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Politik & Gesellschaft

Für eine Welt voller Windräder

Der Bundestag hat der Energiewende zugestimmt. Doch Deutschland sollte die Signalwirkung nicht überschätzen und zuerst zeigen, wie man ohne Atomkraft auskommt, meint Bernd Gräßler.

Themenbild Kommentar (Foto: DW)

Kanzlerin Angela Merkel Seite an Seite mit Greenpeace-Chef Kumi Naidoo im Kampf für eine Welt ohne Atommeiler, aber voll von Windrädern, Solardächern und Biomasse-Kraftwerken - und zwar nicht irgendwann, sondern möglichst schnell. Vor einigen Monaten wäre das die Idee für eine Karikatur gewesen, mittlerweile ist es die neue Realität nach der Energiewende, die der Bundestag am Donnerstag (30.06.2011) beschlossen hat.

Erneuerbare Energien sollen künftig die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt antreiben und nebenbei auch noch das Klima retten. Viele zweifeln, dass dies geht.

Reine Panik-Mache?

Die hiesige Reaktion auf die Fukushima-Katastrophe wird im Ausland gern als überzogen und als typische "German Angst" gesehen. Doch das ist zu einfach, denn für die Deutschen gibt es außer der tief sitzenden Ablehnung von Atomkraft in der Bevölkerung noch andere handfeste Gründe: Der relativ geringe Anteil von Kernenergie an der Stromproduktion, der rasche Fortschritt bei der Nutzung alternativer Quellen, der um sich greifende sparsame Umgang mit Energie, die weltweit führende Umwelttechnologie.

Dass die Atomkraft bis 2020 ersetzt werden kann, ist hierzulande eine realistische Perspektive. Fukushima gab den Anstoß auch für die bisherige "Atomkanzlerin" Merkel, möglichst schnell auf alternative Energien zu setzen.

Allein unter Atomkraftbefürwortern

Bernd Gräßler (Foto: DW)

Bernd Gräßler

Es wäre allerdings Selbstüberschätzung, anzunehmen, das deutsche Nein zur Atomkraft könne nun die globale Wende im Verhältnis zu dieser riskanten Technologie bewirken. Chinesen, Inder oder Russen mit ihren aufstrebenden Volkswirtschaften werden kaum den Bau Dutzender Atommeiler stoppen, nur weil sich Deutschland von der Kernenergie verabschiedet. Vielleicht werden diese Länder eines Tages ähnlich handeln, wenn sie die realen Kosten der Atomenergie einschließlich Risikovorsorge, möglichen Unfällen und Endlagerung des radioaktiven Mülls nicht mehr tragen wollen oder können.

Deutschland wird zum Testfall, wie man einen führenden Industriestaat nicht nur ohne Uran, sondern auch mit immer weniger Öl, Gas oder Steinkohle am Laufen hält. Für andere, die sich ähnlich entscheiden, kann Deutschland ein Modell liefern oder wenigstens die Technologie. Kanzlerin Merkel hat bei ihrer Offensive für die regenerative Energie übrigens auch den afrikanischen Kontinent im Blick, eine weitere Gemeinsamkeit mit dem aus Südafrika stammenden Greenpeace-Chef Naidoo: Beide halten Atommeiler auf dem bisher schon weitgehend atomkraftfreien Kontinent für entbehrlich. Denn Afrika hat ein riesiges Potential an Sonne, Wind, Erdwärme und Biomasse.

Neue Kehrtwende möglich?

Wie Deutschland die schwierige Rolle als "Pionier" der Energiewende bewältigt, kann niemand voraussagen. Zwar gibt es parteiübergreifend und prinzipiell Konsens über den Ausstieg. Aber steht vielleicht alles wieder auf der Kippe beim ersten größeren Stromausfall, vor dem einige warnen? Muss das Ausland mit Atomstrom aushelfen, was den deutschen Ausstieg ad absurdum führen würde? Werden die Klimaziele gefährdet, wenn vorübergehend mehr Steinkohle zum Einsatz kommt?

Zu denken gibt, dass es die Regierungsparteien ablehnen, das Ende der Kernenergie in der Verfassung zu verankern, so wie es das Nachbarland Österreich getan hat. Denn schon einmal - im Jahr 2000 - wurde ein deutscher Atomausstieg beschlossen und später wieder rückgängig gemacht.

Der Ausgang des Unternehmens Energiewende ist deshalb ungewiss, es in Angriff zu nehmen, ist aber ein mutiger Schritt.

Autor: Bernd Gräßler
Redaktion: Nicole Scherschun

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