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Nahost

Fürtig: "Die Peschmerga sind hoch motiviert"

Henner Fürtig, Direktor des GIGA Instituts für Nahost-Studien, erklärt, weshalb der "Islamische Staat" den Irak überrennen konnte – und warum die Unterstützung der Kurden allein nicht ausreicht, um ihn zu schlagen.

DW: Warum ist die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS), die inzwischen große Regionen in Syrien und im Irak kontrolliert, so stark?

Henner Fürtig: Der IS wirkt fast wie ein Katalysator für weitreichende Umgestaltungen - er hat Konflikte, die seit Jahrzehnten schwelen, plötzlich zum Ausbruch gebracht. Insofern geht seine Wirkung weit über seine militärische Stärke hinaus, weil er in diese neuralgischen Punkte hineinstößt.

Welche ungelösten Konflikte nutzt der IS aus?

Das sind die Konflikte, die aus der Kolonialzeit herrühren: die willkürlich gezogenen Grenzen und die offenen ethnischen und konfessionellen Fragen. Der Irak ist ein klassisches Beispiel für eine rein koloniale Konstruktion. Er wurde nach dem Ersten Weltkrieg aus drei osmanischen Provinzen zusammengefügt, die vorher nichts miteinander zu tun hatten. Neben der großen ethnischen Diversität von Arabern, Kurden, Turkmenen und Tscherkessen gibt es eine konfessionelle Diversität von etwa 60 Prozent Schiiten und 40 Prozent Sunniten - und das mehrfach gebrochen im Bereich der Araber und Kurden. All diese Unterschiede lassen sich politisch nutzen, um Konflikte zu schüren. Der IS steht für den Versuch, die kolonialen, vom Westen gezogenen Grenzen mit ihrem Kalifat wieder aufzuheben - das propagieren sie auch offensiv. Damit kann man in der Region durchaus Zuspruch finden.

Können sich also viele mit dem IS identifizieren?

Nein, aber der IS ist ein Meister der Propaganda. Er verfügt offensichtlich über Spezialisten, die ihr Handwerkszeug gelernt haben und das Internet effektiv für Propagandazwecke nutzen - und damit übrigens auch Anhänger in Europa rekrutieren. So kommt es, dass eine zunehmende Zahl irregeleiteter junger Leute den Weg in den Nordirak findet.

Man verbindet mit dem IS eine Schreckensherrschaft. Aber erfüllt der IS in seinen Gebieten auch Aufgaben, die die vorherigen Verwaltungen nicht erfüllen konnten?

Ich glaube nicht, dass sie dadurch stark sind, dass sie staatliche Leistungen übernehmen. Das, was im Herrschaftsgebiet stattfindet, ist brutale Gewalt: Alle, die diesem sehr einseitigen, Al-Kaida-nahen Islam nicht folgen, gelten als Feinde und werden verfolgt und getötet. Die bisherige Stärke des IS liegt im Irak in erster Linie darin, dass die arabischen Sunniten, die unter der Herrschaft Saddam Husseins privilegiert waren, zu den Verlierern des Umsturzes von 2003 gehören und sich entgegen allen Versprechen nicht im neuen Staat wiederfanden. Viele dieser vollkommen frustrierten Sunniten haben im IS ein Instrument gesehen, sich wieder Gehör zu verschaffen. Sie wollen Bagdad zeigen, dass ihre Interessen berücksichtigt werden müssen - und wenn es dafür kein anderes Instrument gibt, muss es eben der IS sein.

Für diese Polarisierung wird vor allem der gerade abgelöste Ministerpräsident Nuri al-Maliki verantwortlich gemacht. Wird sein - ebenfalls schiitischer - Nachfolger Haidar al-Abadi die Situation entschärfen können?

Das ist, wenn er eine kluge Politik betreibt, möglich. In den Jahren 2006 und 2007 haben es die amerikanischen Streitkräfte geschafft, die sunnitische Bevölkerung zu einem erheblichen Widerstand gegen die Vorläuferorganisation des IS, "Al-Kaida im Zweistromland", zu bewegen. Das war mit dem Versprechen verbunden, die Kämpfer gegen Al-Kaida in die neue reguläre Armee des Irak zu integrieren. Maliki hat das nicht eingehalten, nach dem Abzug der Amerikaner hat man die Kämpfer im Regen stehen lassen. Jetzt hat die neue irakische Regierung die Chance, sich klar zu den sunnitisch-arabischen Staatsbürgern zu bekennen, ihnen Verantwortung zu übertragen und so den Boden für eine Versöhnung zu bereiten.

Warum sind es die kurdischen Kämpfer, die

vom Westen unterstützt

werden?

Weil die kurdische Peschmerga-Miliz gegenwärtig die einzige militärische Kraft ist, die tatsächlich in der Lage ist, dem IS Widerstand zu leisten. Die reguläre irakische Armee ist von konfessionellen und ethnischen Spannungen zerrissen und deshalb gegenwärtig nicht in der Lage, diesen Widerstand zu leisten.

Können die Peschmerga den IS stoppen?

Die Peschmerga waren und sind immer dann stark, wenn sie angegriffen werden. Sie sind hoch motiviert, ihr Siedlungsgebiet im Nordirak zu schützen. Das haben sie über Jahrzehnte hinweg auch gegenüber den Bataillonen Saddam Husseins immer wieder bewiesen. Wenn es darum geht, das Kernland zu verteidigen, werden auch tiefe Gräben in der kurdischen Politik überwunden.

Die Hälfte der IS-Kämpfer soll in Syrien aktiv sein. Es gibt Stimmen, die fordern, dass der Westen seinen Kampf gegen den IS mit dem Regime des syrischen Diktators Baschar al-Assad koordiniert.

Das ist die alte Formel "der Feind meines Feindes ist mein Freund". Natürlich gibt es Überlegungen von Think Tanks, was man unter bestimmten Umständen mit Assad machen kann oder auch nicht. Aber das ist gegenwärtig noch alles auf der Ebene von Planspielen. Die handelnde Politik ist noch nicht herausgefordert, weil die Hauptauseinandersetzungen noch nicht in Syrien stattfinden. Möglicherweise wird die Politik irgendwann an den Punkt gelangen, wo sie sich entscheiden muss - aber noch ist es nicht soweit.

Henner Fürtig ist seit 2009 Direktor der GIGA-Instituts für Nahost-Studien in Hamburg. Er ist Autor zahlreicher Aufsätze und Bücher zum Irak.

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