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Sport

Fairplay nur auf dem Papier

Finanzielle Rahmenrichtlinien für Fußballvereine sollten den Sport transparenter und fairer machen. Doch aufgrund diverser Ausnahmeregelungen und mangelndem Willen zur Durchsetzung greifen diese ins Leere.

Zweihundertzweiundzwanzig Millionen. Die Summe, für die Brasiliens NationalspielerNeymar vom FC Barcelona nach Paris wechselt, hat für viel Aufsehen gesorgt. Und neue Fragen aufgeworfen nach der Wirksamkeit des UEFA Financial Fairplay (FFP). Die finanzielle Rahmenrichtlinie für Vereine sollte solche Wechsel eigentlich unterbinden.

Das im September 2009 eingeführte FFP sollte dafür sorgen, dass Spielergehälter und Ablösesummen nicht endlos steigen und so einer weiteren Verschuldung der Klubs zuvorkommen. Drei Jahre später kam es ganzheitlich zum Einsatz. Seitdem wurde laut UEFA die Gesamtverschuldung aller Klubs um über 900 Millionen Euro reduziert.

"Die finanzielle Situation vieler Klubs ist tatsächlich besser geworden. Dies ist durchaus auf strengere Lizenzkriterien im finanziellen Bereich zurückzuführen. Andererseits hat sich die finanzielle Situation für alle Profifußballklubs vor allem auch durch deutlich erhöhte Einnahmen aus der nationalen und der internationalen TV-Vermarktung verbessert", sagt Ludwig Hierl, Professor für Rechnungswesen an der Universität Heilbronn. Seit Jahren beschäftigt er sich mit den Bilanzen von Fußballklubs.

Hohe Strafen, keine Konsequenzen

China Shanghai Neymar (picture-alliance/ZUMA Wire/Y. Liangjun)

Rekordtransfer Neymar

Diese Bilanzen werden zunehmend durch den Einstieg von Investoren, die im Zweifelsfall Verluste übernehmen, verzerrt - das FFP wird so systematisch unterlaufen. Denn obwohl bei Verstößen horrende Strafzahlungen und sogar Ausschlüsse aus internationalen Wettbewerben drohen, werden diese kaum angewendet oder nachträglich stark abgeschwächt. So verhängte die UEFA im Jahr 2014 eine 60-Millionen-Euro-Strafe gegen Manchester City für zu hohe Transferausgaben. In diesem April, also zwei Jahre später, wurde der Betrag auf 20 Millionen Euro reduziert. In der aktuellen Transferphase hat der Klub bereits weit über 200 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben.

Auch deutsche Vereine stehen im Verdacht, gegen das FFP zu verstoßen, allen voran RB Leipzig, das zudem die Wettbewerbskriterien des Verbandes unterlaufen könnte. Doch auch der Champions-League-Aspirant TSG Hoffenheim könnte gegen die UEFA-Regularien verstoßen haben, weil Mäzen Dietmar Hopp mehr Geld in den Verein gepumpt hat als die Statuten erlauben. Passiert ist allerdings in beiden Fällen noch nichts.

Zudem sind vereinsindividuelle Regelungen möglich. Außerdem ist nicht geregelt, wann welches Strafmaß angewendet wird. "Das UEFA-Financial-Fairplay-Verfahren ist leider sehr intransparent. Trotz vermeintlich objektiver Bewertungskriterien entscheiden letztlich Einzelpersonen hinter verschlossenen Türen nach teils sehr subjektiven Bewertungsmaßstäben", sagt Hierl. Die UEFA selbst verweist auf Nachfragen schlicht auf das eigene Regelwerk.

Nicht wirklich besser

Doch auch hierzulande ist es um die Transparenz nicht besser bestellt. Denn über die Jahre haben DFB und DFL ihre Lizenzierungsrichtlinien und Leitlinien durch diverse Ausnahmegenehmigungen immer weit unterminiert. Das große Reizthema ist vor allem die 50+1-Regel. Erst in dieser Woche wurde bekannt, dass Hannover-96-Präsident Martin Kind den Klub im September übernehmen wird. Obwohl dies durch die Regel eigentlich untersagt ist, wurde seitens DFB vor wenigen Jahren die Ausnahme hinzugefügt, dass Investoren nach 20 Jahren unterunterbrochenen Engagements auch die Stimmenmehrheit erlangen können.

Deutschland Hannover - Martin Kind Präsident von Hannover 96 (picture-alliance/dpa/P. Steffen)

Hannover-Boss Martin Kind

Nicht wenige vermuten, dass diese Regel einzig und allein deshalb zustande kam, um Klagen von Kind und Dietmar Hopp, der in Hoffenheim dieses Modell schon durchgesetzt hat, gegen 50+1 zu verhindern. Diese Klage strebt gerade Hasan Ismaik, jordanischer Investor beim mittlerweile in die Regionalliga Bayern abgestiegenen TSV 1860 München an. Auch wenn Hierl eine Klage als nicht erfolgversprechend ansieht (allein schon, weil Ismaik mittlerweile lediglich Darlehen gewährt, die nicht als Förderung im eigentlichen Sinne angesehen werden müssen), könnte diese Klage eine Zäsur für den deutschen Fußball werden.

Doch bereits jetzt bestehen Konflikte um die Integrität der gesamten Liga. "Keineswegs unbedenklich ist aus meiner Sicht, dass der VW-Konzern sogar bei insgesamt zwei Bundesligisten neben maßgeblichen Sponsoren-Aktivitäten auch noch Miteigentümer ist. Über die VW-Tochter AutoVision GmbH werden 100 Prozent der Kapitalanteile an der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH, über Audi als VW-Tochter 8,33 Prozent der Anteile an der FC Bayern München AG und schließlich über die Firma quattro GmbH (eine Audi-Tochter) auch noch 19,54 Prozent an der FC Ingolstadt 04 Fussball GmbH gehalten", sagt Hierl.

Spieler kauft sich selbst

Satzungmäßig war es verboten, an mehr als einem Fußballklub über 10 Prozent der Stimm- oder Kapitalanteile zu halten. Die DFL reagierte und hob diese Beschränkung für alle Beteiligungen vor dem 4. März 2015 rückwirkend auf. "Weil die quattro GmbH die Anteile an Ingolstadt im März 2013 erworben hat, würde ich diese vorgesehene Ausnahme durchaus als 'Lex VW-Fußballkonzern' bezeichnen", sagt Hierl.

Dass die neue Kreativität bei der Umgehung der Regeln immer merkwürdigere Stilblüten aufweist, zeigt auch der Neymar-Transfer. Angeblich sieht das Konstrukt vor, dass nicht Paris Neymar kauft, sondern der Spieler sich selbst und den Kaufpreis von seinem neuen Arbeitgeber zurückerstattet bekommt. "Sollte der Fall Neymar so durchgehen, wären die UEFA-Financial-Fairplay-Regularien endgültig ad absurdum geführt", sagt Hierl. Dass die UEFA tatenlos zusehen wird, wie ihr prestigeträchtiges Werkzeug über neue Konstrukte ausgehebelt wird, ist eigentlich schwer vorstellbar. Das waren 222.000.000 Euro allerdings bisher auch. Daher entdecken nun auch andere ihre neue Liebe zur finanziellen Fairness.

Der FC Barcelona hat bereits angekündigt, Paris Saint-Germain bei den zuständigen UEFA-Behörden wegen eines Verstoßes gegen FFP-Auflagen zu melden. Noch im vergangenen Jahr wurde Albert Soler, Barcelonas Mann für "Insitutionsbeziehungen", bei der UEFA vorstellig, um für Lockerungen des FFP zu appellieren. Kurz zuvor wurde bekannt, dass der Klub anteilsmäßig mehr Einnahmen für Spielergehälter ausgibt, als das Financial Fairplay erlaubt. Sanktioniert wurde Barcelona dafür allerdings bis heute nicht.

 

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