO rät dazu, die Eingriffe zu reduzieren. Da sind Ärzte und Hebammen gefragt, aber auch die werdenden Mütter.

In welchen Ländern gibt es besonders viele Kaiserschnitte?

In den meisten Teilen Europas, Asiens und Amerikas wird jedes vierte Kind per Kaiserschnitt geboren, in Deutschland jedes dritte und in Brasilien sogar jedes zweite. Im Gegensatz dazu ist die Kaiserschnittrate in vielen Ländern in Sub-Sahara Afrika extrem niedrig. Im Niger, dem Tschad, Äthiopien, Burkina Faso und Madagaskar werden am wenigsten Kaiserschnitte durchgeführt. In diesen Ländern werden unter zwei Prozent aller Kinder per Kaiserschnitt geholt, also weniger als zwei von 100.

Mehr dazu:Elective C-section births on the rise in Kenya 

Welche Kaiserschnittrate ist "gut"?

Die WHO empfiehlt einen Kaiserschnittanteil von zehn bis 15 Prozent. Das entspricht im Schnitt der Zahl an Geburten, bei denen es Komplikationen gibt und die ein Kaiserschnitt ausschalten kann. Ein solcher Eingriff kann also zum Lebensretter werden. Eine WHO-Studie hat verglichen, wie Babys in 137 Ländern auf die Welt kommen. Sie zeigte, dass gerade einmal 14 der untersuchten Länder die Richtwerte der WHO erfüllen. Dazu gehören zum Beispiel die Ukraine, Namibia, Guatemala und Saudi Arabien. In allen anderen Ländern wird entweder zu oft zum Messer gegriffen (zum Beispiel in Deutschland, in Ägypten, der Türkei, in den USA) oder viel zu selten. Das dramatische dabei ist, dass es genau in den Ländern mit den meisten Geburten die wenigsten Kaiserschnitte gibt. Das liegt vor allem am Geld. Die Länder mit den geringsten Raten an Kaiserschnitten gehören gleichzeitig auch zu den ärmsten Ländern der Welt.

Einmal Kaiserschnitt, immer Kaiserschnitt?

Auch wenn eine Schwangerschaft ohne Schwierigkeiten verläuft, können die Probleme nach einem Kaiserschnitt kommen. Die Narbe kann durch die Anstrengungen während einer zweiten, natürlichen Geburt aufreißen. Das passiert allerdings nur selten. Sobald mehr als zwei Jahre zwischen den Geburten liegen, ist das Risiko niedriger als ein Prozent. Auch nach einem Kaiserschnitt ist eine natürliche Geburt möglich, vorausgesetzt mit Kind und Mutter ist alles in Ordnung.

Auch Zwillinge und Kinder in Beckenendlage können auf natürlichem Weg geboren werden. Wichtig ist dafür vor allem ein gutes Ärzteteam und die Betreuung durch eine erfahrene Hebamme.

Welche Risiken gibt es nach einem Kaiserschnitt für die Mutter?

Die geplante Kaiserschnittgeburt des ersten Kindes ist in Ländern mit gutem Gesundheitssystem heute kein Problem mehr. Schwierigkeiten gibt es meistens erst nach dem Kaiserschnitt. So steigt das Risiko einer gefährlichen Verschiebung der Plazenta mit jedem derartigen Eingriff. Außerdem gibt es danach häufiger Blutungen, Thrombosen und Verwachsungen. Mit jedem weiteren Kaiserschnitt wird die Geburt für die Mutter gefährlicher. Besonders problematisch ist das in Regionen, in denen die Frauen traditionell viele Kinder kriegen. 

Für manche Frauen ist es nach einem Kaiserschnitt schwierig, wieder schwanger zu werden. Das liegt daran, dass es durch die Narbe Verwachsungen in der Gebärmutter geben kann. Die Abnahme der Fruchtbarkeit liegt nach einem Kaiserschnitt bei etwa 17 Prozent. 

Welche Risiken gibt es bei einem Kaiserschnitt für das Kind?

Eine Studie der Barmer Krankenkasse hat gezeigt, dass die wenigsten Frauen sich für einen Kaiserschnitt entscheiden, weil sich eine solche Wunschgeburt besser planen lässt und besser in den Terminkalender passt. Die meisten machen sich Sorgen um ihr Kind. Sie wollen dem Baby den Stress der natürlichen Geburt ersparen. Dabei sind die Wehen und der Geburtsvorgang sogar gut für den neuen Erdenbürger. Sie helfe dem Baby seinen Stoffwechsel umzustellen. In der Gebärmutter sind die Lungen des Kleinen voller Wasser. Erst während der Geburt wird diese Flüssigkeit rausgepresst, und die Lunge stellt sich auf Luftatmung um. Der Kaiserschnitt verhindert diesen allmählichen Vorgang, überrascht das Kind praktisch mit der Geburt und erschreckt es gewissermaßen. Deswegen haben Babys nach einem Kaiserschnitt oft Probleme und müssen beatmet werden oder kommen sogar auf die Intensivstation. Langfristig ist bei Kaiserschnitt-Kindern das Risiko für Asthma, Diabetes, Allergien und andere Auto-Immunerkrankungen erhöht.

Lesen Sie hier mehr zum Thema: Kaiserschnitt - eine schwere Geburt

Haben die Kliniken finanzielle Vorteile von einem Kaiserschnitt?

Kaiserschnitte kosten in den meisten Ländern mehr als natürliche Geburten. Auch in Deutschland kann ein Arzt für einen Kaiserschnitt circa 1000 Euro mehr abrechnen als für eine natürliche Geburt. Der Eingriff kostet das Krankenhaus allerdings auch mehr. Deshalb lohnt es sich im Endeffekt nicht. Aber Kaiserschnitte sind besser planbar und deshalb effizienter. Das ist ein wichtiger Faktor für die Geschäftsleitung eines Krankenhauses, denn sie will vor allem Gewinne machen. Weil die Geburtshilfe in Deutschland insgesamt schlecht bezahlt wird und den Kliniken zu wenig Geld einbringt, wurden seit den 1990iger Jahren fast die Hälfte aller Geburtszentren in Deutschland geschlossen. Dieser Trend setzt sich trotz steigender Geburtenzahlen fort.

Ist die Einleitung von Geburten ein Problem?

Frauen wird heute bei der Geburt weniger Zeit gelassen als früher. Ohne triftigen Grund werden sie häufig sofort nach der Aufnahme im Krankenhaus an einen Wehentropf gehängt. Öffnet sich der Muttermund nicht mindestens einen Zentimeter pro Stunde, werden viele Geburtsmediziner nervös. Die Geburt wird beschleunigt. Hinzu kommt, dass die Zahl der Hebammen drastisch gesunken ist. Das gilt zumindest für Deutschland. Während es für Krankenpfleger einen Betreuungsschlüssel gibt, kann jedes Krankenhaus selber entscheiden, wie viele Hebammen es einstellen möchte. Eine Eins-zu-eins-Betreuung, die der Frau während der Geburt ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermittelt, gibt es immer seltener.

Auch die WHO hat diesen Trend erkannt und rät in ihren neuen Geburtsrichtlinien zu weniger Eingriffen und zu besserer Betreuung.

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