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Nahost

Für Andersgläubige verboten

Muslime können in aller Regel ungehindert den Vatikan und die heiligen Stätten des Christentums besuchen. Umgekehrt gilt das nicht immer. Warum ist das so? Und sind diese Regelungen tatsächlich verbindlich?

Die Kaaba-Moschee im saudi-arabischen Mekka

Die Heiligtümer in Mekka sind für Nicht-Muslime tabu

"Ich bin Christ und würde gerne einmal mit meinen muslimischen Freunden die religiösen Feierlichkeiten in Mekka erleben", schreibt ein User auf der Facebook-Seite der Deutschen Welle. Er ist nicht der einzige, der nicht verstehen kann, warum die Kaaba und die Al-Ahram-Moschee als heiligste Orte des Islam für Angehörige anderer Religionen gesperrt sind. Ist das nicht genau das Gegenteil von Dialog, Offenheit und Transparenz? Kann man sich wirklich gegenseitig kennen lernen, wenn ausgerechnet der Besuch solch zentraler Orte unmöglich ist? Viele bekennende Christen oder säkular eingestellte Bürger aus westlichen Ländern stellen solche Fragen. "Ich weiß, dass die islamischen Gesetze von Saudi-Arabien und in anderen Staaten im Mittleren und Nahen Osten sehr konservativ sind und sehr reaktionär", sagt etwa ein deutscher Christ, den wir vor dem Abendgebet im Kölner Dom treffen. "Man sollte sich aber wirklich bemühen, hier eine moderne, internationale und multikulturelle Einstellung zu gewinnen."

Die Al-Azhar-Moschee in der ägyptischen Hauptstadt Kairo

Offen für Besucher: Die Al-Azhar-Moschee in Kairo

Der Mann weiß aus eigener Erfahrung, dass es dabei von Land zu Land durchaus Unterschiede gibt. Er hat bereits Moscheen in Deutschland, Ägypten und in der Türkei besucht - das war kein Problem. Aber in anderen Ländern wie zum Beispiel Marokko oder Jemen werden Nicht-Muslime oftmals nicht oder nur zu bestimmten Zeiten in Moscheen hereingelassen. Eine allgemeinverbindliche Regelung für alle Moscheen weltweit gibt es schon deshalb nicht, weil der Islam keine anerkannte oberste irdische Autorität besitzt - wie etwa der Papst bei den Katholiken.

Eine Folge des Islamverständnisses in Saudi-Arabien

Während Muslime also im Regelfall problemlos den Vatikan oder den Kreuzweg in der auch ihnen heiligen Stadt Jerusalem besuchen können, dürften umgekehrt die heiligen Stätten in Mekka für Nicht-Muslime auf absehbare Zeit tabu bleiben. Und zwar einzig und allein deshalb, weil das in Saudi-Arabien herrschende Islamverständnis dies so vorschreibt. Doch dieses Verbot ist keineswegs reine Willkür oder Schikane. Es beruht vielmehr auf einer besonders strengen Interpretation religiöser Quellen. Imam Metwali Mousa, Vorsitzender des Bundesverbands für Islamische Tätigkeiten und Mitglied des Zentralrats der Muslime in Deutschland, hat dafür eine historische Erklärung, die direkt auf den Koran zurückgeht: "In der Zeit des Propheten Muhammed gab es Polytheisten, die nackt und unsauber um die Kaaba liefen", erklärt er. "Sie wurden im Koran als 'unrein' beschrieben und man hat ihnen das Betreten der Kaaba verboten."

Genau hier beginnen zwischen islamischen Gelehrten die feinen, aber wichtigen Interpretationsunterschiede. Einige verstehen das Wort "unrein" als Synonym für "nicht-muslimisch" – andere nur als "unsauber" oder "schmutzig". Sicher scheint nur: Das "Mekka-Verbot" für Nicht-Muslime entstand ursprünglich aus der Befürchtung, dass andernfalls an der Kaaba der vorislamische Kult der Vielgötterei zurückkehren könnte. Für Imam Metwali Mousa gibt es deshalb keinen Grund, etwas daran zu ändern. "Das Verbot schadet doch niemandem! Und man darf das auch keineswegs als fehlenden Respekt oder als Verachtung gegenüber Nicht-Muslimen interpretieren", sagt er. Das Verbot solle deshalb einfach so akzeptiert werden wie die westlichen Verfassungen von den im Europa lebenden Muslimen.

Kritik am Mekka-Verbot für Andersgläubige

Der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi

Gaddafi ist gegen das Mekka-Verbot für Andersgläubige

Dass man dies aber auch ganz anders sehen kann, zeigt ausgerechnet das Beispiel eines führenden arabischen Politikers, der sonst nicht eben als Freund des Westens bekannt ist: Der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi kritisierte bereits vor fünf Jahren sehr deutlich das "Mekka-Verbot" für Andersgläubige und forderte die Saudis dazu auf, Christen und Juden den Zugang zu den heiligen Stätten zu ermöglichen. "Der Besuch ist nicht nur Arabern und Muslimen gestattet", sagte al-Gaddafi. Die Kaaba-Moschee sei das Haus Gottes. Deshalb sei jeder eingeladen, die Pilgerfahrt Hadsch mitzumachen.

Ähnlicher Meinung ist eine arabischstämmige Muslima aus Deutschland, die gerade mit dem Kölner Dom eines der berühmtesten christlichen Wahrzeichen in ihrer Wahlheimat Deutschland besucht hat: "Die einen sagen, dass Nicht-Muslime die Kaaba nicht besuchen dürfen. Und die anderen sagen: Sie dürfen sie besuchen! Und ich bin auch der Meinung, dass Nicht-Muslime die Kaaba besuchen dürfen! Weil ich der Meinung bin, dass der Islam eine tolerante Religion ist." Die muslimischen Verbände in Deutschland immerhin haben als Reaktion auf die teils heftig geführten Integrationsdebatten in ihrem Land schon vor Jahren ein Signal gesetzt, das sich merklich vom saudischen Islam-Verständnis unterscheidet: Sie laden ihre nicht-muslimischen Mitbürger einmal jährlich zu einem "Tag der offenen Moschee" ein.

Autor: Ali Almakhlafi
Redaktion: Szabo, Tamas / Theresa Tropper