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Kultur

"Für einen Ausländer bist du echt in Ordnung!"

Ein iranischer Fleischer kommt in die ostdeutsche Provinz und stellt dort alles auf den Kopf. In der Komödie "Salami Aleikum" prallen Orient und Ossis aufeinander. Ein Gespräch mit dem Regisseur Ali Samadi Ahadi.

Ein Wollknäuel in Herzform wird von einer Stricknadel perforiert

Hauptdarsteller Ana und ihr iranischer Freund Mohsen stehen sich auf einer Lichtung gegenüber.

Im Dickicht der Gefühle: Ana und Mohsen

DW-WORLD: Sie haben einen riesigen Schritt gewagt: "Lost Children" war ein brutaler Dokumentarfilm über Kindersoldaten in Uganda. Nun liefern Sie ihr Spielfilmdebüt mit einer Culture-Clash-Komödie, die in der tiefsten ostdeutschen Provinz spielt. Brauchten Sie einen Ausgleich nach "Lost Children"?

Ali Samadi Ahadi: Ja. Ein Film wie "Lost Children", der bewegt einen und nimmt einen psychisch sehr in Anspruch. Das kann man auf die Dauer gar nicht verkraften. Außerdem bin ich der Meinung, dass nicht jeder Film in dieser Sprache und in dieser Form erzählt werden kann wie "Lost Children". Die Notwendigkeit, "Salami Aleikum" als Komödie zu erzählen, war einfach da. Und ich habe das auch sehr gerne gemacht.

Die gleiche Geschichte hätte man aber auch ernst drehen können. Warum haben sie sich für diese fantastische Herangehensweise entschieden?

Man hätte den Film auch als Drama inszenieren können, das stimmt. Ich habe mich für eine Komödie entschieden, weil ich der Frage nachgegangen bin: Wo entscheidet sich eigentlich die Frage nach Heimat? Im Kopf oder im Herzen? Ich bin der Meinung, dass die Suche nach Heimat eine Herzensangelegenheit ist. Und dann habe ich mir die Frage gestellt: Wie kann ich das Herz der Menschen am ehesten erreichen? Und das kann ich durchs Lachen. In dem Moment, wo der Mensch lacht, hat er sofort direkten Kontakt zum Herzen. Und das war mein Anliegen.

Sie vereinen in ihrem Film die unterschiedlichsten Stilelemente: Da gibt es Referenzen an die Pop Art, an die Screwball Comedy, dann gibt es Animationspassagen und sogar Tänze, die ans Bollywood-Kino erinnern: War es nicht schwer, ein solches Projekt durch alle Produktionsinstanzen und Filmförderungen durchzubekommen?

Wir mussten viel diskutierten und Überzeugungsarbeit leisten. Das hat natürlich damit etwas zu tun, dass die Menschen, die wir als Förderer gewinnen wollten, nicht wussten, wie der Film aussehen sollte. Denn wir hatten ja keine Referenzen, keine filmischen Vorbilder. Was heißt denn ein fliegender Teppich? Und was heißt Bollywood in Ostdeutschland? Wie soll das gehen? Die Förderer davon zu überzeugen, das war ein Akt. Aber, auch wenn man es sich kaum vorstellen kann, der Film hat nicht so viel gekosten. Nur etwa 1,5 Millionen Euro, so viel wie ein "Tatort" fürs Fernsehen.

Szenenbild Salami Aleikum Flash-Galerie

Ossiland trifft Orient

Sie sind 1985 nach Deutschland gekommen, haben also den Mauerfall bewusst erlebt. Wie haben Sie die Ereignisse als Iraner wahrgenommen?

Ich habe damals in Hannover gelebt. In der DDR gab es Kräfte, die nicht unmittelbar die Wiedervereinigung anstrebten, sondern nach einem anderen Weg suchten. Das fand ich wahnsinnig spannend. Insbesondere für jemanden wie mich, der aus dem Iran fliehen musste, weil er den Mund aufgemacht hatte. Weil dort Menschen verfolgt wurden und werden wegen ihrer Meinung, ihrer Ideen. Auch zu sehen, dass ein Land ohne großes Blutvergießen eine Wende erfährt, war für mich spannend. Ich wünsche mir heute für den Iran, dass das auch dort möglich wäre.

Und wie war es, als Sie das erste Mal nach Ostdeutschland kamen?

Das war kurz nach der Wende. Ich durfte noch während der DDR-Zeit dort einreisen. Das war ganz spannend, weil ich plötzlich neue Menschen kennen lernte: es war dasselbe Volk, aber die waren doch anders. Die waren offen, offener als die Westdeutschen, fand ich. Es gab so ein naives sich Beschnuppern. Orientalen waren ja damals dort sehr selten. Damals, 1989/90, war es noch so, dass ich Blicke erhaschen durfte: „Aha, du Ausländer! Das war sehr unbefangen damals in der DDR. Man war neugierig, und die Begegnungen fand ich toll.

Das widerspricht aber dem, was ihr Protagonist in der DDR-Provinz erlebt?

Das hat sich im Laufe der Zeit auch verändert. Die Angst in den neuen Bundesländern hat sich ja sehr verbreitet, diese Berührungsangst. Und das ist auch der Ausgangspunkt von meinem Helden, wenn er dort ankommt. Ich finde das aber nicht schlimm. Ich mag Klischees, und ich mag Vorurteile, weil ich der Meinung bin, dass sie wie Leuchttürme wirken. Ich bin der Meinung, dass Vorurteile oder Klischees eher dazu dienen, sich selbst zu positionieren als andere zu beleidigen. Es geht in erster Linie darum zu sagen: "Hier stehe ich. Und da stehst du! So. Und jetzt können wir uns vielleicht aufeinander zu bewegen. Und mal gucken, wo wir landen." Ich habe in Ostdeutschland Jahre später, als ich für "Salami Aleikum" durch die Dörfer gezogen bin, in Kneipen gesessen mit Leuten, die sehr skeptisch waren. Und nach einer Stunde haben die mir auf die Schulter geklopft und gesagt: "Für einen Ausländer bist du echt in Ordnung!" Natürlich kann man sagen: "Hey, willst du mich beleidigen?" Aber ich habe mich eher wohl gefühlt. Ich habe mich dann bedankt. Weil ich das Gefühl hatte, dass die das ernst meinen und auch gar nicht böse.

Schauspieler Navid Akhavan vor Kneipenkulisse

Mohsen, gespielt von Navid Akhavan

Wie viel steckt von Ihnen selbst in Ihrem Protagonisten Mohsen?

Einiges. Ich will nicht sagen, dass das eine autobiographische Figur ist, aber da steckt natürlich viel drin. Die Parallelen zwischen Mohsen und mir zu entdecken und damit leicht umzugehen, das hat mich Jahre gekostet. Ich musste von mir Abstand gewinnen und von meiner Geschichte, um auch über mich lachen zu können.

Annas Vater sucht nach einem Investor für einen maroden Textilbetrieb. Das erinnert eher an die Zeit Anfang, Mitte der 1990 Jahre und nicht an heute. Kommt Ihr Film 15 Jahre zu spät?

Als wir das Buch schrieben, musste ich an diese Chipfabrik denken, die mit einem Riesenaufwand in Kooperation mit einem Scheich entstehen sollte. Der aber sprang ab, und es gab ein Riesenbauloch, wo Milliarden von Steuergeldern versenkt waren. An solche Geschichten musste ich denken.

Was würden Sie sich für die Zuschauer wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass wir lernen, mit ein bisschen mehr Leichtigkeit uns selbst zu betrachten. Dass wir uns gegenseitig so nehmen, wie wir sind. Und nicht so, wie wir uns wünschen, dass wir wären. Dass wir miteinander unsere Schwächen und Stärken annehmen und sagen: Wir machen das Beste daraus.

Ali Samadi Ahadi, 1972 in Tabriz im Iran geboren, floh im Alter von zwölf Jahren während des Krieges zwischen Irak und Iran aus seiner Heimat. Er kam ohne seine Eltern nach Hannover und machte dort 1992 das Abitur. Seit 2000 arbeitet er als freier Regisseur und Cutter. 2006 gewann er mit dem Dokumentarfilm "Lost Children" den Deutschen Filmpreis. In dem Werk über Kindersoldaten im Norden von Uganda schildern Betroffene, wie sie von militärischen Gruppen für deren Kriegsdienst entführt und später zu Mord und Folter gezwungen wurden. Ein erschütterndes Dokument. Umso mehr überrascht Ali Samadi Ahadi jetzt mit seinem neuen Film "Salami Aleikum". Er handelt von einer iranischen Fleischerfamilie aus Köln, die in die ostdeutsche Provinz kommt und dort ungewollt die dörfliche Idylle auf den Kopf stellt. Die Bewohner glauben, sie wolle das marode Textilwerk des Dorfes wieder aufbauen. Aktuell setzt sich Ali Samadi Ahadi für die iranische Protestbewegung ein.

Das Gespräch führte Bernd Sobolla

Redaktion: Sabine Oelze

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