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Sport

Für faire Fußbälle

Das Nähen von Fußbällen ist harte, meist unterbezahlte Handarbeit. In Pakistan werden die Arbeitsbedingungen jetzt zum Teil erträglicher - und die die Fußbälle teurer.

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Gehören diese Hände einem Kind?

In der nordpakistanischen Region Sialkot werden 80 Prozent aller Fußbälle produziert. Bis vor einem Jahrzehnt wurden Fußbälle größtenteils noch in Heimarbeit in Dörfern hergestellt. Menschenrechtsorganisationen gelang es jedoch, das öffentliche Interesse auf die oftmals schrecklichen Arbeitsbedingungen und die Kinderarbeit zu lenken. Heute werden die Produktionsstätten in Sialkot überwacht. "Das Problem ist allerdings, dass gefälschte Bälle außerhalb dieser Zone produziert werden, und man nicht ausschließen kann, dass sie von Kindern genäht werden", sagt Anne Putz, PR-Koordinatorin von Adidas.

FIFA fordert faire Bälle

Fair Handelshaus gepa Fair pay Fair play

Rahila, eine 40-jährige Ballnäherin in Sialkot, Pakistan, präsentiert einen Ball des Fair Handelsorganisations gepa

Auch Adidas lässt in Sialkot von Hand nähen, hat sich aber zu Fairness verpflichtet. Der Sportartikel-Riese ist Unterzeichner des Vertrags von Atlanta, in welchem sich 1997 die Sportwarenindustrie, Arbeiterverbände, Kinderhilfswerke und andere Nicht-Regierungsorganisationen zusammenschlossen, um Kinderarbeit aus der pakistanischen Fußball-Produktion zu verbannen. Das Abkommen wird auch vom Weltfußballverband FIFA unterstützt wird.

Das Abkommen von Atlanta hat die Ballproduktion von Privathäusern in Nähereien verlagern können, die leichter überwacht werden können. Daher ist Kinderarbeit zu einem Großteil aus diesem Bereich verschwunden. "Aber die Löhne sind immer noch nicht hoch genug, um Kindern bessere Bildungsmöglichkeiten zu eröffnen", sagte Barbara Schimmelpfennig, Sprecherin von Gepa, der größten europäischen Fair-Trade-Firma.

Prämien zu Selbsthilfe

Gepa war eine der ersten Fair-Trade-Organisationen, die im Jahr 1988 zusammen mit ihrem Partner vor Ort, Talon Sports, Nähereien in Sialkot aufgebaut haben. Unter anderem wurden lokale Einrichtungen exklusiv für Frauen geschaffen: "Da Frauen in Pakistan nicht mit Männern zusammenarbeiten dürfen, haben sie dadurch die Möglichkeit, einen Job zu haben und das Familieneinkommen zu verbessern", sagt Schimmelpfennig.

Um die 32 honigwabenförmigen Stücke aus synthetischem Leder mit 650 Stichen zusammenzunähen, brauchen geübte Hände ungefähr anderthalb Stunden. Gepa benutzt ein Prämiensystem, das Talon eine Summe zwischen umgerechnet 0,34 und 0,84 Euro pro fair produzierten Ball bezahlt, je nach Qualität. Die "Talon Fair Trade Workers Welfare Society" - bestehend aus Näherinnen, Nähern und Talon-Vertretern - entscheiden dann, was mit dem Geld passiert.

"Ein Teil der Prämie wird benutzt, um Löhne zu erhöhen, ein anderer geht in einen Fond für kleine Kredite", sagt Schimmelpfennig. "Die Kredite können den Arbeitern zum Beispiel helfen, ein zweites berufliches Standbein zu entwickeln, da die Fußballproduktion saisonal beschränkt sein kann."

Die Prämien werden außerdem dafür benutzt, die Arbeitsbedingungen in den Nähereien zu verbessern, und Gesundheits- und Bildungseinrichtungen zu errichten, wie zum Beispiel eine Vorschule für Arbeiterkinder. Die medizinische Versorgung für Talon-Mitarbeiter und deren Familien ist für diese kostenlos.

74 Prozent mehr Lohn

Talon beschäftigt 1500 Näher, davon 400 Frauen. Rahila zum Beispiel verdient etwa 74 Prozent mehr für einen "fairen Ball" der am weitesten verbreiteten Qualität als für einen "normalen Ball": 47 Rupien (0,65 Euro) statt 27 Rupien. Mit diesem Gehalt kann die achtfache Mutter einen beträchtlichen Unterschied für die Lebensqualität ihrer Familie machen.

Während des Vorlaufs zur WM hat Gepa ihre Kampagne "Fair Play - Fair Pay" gestartet, um die Zuschauer mehr für die Bedingungen, unter denen die Bälle produziert werden, zu sensibilisieren. "Besonders jetzt, kurz vor der WM, sind billige Bälle und Fälschungen ein Problem", sagte Schimmelpfennig; faire Ballproduktion sei extrem wichtig.

Die Menschen hinter den Bällen

"In Europa wollen die Leute billige Bälle kaufen, und das beeinflusst die Löhne", sagte Ammar Faisal Al Assad, Direktor von Talon Sports. "Doch wegen des fairen Handels sind sich viele Leute jetzt der Menschen hinter den Bällen bewusst geworden."

Al Assad hofft nun, dass sich mehr Kunden für fair produzierte Bälle entscheiden, denn diese stellen bis jetzt nur ungefähr fünf Prozent der etwa zwei Millionen Bälle dar, die jährlich weltweit hergestellt werden.

Für den WM-Ball "Teamgeist" trifft das alles nicht zu: dessen einzelne Kunststoffteile werden gar nicht genäht, sondern durch Wärme zusammengeschmolzen. Und das nicht in Pakistan, sondern in Thailand.