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Politik

Fahren und fahren lassen

"Die größte Gefahr für die russische Bevölkerung sind Russlands Bürger", fasste die Tageszeitung Iswestija Russlands großes Problem zusammen: Die demographische Entwicklung und der kontinuierliche Bevölkerungsrückgang.

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In den vergangenen Jahren ist vor allem unter den russischen Männern die durchschnittliche Lebenserwartung drastisch gesunken. Wurden russische Männer 1984 durchschnittlich 62 Jahre alt, so liegt heute die Lebenserwartung der Männer im Durchschnitt bei nur noch 57 Jahren. Armut und das unzureichende Gesundheitssystem allein können diese dramatische Entwicklung nicht erklären, wie die Daten für russische Frauen zeigen. Im Durchschnitt erreichen sie ein Alter von 72 Jahren, und damit liegen sie nur knapp unter der Lebenserwartung von Frauen in den anderen Industrienationen.

Todesursache Selbstüberschätzung

Als Erklärung für die gesunkene Lebenserwartung und höhere Sterblichkeit unter den russischen Männern sind vor allem Achtlosigkeit, Alkohol und das Automobil zu nennen. Der unnatürliche Tod ist dabei häufig ein nasser: Im Winter zieht es Tausende von Eisfischern auf zugefrorene Flüsse und Seen. Der nahende Frühling und dünner werdende Eisdecken können passionierte Eisfischer nicht davon abhalten, sich mit dem Eisbohrer ihrer Leidenschaft zu widmen.

Auch im Sommer wird vielen Männern eine fatale Selbstüberschätzung zum Verhängnis. Zu Scharen pilgern die Russen zum Picknick ans Wasser. Und den richtigen russischen Mann halten auch drei Schaschliks und ein halber Liter Wodka im Magen nicht davon ab, sich in Flüsse und Seen zu stürzen. Die traurige Folge wird nüchtern in den russischen Zeitungen und Agenturen dokumentiert. Allein in Moskau hat die diesjährige Badesaison schon über 130 Ertrunkene gefordert.

Unfalltod als Epidemie

Unabhängig von den Jahreszeiten kostet das Automobil, beziehungsweise ein todesverachtender Fahrstil der überwiegend männlichen Fahrzeuglenker von Smolensk bis Wladiwostok im Jahresdurchschnitt mindestens 13.000 (!) Menschenleben. Auf russischen Straßen lässt sich aus der PS-Zahl, verbunden mit der Rammhöhe der Stoßstange am Jeep sowie dem Bruttoeinkommen und Bizepsumfang des Fahrers ungefähr der Grad von Geschwindigkeit und Rücksichtslosigkeit am Steuer errechnen. Das Sein bestimmt eben noch immer das Bewusstsein - allzu häufig mit tragischen Folgen, wie die Unfallstatistik zeigt.