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Europa

Für ein besseres Klima

Die von der EU eingeführten Verschmutzungsrechte können viel zu günstig von der Industrie gekauft werden, und der CO2-Ausstoss sinkt so nicht wesentlich. Das zu ändern, ist das Ziel des Vereins "TheCompensators*".

Luftverpesstung mit Zertifikat - Verein will das ändern (Foto: DW)

Luftverpesstung mit Zertifikat - Verein will das ändern

Verein TheCompensators* in Berlin (Foto: DW/Richard A. Fuchs)

Verein TheCompensators* in Berlin

Der Verein TheCompensators* will der Atmosphäre viele Tonnen CO2 ersparen. Deshalb kauft er an den europäischen Börsen dort gehandelte CO2-Verschmutzungsrechte, Zertifikate also, mit denen Fabriken in der EU sich das Recht sichern, eine Tonne CO2 in die Luft zu blasen. Doch anstatt die für viel Geld weiterzuverkaufen, vernichtet der Verein diese Verschmutzungsrechte. Damit werden auch echte CO2-Emissionen ausgelöscht. Der Verein nutzt dabei das 2005 von der EU geschaffene Klimaschutzinstrument des Handels mit Treibhausgas-Emissionen.

Ein festes Kontingent an Verschmutzungsrechten

Sie wollen Menschen tatsächlich dafür begeistern, etwas zu kaufen, um es dann anschließend wieder zu vernichten. Was die Klimaaktivisten TheCompensators* versuchen, scheint zunächst allen Regeln der Marktwirtschaft zu widersprechen. Doch nur scheinbar, denn die Gruppe hat sich so lange darüber geärgert, dass man in Europa die Luft quasi zum Nulltarif verpesten darf, dass sie jetzt den Preis von CO2 aktiv nach oben treiben will. Der Hintergrund: Die EU-Mitgliedsstaaten haben bereits 2005 ein System vereinbart, dass gewissermaßen ein Preis-Etikett an jede Tonne CO2 heftet, die von Großfabriken in die Luft geblasen werden. Jedes EU-Land bekam von der EU-Kommission ein festes Kontingent an so genannten Verschmutzungsrechten, die an die großen Fabriken im Lande verteilt werden konnten. Weil gerade in der Anfangsphase dieser Klimaschutzpolitik möglichst wenig Widerstand von Fabrikbesitzern oder der Industrie geweckt werden sollte, gab es die Verschmutzungsrechte überwiegend gratis. Erst in jüngster Zeit müssen sich Fabriken auch Zertifikate selbst kaufen. Doch noch sind die viel zu günstig, um wirklich CO2-Einsparungen zu bewirken, und das ist das eigentliche Ziel des ganzen EU-Emissionshandels.

Eine Vernissage für besseres Klima

Reset Kopenhagen fodert der gemeinnützige Verein (Foto: DW/Richard A. Fuchs)

"Reset Kopenhagen" fodert der Verein

Deshalb haben TheCompensators* im Berliner Multikulti-Stadtteil Neukölln in eine alte Fabrikhalle zu einer Vernissage geladen. Zwischen Tapas und Kunstobjekten aus Recyclingmaterial drängen sich viele Mittdreißiger, debattieren über Klimaschutz und die alte Frage: Was kann jeder Einzelne dafür tun? Die Mitglieder des gemeinnützigen Vereins TheCompensators* haben sich unter die Gäste gemischt. Neumitglied Florian Oel erklärt sachlich, aber dennoch mit Begeisterung, was es mit der Klimaschutz-Initiative auf sich hat und wie dadurch der eigene Anteil am CO2 Ausstoß kompensiert werden kann. "Wir Compensators machen erst einmal darauf aufmerksam, dass es das System des EU-Emissionshandels überhaupt gibt, dass dieses System theoretisch gut ist, praktisch aber nicht wirklich gut funktioniert“, sagt der Umwelt-Aktivist.

Viele Gäste stutzen. Kaum einer, der wirklich Bescheid weiß, was hinter dem 2005 von den EU-Mitgliedsstaaten eingeführten Handel mit Treibhausgasen steckt. In der EU dürfen Strom-Kraftwerke, Stahl- oder Zementfabriken etwa 450 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr in die Luft blasen. Jeder Staat bekomme ein festes Kontingent an Verschmutzungsrechten zugeteilt, sagt Florian, der inzwischen an einem gesprenkelten Tisch aus geschmolzenem Abfall lehnt. "Der Staat verteilt die Verschmutzungsrechte an die einzelnen Unternehmen und Fabriken, die gezwungen werden, an dem System teilzunehmen." Reicht die CO2-Menge der Firma nicht aus, weil sie energieintensiv produziert oder weil ihre technischen Anlagen veraltet sind, dann habe sie zwei Möglichkeiten: "Entweder muss die Firma eine Strafe zahlen, oder aber sie kann Verschmutzungsrechte zum aktuellen Marktpreis nachkaufen."

Tonne um Tonne vernichten

Zertifikate kaufen und löschen - das ist das System (Foto: DW/Richard A. Fuchs)

Zertifikate kaufen und löschen - das ist das System

Gegründet wurde der Verein TheCompensators* von drei Wissenschaftlern am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), und sie erkannten schon früh das Grundproblem: Bislang ist der Preis von CO2 noch viel zu niedrig, um genügend Anreiz für Firmen zu bieten, damit sie in klimafreundliche, neue Produktionstechnologien investieren. Vereinsmitglied Giulia Carboni zeigt auf den Bildschirm vor sich. Die Luft in der EU mit einer Tonne CO2 zu verpesten, koste im Moment gerade einmal etwas mehr als 14 Euro, sagt sie nachdenklich.

TheCompensators* haben sich deshalb aufgemacht, für höhere Kohlendioxid-Preise zu kämpfen. Und sie nutzen bei ihrer Arbeit das Instrument des EU-Emissionshandels selbst. Auch der Verein hat ein Emissionshandelskonto aufgemacht, analog zu den dort versammelten Firmen. Immer wenn genügend Spenden gesammelt wurden, kauft der Verein an den europäischen CO2-Börsen in Leipzig, Wien oder London selbst tonnenweise CO2-Rechte. Doch anstatt diese dann weiterzuverkaufen und den Markt mit billigen Verschmutzungsrechten zu überfluten, löschen TheCompensators* ihre Zertifikate freiwillig – und endgültig. Weil sich dadurch aber die Menge der am Markt erhältlichen Verschmutzungszertifkate verringert, werden die übrigen Angebote – ganz nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage – im Preis steigen. Und genau das wollen TheCompensators* mit ihrem Engagement auch erreichen.

Die Macht des Einzelnen

Insgesamt wurden dem Planeten so bereits über 2000 Tonnen Kohlendioxid erspart. Verschwindend wenig, ein symbolischer Beitrag, könnte man meinen. Und doch, Zertifikate zu löschen lohne sich, sagt Giulia Carboni: "Wenn ich jetzt nur 15 Euro habe und eine einzige Tonne CO2 damit lösche: Diese Tonne wird dann nicht emitiert."

Gastgeber und Künstler Gerhard Bär, der aus alten Plastiktüten und Müll auch Stühle, Bilder und Lampen baut, findet vor allem die Botschaft von TheCompensators* beeindruckend: "Der Einzelne muss wieder verstehen, dass er der Mächtige ist, dass er etwas tun kann", sagt der Mann mit wilder Lockenkopf-Mähne. Eine Botschaft, die beim Publikum offenbar ankommt. Nicht wenige, die sich darüber freuen, dass der Verein ein wissenschaftliches Thema endlich näher an die Gesellschaft rückt. Kein Wunder, dass es am Ende des Abends einige "Compensators" mehr gibt.

Autor: Richard A. Fuchs
Redaktion: Gudrun Heise