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Musik

Facebook erleichtert den Abschied

Das Abschlusskonzert des Orchestercampus beim Bonner Beethovenfest fand in Anwesenheit des Schirmherrs und Bundespräsident Christian Wulff statt. Eindrücke von einem bewegenden Abend.

Geigerin Arabella Steinacher steht mit Dirigenten Paul MacAlindin auf der Beethovenfest Bühne beim Konzert des National Youth Orchestra of Iraq Datum: 1.10.2011 Copyright: Barbara Frommann

Geigerin Arabella Steinacher mit Dirigenten Paul MacAlindin

Während der Pause fühlt es sich noch ein bisschen wie bei einem Schulkonzert an, das Publikum tauscht Nettigkeiten aus. "Irgendwie witzig", die Kamelgeschichte, die der irakische Komponist Mohammed Amin Ezzat im Auftrag der Deutschen Welle für das National Youth Orchestra of Iraq vertont hat. "Klingt doch fast wie Jazz." In einer anderen Ecke redet man über den Bundespräsidenten, der gerade Backstage ein Interview gibt. Dass die Iraker bisher noch nicht so ganz ihren gemeinsamen Ton gefunden haben, das will bei Sekt und allgemeiner guter Laune natürlich keiner laut sagen. Konnten sie eine Idee über die Musik vermitteln? Das ist auch noch nicht ganz klar.

Gemeinsamer Atem

In der zweiten Hälfte ist dann alles anders. Vielleicht sind die Musiker nicht mehr so nervös. Vielleicht liegt es auch an der Violinistin Arabella Steinbacher, die bei Beethovens Violinkonzert so viel Ruhe und Sensibilität ausstrahlt, dass der Dirigent Paul MacAlindin im Larghetto ein äußerst langsames Tempo riskiert. Die Streicher beginnen sanft einen Klangteppich auszurollen, auf dem sich die Violine umspielend vorwärtsbewegt, zwei Hörner intervenieren zaghaft, wie um die Schönheit des Moments nicht zu gefährden. Dabei entgleitet den Hörnern ein Ton - für einige aus dem Publikum das Zeichen, wieder husten zu dürfen. Doch dem Orchester ist das egal, alle atmen jetzt gemeinsam, alle hören aufeinander. In diesem Augenblick hat jeder verstanden, worum es in der Musik geht. Das Publikum reagiert mit minutenlangen Standing Ovations.

Tränen verdrücken und feiern

v.l.n.r.: Paul MacAlindin, Dirigent des NYOI, Erik Bettermann, Intendant der Deutschen Welle, und Bundespräsident Christian Wulff. Copyright Barbara Frommann

Paul MacAlindin, Dirigent des NYOI, Erik Bettermann, Intendant der Deutschen Welle, und Bundespräsident Christian Wulff

Das Abschlusskonzert des Orchestercampus war für die irakischen Jugendlichen des NYOI und die Verstärkung aus dem Bundesjugendorchester nicht nur ehrgeiziger Höhepunkt des zweiwöchigen Deutschlandaufenthalts, sondern auch ein Abschiednehmen. Zurück in Bagdad, Arbil oder Kirkuk bleibt fürs erste nur noch Facebook, um mit den vielen neuen Freunden Kontakt zu halten.

Nach dem Konzert gibt es dann auch nur noch eins: umarmen, Tränen verdrücken und ausgelassen feiern. Beim Empfang im Südflügel der Beethovenhalle sprechen die Redner über kulturellen Austausch und Verständigung zwischen östlicher und westlicher Welt. Die Jugendlichen wollen davon nichts mehr hören, sie knipsen Erinnerungsfotos, drängen sich ans Buffet und stoßen mit Arabella Steinbacher auf das Konzert an. Schlafen will diese Nacht niemand, schnell wird eine Trommel aufgebaut, die zusammen mit einer Klarinette einen heftigen Groove aus kurdischer Musik in den Saal stampft. Die Jugendlichen bilden einen Kreis, sie tanzen, klatschen und singen bis in die Morgenstunden. Arabella Steinbacher holt erst nur ihr rosafarbenes Smartphone hervor und filmt, aber schon ein paar Minuten später ist sie mittendrin.

Ein paar Jungs und Mädchen aus dem Bundesjugendorchester stehen am nächsten Morgen verschlafen und verkatert am Bahnhof und warten auf ihre Züge. "Wir sind noch bis halb sieben geblieben", erzählen sie, "die Iraker mussten schon eine Stunde früher los in Richtung Flughafen." Der Klarinettist Mariwal Ismael hat Glück und darf noch vier Tage länger bleiben. Er kommt aus dem kurdischen Arbil und tritt mit einigen anderen Musikern aus dem NYOI und BJO noch einmal beim Kinderfest des Bundespräsidenten im Park der Villa Hammerschmidt auf, bevor es auch für ihn zurück in die Heimat geht. "Es ist ein Traum für mich, auf diesem Festival zu spielen", sagt er.

Nach Umarmungen und Händeschütteln

Zuhal Sultan, Gründerin des Nationalen irakischen Jugendsinfonieorchesters (National Youth Orchestra of Iraq) 2008 wandte sich die irakische Pianistin, Zuhal Sultan, an die britische Öffentlichkeit um für die Unterstützung einer großartigen Idee zu werben: der Gründung eines nationalen irakischen Jugendsinfonieorchesters. Sie fand ein breites Presse-Echo und fand auf diesem Weg den Dirigenten des Orchesters Paul MacAlindin und die Unterstützung des British Councils. Quelle: http://friends-nyoi.com/index-Dateien/presse_fotos.htm

Zuhal Sultan gründete das NYOI

Oft zitierte Ideale wie Kulturaustausch, Brückenschlag zwischen Kontinenten und zwischen den Religionen und Weltansichten, die im Orchester vertreten sind, erhielten einen klaren Ausdruck während des Aufenthalts der jungen Musiker in Bonn und bei einem aufregenden Konzert. Und es gibt bereits eine Einladung für den Auftritt des National Youth Orchestra of Iraq beim Edinburgh Festival Fringe im August 2012 mit anschließenden Auftritten in London und wieder im Irak.

Dennoch bleibt verlässliche finanzielle Unterstützung seitens der Regierung im Irak ein noch unerreichtes Ziel. Für die nächste Zeit wird das Orchester lediglich während des Sommerurlaubs zusammenkommen.

Geigerin Arabella Steinacher steht auf der Beethovenfest Bühne beim Konzert des National Youth Orchestra of Iraq Datum: 1.10.2011 Copyright: Barbara Frommann

Arabella Steinacher war die Solistin des Abends

Was bleibt vom Traum wenn es mit der Schule oder der Universität weiter geht und die Musiker ihr Hobby sogar manchmal vor Freunden, Familie und Nachbarn rechtfertigen müssen? Dirigent Paul MacAlindin ist überzeugt, dass durch die jüngste Probenphase im Irak und den erfolgreichen ersten Auslandsauftritt des Orchesters es zumindest leichter sein wird für die Musiker, neue Kontakte zu knüpfen und in ihrer Heimat aufzutreten. "Wir hoffen, dass wir mit dem Campuskonzert die Kritiker überzeugt haben," sagte er. "Wenn je ein Konzert bewiesen hat, dass das Wesen der Musik Kommunikation ist, dann war es dieses."

Autor: Simon Tönies / rf
Redaktion: Gero Schließ