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Digitales Leben

Facebook-Chronik für alle

Jetzt ist die neue Facebook-Chronik für Fanpages Pflicht. Auch für den Facebook-Auftritt der DW. Was für Firmen gut ist, macht privaten Nutzern Sorge: Der totale Überblick in der Chronik ist vielen unheimlich.

Screenshot DW Facebook Chronik

Screenshot DW Facebook Chronik

Im September 2011 wurde sie angekündigt, Anfang 2012 war sie in Deutschland verfügbar: Die neue Facebook-Chronik. Das ist eine überarbeitete Ansicht der Nutzerprofile - und sie wird Pflicht für alle, sprich: für 850 Millionen Mitglieder der Facebook-Community. Das gilt nicht nur für die privaten Seiten, sondern auch für die so genannten Fanpages. Das sind Seiten, auf denen sich Unternehmen präsentieren - wie auch die Deutsche Welle, die gleich mehrere Fanpages auf Facebook betreibt. So ist jetzt auch die Facebook-Seite von dw.de im neuen Outfit zu sehen. Den DW-Fans "gefällt das", nur kurz nach dem Umschalten am 29. März 2012 sind die ersten positiven Reaktionen eingetrudelt.

Mark Zuckerberg: Will er doch die Weltherrschaft?

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In der Chronik oder auch Timeline sammelt Facebook alle Informationen, die der User seit seinem Eintritt im Netzwerk hinterlassen hat. Wer will, hat außerdem die Möglichkeit, wichtige Ereignisse seines Lebens vor Facebook zur Chronik hinzufügen. Zum Beispiel die Geburt seines ersten Kindes, den schönsten Urlaub, die erste Scheidung und so weiter. Wer sich vor Facebook-Chef Mark Zuckerberg also vollkommen ausziehen will, der kann das gerne tun, man kann es aber auch lassen.

"Jeder Nutzer ist sein eigener Meister"

Kritiker sagen: Jetzt ist endgültig Schluss mit der Privatsphäre. Andere meinen, man solle den Ball flach halten, denn Facebook verwende nur das, was man ihm - freiwillig - vor die Füße werfe. So sieht es auch der Online-Medienwissenschaftler Philipp Roth. In seinem Blog allfacebook.de schreibt er: "Jeder Nutzer ist sein eigener Meister. Die Darstellung der Punkte kann bearbeitet werden, es kann auch bestimmt werden, welche Meldungen angezeigt werden. Ihr habt die Kontrolle über all das, und Facebook tut hier, was ihr wollt."

Unternehmen nutzen die neue Darstellungsmöglichkeit bereits mit großer Begeisterung. Allein das große Titelbild macht etwas her. Die einzelnen Fenster sind größer und ziehen mehr Aufmerksamkeit auf sich. Gut für Marketingbotschaften. Die DW wird die Chronik nicht nur für Präsentationszwecke nutzen, sondern auch die fast 60 Jahre ihrer Firmengeschichte in die Timeline einfügen. Das Social-Media-Team von dw.de hat darüber hinaus vor, die Seite www.kalenderblatt.de mit in die Zeitleiste aufzunehmen. So bekommen die Fans der DW wichtige Daten aus der deutschen Geschichte geliefert - ein digitales Geschichtsbuch frei Haus.

Immer wieder mal zum virtuellen Putzlappen greifen

Hunderttausende Nutzer haben ihr neues Profil in den vergangenen Wochen bereits aktiviert. Die Freischaltung der neuen Ansichten geschieht nach und nach. Facebook sagt vorab Bescheid, so dass sich jeder User schon mal informieren kann: Er kann sich seine neue Seite erst mal angucken, bevor er sie freischaltet. Facebook lässt zu, dass der User seine Chronik bearbeitet. Wer in den vergangenen Jahren peinliche Partybilder gepostet hat, kann diese löschen, ebenso Einträge und Ortsmarkierungen. Dabei sollte man eines nicht vergessen: "Gelöscht" heißt bei Facebook nicht, dass ein Eintrag für immer verschwunden ist. Er ist lediglich nicht sichtbar. Alles, was man Facebook gegeben hat, bleibt auf deren Servern erhalten.

Kritiker wie der rheinland-pfälzische Datenschutzbeauftragte Edgar Wagner werfen Facebook die "Ausbeutung der Privatsphäre" vor. "Facebook ist für mich eine Bedrohung", so der Datenschützer, die neue Chronik hole Bilder aus dem Orkus, die auf Facebook längst verschollen waren.

So sollte jeder die Möglichkeit nutzen, seine Chronik für die Facebook-Gemeinde ein bisschen zu frisieren. Das geht auch nach der Umstellung. Wer stark im Netzwerk aktiv ist, der sollte sich ein paar Stunden Zeit dafür nehmen - denn in einem Jahr kommen eine Menge Statusmeldungen und Informationen zusammen.

Eben mal schnell die Nutzungsbedingungen geändert

Die Chronik hat Facebook ankündigt - immerhin mit einer Vorlauf- und Eingewöhnungszeit. Weniger offen geht das Netzwerk mit seinen Einstellungen und Nutzungsbedingungen um. So hat Facebook gerade wieder seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGBs) geändert - mehr oder weniger klammheimlich. Wer es mitbekommen hat, wurde lapidar davon in Kenntnis gesetzt, dass er die neuen Nutzungsbedingungen automatisch akzeptiere, wenn er Facebook weiterhin nutze. Das heißt also, man musste oder konnte noch nicht einmal irgendwo ein Häkchen setzen, um sein Einverständnis zu signalisieren.

Freundlicherweise hat Facebook den Usern nach der Ankündigung sieben Tage lang Zeit gegeben, die Sache zu diskutieren. Leider war es nicht ganz einfach, das Forum zu finden, so dass nur einige hundert Kommentare dazu gepostet wurden. Das reichte natürlich nicht, um Facebook-Chef Mark Zuckerberg umzustimmen. Auch nicht Kommentare wie dieser, den ein User auf der Facebook-Seite "Governance Page" hinterließ: "Liebes Facebook! Wenn ihr mehr persönliche Informationen von mir besitzen, ausbeuten und weiter verkaufen wollt, dann solltet ihr mich erstens sehr, sehr nett fragen, zweitens mich dafür bezahlen und drittens mir die Möglichkeit geben, 'Nein' zu sagen."

Neu: die Datennutzungsrichtlinie

Hand aufs Herz: Wer nicht gerade Jurist oder Datenschützer ist, wird sich die AGBs kaum bis ins Detail durchlesen. Und so wird es nur akribischen Beobachtern aufgefallen sein, dass sich in den neuen Bestimmungen nur Kleinigkeiten verändert haben. Kleinigkeiten, aber mit großer Wirkung. So wird aus dem Wort "Datenschutzrichtlinie" das Wort "Datennutzungsrichtlinie". Klingt fast gleich, bedeutet aber im Klartext: Facebook will nicht einmal mehr so tun, als kümmere es sich um den Schutz von persönlichen Daten der User. Es gibt offen zu, dass die Informationen weiter verwendet werden.

Und das bringt die Datenschützer in Deutschland in Rage. Der Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz (ULD) in Schleswig-Holstein, Thilo Weichert meint, diese neuen Richtlinien seien weder mit dem deutschen noch mit dem europäischen Datenschutzrecht vereinbar. "Eine wirksame Einwilligung der Nutzer scheitert vor allem an der Aufklärung über die Datenverarbeitung und an der fehlenden Möglichkeit für die Betroffenen, die Verwendung ihrer Daten für Werbezwecke zu untersagen."

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In der Facebook-Zentrale im sonnigen Kalifornien zuckt man mit den Schultern. Dort gilt US-amerikanisches Datenschutzrecht; es ist üblich, dass persönliche Daten von Privatpersonen gespeichert und in irgendeiner Form verarbeitet werden.

Und das scheint auch die Einstellung vieler User hierzulande zu sein. Jugendliche gehen vielleicht etwas zu leichtfertig mit ihren Informationen um, da wäre es angebracht, etwas weniger Blödsinn zu posten und sensible Daten wie Kontoverbindungen oder Fotos vom letzten Saufgelage auf anderem Wege auszutauschen. Nun ist die neue Chronik da, die Nutzungsbedingungen wurden zu Datenverwertungsrichtlinien - die Kritik verhallt, die Nutzer machen weiter, denn 850 Millionen Facebook-Mitglieder können offenbar nicht irren - das sind immerhin acht Prozent der Weltbevölkerung - Tendenz steigend.

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