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Für Sie

"Wenn's um's Geld geht, hört der Spaß auf!" - Und die Freundlichkeit meist auch. Dabei wäre sie in solchen Fällen doch so hilfreich, in anderen Situationen wirkt sie hingegen oft sehr gewollt.

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Der Preis ist heiß!

Neulich im Intercity: „Im Wagen 25 befindet sich unser Bord-Restaurant, wo Sie unser freundlicher Mitarbeiter gerne zum Mittagessen erwartet.“. Klar ist der Mitarbeiter freundlich, aber ob er gerne wartet? Ein paar Stunden später dann die Durchsage: „In unserem Bord-Restaurant ist der Abendbrottisch für Sie gedeckt. Unsere freundliche Mitarbeiterin freut sich auf Sie.“. Tage später: Im Bord-Bistro legt die ebenfalls freundliche Mitarbeiterin die Rechnung mit dem Restgeld neben den Kaffeepott und sagt: „So; bitte schön; und zwei zwanzig zurück für Sie.“ Ja, für wen denn sonst?

Die "Für Sie"-Freundlichkeit

Eine Art neuer Freundlichkeit hat sich in unseren Landen breitgemacht. Eine Freundlichkeit, die unverbindlich und fast gedankenlos ist. Falls es so etwas wie gedankenlose Freundlichkeit überhaupt gibt. Denn ist die Kassiererin im Supermarkt abends Zehn vor Acht gedankenlos, wenn sie, den Kassenbon ´rüberschiebend, ihr „einen schönen Tag noch für Sie“ von sich gibt? Nein. Sie ist nur müde, muss aber ihren Spruch sagen und freundlich bleiben.

Der Kunde ist zwar kein König, aber wenn man ihn nicht freundlich behandelt, geht er zur Konkurrenz.Das „Für Sie“ ist zu einer allgegenwärtigen Formel geworden; eine Floskel, in der die Absicht steckt, uns mitzuteilen, dass wir ernst genommen werden und wichtig sind. Wir, das sind wir alle. „Wir renovieren für Sie.“ Wie schön.

Die "Für Sie"-Fürsorge

Aber vielleicht ist es uns völlig egal, ob sich die Herrenabteilung im Kaufhaus bald in völlig neuem Gewand präsentiert. Selbstlos wird umgestaltet, werden Preise – natürlich gnadenlos – reduziert, „wir schwingen den Preishammer“; alles „für Sie“, alles für uns. Zum Beispiel dies: „Wir erneuern für Sie den Hauptabwasserkanal-Süd.“ Das ist fein. Denn ohne diese nett gemeinte Information würden wir nicht so fröhlich jeden Morgen die Großbaustelle im Schneckentempo auf dem Weg zur Arbeit passieren. So aber sind wir gelassen und heiter, wohl wissend, dass der Kanal ja für uns und niemand anderen modernisiert wird.

Wer sich nicht alles um uns kümmert! Mal ist es ein Kaufhaus, dann ein städtisches Tiefbauamt und wenn wir versuchen auf den Autobahnen vorwärts zu kommen, teilt uns sogar das Bundesland, in dem wir uns gerade befinden, mit, dass wir es sind, für die hier gebaut wird. Riesige Tafeln, auf denen zu lesen ist, dass der sechsspurige Ausbau so und soviel Millionen Euro kostet und mindestens bis da und dahin dauern wird. Alles für uns.

Das "Für Sie"-Geschenk

Die meiste Zuwendung, die unerbittlichsten Fürsorgeerklärungen erfahren wir allerdings durch die Politiker. „Für Sie, die mündigen Bürgerinnen und Bürger draußen im Lande“, wolle man wirken. Wenn sie dann abends wieder zu Hause sind, die Bürgerinnen und Bürger, finden sie häufig wundersame Nachrichten in ihren Briefkästen. Da stellt Michael Mustermann erstaunt fest, dass er zu den wenigen Auserwählten gehört, denen dieses Angebot gemacht wird. „Ganz speziell für Sie, Herr Mustermann.“

Nun wird Herr Mustermann trotzdem das supergünstige 48-teilige Tafelsilberbesteck noch nicht einmal zur Ansicht kommen lassen, weil er sein Geld für Wichtigeres braucht. So entgeht ihm auch das „Gratis-Geschenk“ – was für ein Wort - ein „echtlederner Schlüsselbundanhänger“.Herr Mustermann wird auch nicht dem Automobilclub antworten, der „ganz speziell für Sie, Herr Mustermann“ den großen Stauatlas mit den schönsten Sehenswürdigkeiten am Rande zusammen mit einem ‚Erste-Hilfe-Set’ zum Sonderpreis bereithält.

Die "Für Sie"-Grenze

Herr Mustermann wirft beide Briefe in den Papierkorb und öffnet den dritten. Die Stadtwerke schreiben ihm. Ab dem nächsten Quartal muss er für Strom und Gas mehr bezahlen. Wieso heißt es da nicht: „Wir haben die Preise für Sie erhöht.“. Könnte man doch schreiben, oder? Schließlich müssen sie ja von Herrn Mustermann und uns allen bezahlt werden. Von wem denn sonst!

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  • Datum 03.11.2005
  • Autorin/Autor Michael Utz
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  • Permalink http://p.dw.com/p/7OBc
  • Datum 03.11.2005
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