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Musik

Fürst, Mörder, Komponist

Vor 400 Jahren starb der italienische Komponist Carlo Gesualdo, dessen musikalische Werke seiner Zeit weit voraus waren. In die Geschichte ging der Fürst aber vor allem als Mörder ein.

In der Musikgeschichte lassen sich oft kontinuierliche Abfolgen beobachten. Auf die Renaissance folgte der Barock; auf Monteverdi folgten Bach und Händel. Aber in welcher dieser Epochen ist Gesualdo zu verorten? Wessen Erbe trat er an? Und wer kam nach ihm? Wie alles begann...

Sein Leben vor dem Verbrechen

Geboren am 8. März 1566 in Neapel oder Umgebung, als Sohn des Fürsten von Venosa, genoss Gesualdo am Hofe schon sehr früh eine gründliche musikalische Ausbildung: Neben dem Kompositionsunterricht galt es für ihn, Gesang und das Lautenspiel zu erlernen. Durch den unerwarteten Tod seines älteren gleichnamigen Bruders 1584 rückte Gesualdo in der Erbfolge nach. Um die Nachfolge als Fürst zu festigen, folgte zwei Jahre später die Eheschließung mit seiner Cousine Maria d'Avalos. Die bildhübsche und verführerischen d'Avalos war zu diesem Zeitpunkt schon zweifache Witwe. Glaubt man der Legende, so sind ihre ersten beiden Ehemänner an einer Überdosis Beischlaf gestorben. Durch ein Kapitalverbrechen Gesualdos nahm die Ehe ein frühes, vorzeitiges Ende.

Erstochen im Schlaf

Die Geschichte liest sich wie ein gruseliger Thriller: Getrieben von Eifersucht überraschten Gesualdo samt einiger Vertrauten aus der Jagdgesellschaft in einer Herbstnacht des Jahres 1590 seine Ehefrau und deren Liebhaber in flagranti. Gesualdo selbst soll immer und immer wieder mit dem Dolch brutal und skrupellos auf d'Avalos eingestochen haben.

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Die Nacht des Verbrechens

Auch der Liebhaber, Fabrizio Carafa, und Gesualdos zweite Tochter, deren Vaterschaft er nun anzweifelte, kamen in dieser Nacht durch seine eigene Hand schauderhaft ums Leben.

Sein Leben nach dem Verbrechen

Auch wenn der Fürst keine Strafe zu fürchten hatte - denn zur damaligen Zeit wurde Ehrenmord unter Adeligen nicht gesühnt - flüchtete er sich auf das Schloss Gesualdo, um so der Rache der Hinterbliebenen zu entgehen. Einige Jahre verbrachte er dort in Abgeschiedenheit. Eine weiteren Legende nach soll Gesualdo innerhhalb weniger Monate eigenhändig die umliegenden Wälder des Schlosses abgeholzt haben, so als würde er sich wie in Shakespeare's Macbeth von ihnen bedroht fühlen.

Vermittelt durch seinen Onkel heiratete Gesualdo im Frühjahr 1593, inzwischen selbst Fürst von Venosa, ein zweites Mal. Mit seiner Ehefrau Leonora d'Este ging er auf Reisen und verbrachte zwei Jahre in der Stadt Ferrara. In dieser Periode seines Lebens gab sich Gesualdo konzentriert dem Komponieren von Madrigalen hin.

Geht man den Ereignissen der zweiten Lebenshälfte des Fürsten nach, so verlaufen sich die Spuren im Sand. Fest steht, dass er am 8. September 1613 auf dem Schloss Gesualdo in der Provinz Avellino starb. In den Mutmaßungen um die Ursache seines Todes - die einen sprechen von einem Asthmaanfall, andere von Infektionen infolge masochistischer Geißelungen - verschwimmen Geschichte, Legende und Mythos.

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Die Provinz Avellino

Seine Musik

Im Zentrum des kompositorischen Schaffens Gesualdos steht seine weltliche Musik: Zwischen 1594 und 1611 ließ er seine fünfstimmigen Vokalwerke in insgesamt sechs Madrigalbüchern abdrucken. Diese technisch extrem anspruchsvollen Madrigale sind von einer melancholischen Grundstimmung geprägt. Die scharfen Dissonanzen, überraschenden Tonartenwechseln und für die damalige Zeit extrem unkonventionelle Harmonien verleihen seiner Musik eine ungewöhnliche, seltsame, oft kühle Schönheit. Erst bei Wagner und den Spätromantikern, also rund 250 Jahre später, sollten solche ausdrucksstarken Harmonien wiedererklingen. Was die Harmonik betritt, war der Fürst also ein Visionär.

Dennoch stand Gesualdo im Schatten Monteverdis. In der von Monteverdi ins Leben gerufenen, neuen Gattung der Oper erfreuten sich eher schöne Melodien und einfacheren Harmonien einer großen Beliebtheit. So geriet die extrem komplexe und mehrstimmige Vokalmusik Gesualdos schnell in Vergessenheit. Die Schwelle von der Renaissance zum Barock, auf der sein musikalisches Schaffen steht, schien ihn verschluckt zu haben.

Die Wiederentdeckung Gesualdos und seiner Musik

Am Freitag abend findet die Welturaufführung von Alfred Schnittkes Oper Gesualdo, einer Auftragskomposition der Wiener Staatsoper, im Haus am Ring statt. Mstislav Rostropovich steht am Dirigentenpult, Cesare Lievi zeichnet für die Regie, Davide Pizzigoni für Bühnenbild und Kostüme veratwortlich. In einer Probenszene PETER WEBER und GRACIELA ARAYA. (Zu dpa 0178) (COLORplus)

Alfred Schnittkes Oper "Gesualdo" (1995)

Die Gesualdo-Renaissance begann erst um das Jahr 1960 mit dem russisch-amerikanischen Komponisten Igor Strawinski und seinen Bearbeitungen von Madrigalen des Fürsten. In den folgendenen Jahrzehnten bot die gruselige Vita an sich den Stoff für Romane und Opern. 1995 zollte der Filmemacher Werner Herzog Gesualdo Tribut mit seiner Dokumentation "Death for Five Voices" - der Titel ist eine Anspielung auf die Madrigale. 2001 adaptierte der Komponist Howard Shore die Anfangsakkorde des Madrigals "Moro, lasso“ für die Filmmusik von "Der Herr der Ringe: Die Gefährten". Gleich drei Neueinspielungen seiner Musik im Jahr 2013 machen zudem deutlich, dass der Fürst an seinem 400. Todestag nach Jahrhunderten der Vergessenheit wieder lebt.

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