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Wirtschaft

"Fairtrade soll keine Spende sein"

Seit 20 Jahren ist Dieter Overath Geschäftsführer von TransFair e.V., einem Verein, der ein Siegel für fair gehandelte Waren vergibt. Er hat den den fairen Handel in Deutschland maßgeblich vorangetrieben.

Dieter Overath hat eine Weile gebraucht, bis er seine 'Berufung' im Leben fand. Nach einer kaufmännischen Ausbildung holte er das Abitur nach, studierte dann BWL mit Schwerpunkt Marketing. Gleichzeitig engagierte er sich ehrenamtlich bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, war dort viele Jahre im Bundesvorstand der deutschen Sektion für das Thema Öffentlichkeitsarbeit und Campaigning zuständig.

1992 kam dann ein Jobangebot, bei dem er endlich seine beruflichen Qualifikationen und sein soziales Engagement unter einen Hut bringen konnte. Die "Arbeitsgemeinschaft Kleinbauernkaffee", gegründet von mehreren kirchlichen und Entwicklungsorganisationen, suchte jemand, der die Idee des Fairen Handels in Deutschland voranbringen würde.

Bildbeschreibung: Dieter Overath (li.), der Geschäftsführer von TransFair e.V., und ein Vertreter der gepa (re.) unterzeichnen den ersten Lizenznehmervertrag für das Fairtrade-Siegel TransFair 1992. Bildrechte: TransFair e.V. Zugestellt von Rachel Gessat

Overath (re.) bei der Unterzeichnung des ersten Lizenznehmervertrages zwischen TransFair und der GEPA 1992

"Ich hatte Dritte Welt- und Amnesty-Erfahrung, war klassischer Betriebswirt – da fügten sich auf einmal alle Dinge zusammen", erzählt Overath. Die ersten Monate diente das Overathsche Wohnzimmer als Büro, dann wurden die ersten Räume im Kölner Stadtteil Sülz angemietet. Dort wurde auch das Logo und das Konzept von TransFair e.V. – so nennt sich die Arbeitsgemeinschaft inzwischen – entwickelt.

Der Verein handelt nicht selber, sondern vergibt das Siegel an Lizenznehmer, die sich verpflichten, faire Löhne zu zahlen und bestimmte soziale Kriterien einzuhalten. Der erste Lizenznehmer ist die kirchliche Firma GEPA, die schon seit den 70er Jahren fair gehandelte Waren in Dritte-Welt-Läden anbietet.

Raus aus der Gutmenschen-Nische – Rein in den Discount

Für Overath war klar: in Deutschland kann man den Fairen Handel nur aus dem Nischendasein befreien, wenn man die Produkte in Supermärkten und Discountern präsentieren kann. Und Overath gelingt es noch im Gründungsjahr einen fair gehandelten Kaffee in einem Edeka-Supermarkt zu platzieren.

Bildbeschreibung: Ein Einkaufswagen in einem Supermarkt, gefüllt mit Waren aus Fairem Handel Bildrechte: TransFair e.V. Freie Nutzung für journalistische Berichterstattung oder Bildungszwecke über den Fairen Handel und Fairtrade Zugestellt von Rachel Gessat

Fair gehandelte Waren im Supermarkt

Im Frühjahr 1993 folgten die REWE Handelskette und weitere Supermärkte. So war TransFair bereits ein Jahr nach seiner Gründung nicht mehr auf Zuschüsse der Kirchen angewiesen, sondern trägt sich seitdem selbstständig durch die Lizenzgebühren der Handelspartner.

Von vornherein plante man bei TransFair, die Produktpalette auszuweiten und so folgte auf den Kaffee bald Tee, Kakao und Zucker. Inzwischen umfasst das Angebot nicht nur Lebensmittel, sondern auch Fußbälle, Blumen und neuerdings auch Möbel.

Professionalität als Schlüssel zum Erfolg

Er habe schon viele gute Initiativen scheitern sehen, weil sie nicht professionell organisiert und durchgeführt wurden, erzählt Overath. Mit dem Erfolg des Siegels wuchs auch das Team. Inzwischen arbeiten 32 Menschen bei TransFair e.V - 14 davon im Marketing. Junge Afrikanisten, die regionale Kompetenz mitbringen, sind dabei aber auch Mittfünfziger, die aus dem Management von größeren Industriekonzernen herüberwechselten.

Dieter Overath, Geschäftsführer TransFair e.V. und Karolin Herfurth, Schauspielerin bei der Begrüßung der Gäste beim Fairtrade-Award 2010 in Berlin. Bildrechte: TransFair e.V. / Foto: Santiago Engelhardt Zugestellt von Rachel Gessat

Dieter Overath und Schauspielerin Karolin Herfurth bei den Fairtrade-Awards 2010

Und das Team ist rührig: Eine professionelle Website, die Schüler, Journalisten und Unternehmen gezielt anspricht, regelmäßige Pressekonferenzen, Events, wie die Vergabe des Fairtrade-Awards für besonderes Engagement im Fairen Handel, Werbeaktionen mit Prominenten und immer wieder neue Kampagnen, die den Fairen Handel in der Öffentlichkeit bringen. "Wir haben inzwischen einen Bekanntheitsgrad von 70 Prozent. Große Konzerne geben viel Geld aus, um so einen Bekanntheitsgrad zu erreichen", sagt Dieter Overath stolz.

Transparenz schafft Glaubwürdigkeit

Arbeiterin auf einer Fairtrade-Blumenfarm in Tansania. Das Fairtrade-Siegel wird für Produkte aus Fairem Handel vergeben, in Deutschland durch den Verein Transfair e.V. Um das Siegel zu erhalten müssen Produzenten bestimmte Sozial-Standards und Standards im Bereich der Ökonomie und der Ökologie einhalten; Copyright: TransFair e.V..***ACHTUNG: Das Bild darf ausschließlich im Rahmen einer Berichterstattung (über TransFair) genutzt werden***

Fairtrade-Blumenfarm in Tansania

Die meisten Verbraucher kennen nicht nur das Siegel, das seit einigen Jahren nicht mehr TransFair sondern Fairtrade heißt, sondern vertrauen ihm auch. Damit die Kunden nachvollziehen können, woher die gekaufte Ware stammt, entwickelte TransFair 2009 den Fairtrade-Code. Durch ihn können die Konsumenten schauen, woher die Ware kommt, sehen beispielsweise in welchem Land ihre Rosen gezüchtet wurden und wie die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Pflückerinnen vor Ort durch den Fairen Handel verbessert werden.

Entwicklung der Entwicklungsarbeit

In den 20 Jahren, die Dieter Overath Geschäftsführer von TransFair e.V. ist, hat sich auch das Konzept des Fairen Handels als Form der Entwicklungshilfe verändert. Transfair war von Anfang an kein Charity-Projekt, betont Overath: "Fairer Handel bedeutet faire Preise für gute Qualität". Und schon in den 90er Jahren lud man Vertreter der Produktionsgenossenschaften in die jährlichen Planungstagungen ein. Doch erst 2010 wurde eine Stimmparität zwischen den nationalen Siegel-Initiativen der Vermarktungsländer und den Vertretern der Produzenten aus Afrika, Lateinamerika und Asien beschlossen.

Herausforderung und Privileg

"Eigentlich sage ich seit 20 Jahren immer das Gleiche", erzählt Overath lachend. Dass ihm die Arbeit immer noch Spaß mache, liege daran, dass er immer wieder mit neuen Kunden verhandele. Im Süßwarenbereich möchte er gern noch einen wirklich großen Markenartikler für den fairen Handel gewinnen - und die Deutsche Bahn überzeugen, nur noch fairen Kaffee auszuschenken. "Wie kann ich den sturen konservativen Handel überzeugen und wie kann ich Verbraucher dazu bringen, nicht von morgens bis abends Schnäppchen zu jagen?" Das ist auch nach 20 Jahren eine spannende Herausforderung für Overath. Und er ist dankbar: "Etwas, was als unmöglich galt, zu einer Normalität zu bringen - so eine Chance hat man wahrscheinlich nur einmal im Leben. Es ist für mich ein großes Privileg an so einer Sache entscheidend mitgewirkt zu haben und das erfreut mich."