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Bücher

Fünf Romanempfehlungen fürs Frühjahr (I)

Lit.Cologne und Leipziger Buchmesse läuten den Bücherfrühling ein. Anlass für uns, eine Reise durch Europas Neuerscheinungen zu unternehmen. Im Gepäck: Romane aus Italien, Frankreich, Deutschland und Großbritannien.

Ende der 1950er Jahre schlugen sich viele Menschen aus dem armen Süden Italiens zu den Wirtschaftsmetropolen im Norden nach Turin und Mailand durch, um dort an einen Job zu kommen. Darunter waren auch viele Kinder. Marco Balzano, dessen Eltern zu den süditalienischen Einwanderern gehörten, hat für seinen Roman viele dieser noch heute dort lebenden Armutsflüchtlinge interviewt. Das, was sich derzeit in der globalisierten Welt abspielt, geschah damals innerhalb von Landesgrenzen. Vor diesem Hintergrund hat der Italiener Balzano seinen Roman "Das Leben wartet nicht" angesiedelt: Der neunjährige Ninetto ist ein Armutsflüchtling und Balzano nimmt den Leser mit auf eine Reise, bei der Ninetto in Mailand rasch einen Job und neue Freunde findet. Doch das tägliche Leben ist hart - und so gestaltet sich auch der weitere Lebensweg der literarischen Hauptfigur alles andere als einfach.

Ninetto erzählt seine Geschichte im Rückblick aus dem Gefängnis heraus, wo er eine Haftstrafe absitzt. Als wäre es ein Film von Vittorio de Sica, beschreibt Balzano das Leben seines Helden im heiteren Tonfall, doch die Härten des Alltags am Rande der Gesellschaft werden keinesfalls verschwiegen. Ein paar Jahrzehnte später kommt Ninetto zu den Unterkünften, in denen er einst strandete: "Der Bienenstock war noch genauso hässlich, wie ich ihn 1960 verlassen hatte. Völlig heruntergekommen, die Fassade noch grauer geworden vom Rauch aus dem hohen Schlot. Rundherum standen allerdings nicht mehr reihenweise Fabriken und Industriehallen, sondern Sozialwohnungsblocks und stillgelegte Betriebe. In den Riesenkästen wohnten keine armen Schlucker aus Süditalien mehr, sondern Araber, Chinesen, Schwarze, die vor dem Elend, dem stürmischen Meer, der italienischen Polizei geflüchtet waren."

Marco Balzano: Das Leben wartet nicht, aus dem Italienischen von Maja Pflug, Diogenes Verlag, 300 Seiten, ISBN 978-3-257-86307-9.

Jean-Luc Seigle: Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

Auch der französische Autor Jean-LucSeigle blickt in seinem neuen Roman "Ich schreibe Ihnen im Dunkeln" durch die Augen seiner Protagonisten zurück auf Ereignisse, die Jahre zurückliegen. Auch dieser Roman basiert auf wahren Ereignissen. 1953 wurde die 23jährige Pauline Dubuisson in Frankreich in einem spektakulären Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie hatte ihren Freund Félix getötet. Die Geschichte, die hinter dieser Tat steht, erzählt Seigle in seinem ungemein fesselnden Buch, indem er die Protagonistin scheinbar selbst zu Wort kommen lässt.

Pauline lebt nach Verbüßung ihrer Haftstrafe unter falschem Namen in Marokko, ihr neuer Freund Jean drängt zur Hochzeit. Doch davor schreckt Pauline zurück. Auch Jean müsste sie von dem erzählen, womit schon Félix nicht zurechtgekommen ist: Während der deutschen Besatzung in Frankreich arbeitete sie in einem Lazarett, der deutsche Oberarzt war ihr Geliebter. Nach dem Krieg wurde Pauline, wie andere junge französische Frauen auch, die ein Verhältnis mit einem "boche" hatten, kahlgeschoren, als Verräterin gebrandmarkt und von den eigenen Landsleuten grausam malträtiert. Jean-Luc Seigles Roman ist ein eindringliches Buch über die wahren Geschichten hinter der offiziellen Geschichte. Erschütternd in seinen Details, klug in seiner literarischen Perspektive. Indem Seigle Pauline eine Stimme gibt, rückt er vieles zurecht, was sich eingebrannt hat in der französischen Nationalseele. Der Fall wurde von Henri-Georges Clouzot 1960 Unter dem Titel "Die Wahrheit" mit der jungen Brigitte Bardot verfilmt. Der Film spielt auch in dem Roman "Ich schreibe Ihnen im Dunkeln" eine wichtige Rolle. 

Jean-Luc Seigle: Ich schreibe Ihnen im Dunkeln, aus dem Französischen von Andrea Spingler, Beck Verlag, 207 Seiten, ISBN 978-3406697180.

Christine Wunnicke: Katie

Um Wahrheit im Dunkeln geht es ebenfalls in ChristineWunnickes neuem Roman "Katie". Auch dieses Buch bezieht sich auf zwei verbürgte Persönlichkeiten und spinnt auf Grundlage von authentischen Geschehnissen Geschichte und Geschichten weiter. Sir William Crookes war im 19. Jahrhundert ein anerkannter englischer Physiker und Chemiker, dem die Menschheit einige wichtige Entdeckungen zu verdanken hat. So gelang Crookes unter anderem der Nachweis radioaktiver Strahlen. Doch Crookes hatte auch einen Hang zur Parapsychologie, im viktorianischen England eine beliebte Beschäftigung oberer Gesellschaftsschichten.

Und da stößt der Leser dann auf die andere Figur in Wunnickes ironisch zwischen Wissenschaft und Spuk changierendem Roman. Florence Cook, ein Medium, das längst verstorbene Persönlichkeiten wieder zu Gestalt verhalf, wird in Wunnickes Buch zum Gegenpart des Wissenschaftlers. Der verhalf dem Medium Florence damals zu Beachtung und Anerkennung, indem er deren Phantom-Erscheinung detailliert beschrieb und ihr damit ein wissenschaftliches Gütesiegel verlieh. Florence Cook "verwandelte" sich in jener Jahren immer wieder in eine walisische Piratenbraut, jene Katie King, die dem Roman seinen Titel verleiht. Wunnicke hat eine skurrile Episode aus den Randbereichen der Wissenschaft ausgegraben und daraus einen sehr witzigen und ironischen Text gefertigt. Ein Vergnügen für all jene Leser, die es schon immer gereizt hat, hinter die sichtbare "Wahrheit" zu schauen.

Christine Wunnicke: Katie, Berenberg Verlag, 176 Seiten, ISBN 978-3-946334-13-2.

Cynan Jones: Alles, was ich am Strand gefunden habe

Sehr handfest geht es dagegen im Roman von CynanJones zu. Jones kommt aus Wales, wo ebenjene Katie King aus Wunnickes Roman ihr Unwesen trieb. An der rauen Atlantikküste hat der Autor seine Handlung angesiedelt. Jones stellt dem Leser zwei Männer vor: den polnischen Arbeitsemigranten Grzegorz und den einheimischen Fischer Holden; der eine arbeitet in einem Schlachthaus, der andere verdient sich sein Geld als Hochseefischer; beide können eigentlich nicht von dem leben, was sie verdienen, beide haben ihren Frauen und Partnerinnen ein besseres Leben versprochen. Durch einen Zufall kommen sie an eine große Menge Kokain, dieses zu verkaufen würde ihre finanziellen Probleme auf einen Schlag lösen. Doch es kommt, wie es kommen muss: Die Sache geht schief.

"Alles, was ich am Strand gefunden habe", ist einer jener Romane, die vor allem von ihrer Sprache und einer düster-melancholischen Grundstimmung leben: ein Roman über Männer in einer schier ausweglosen Situation. Wichtiger als Handlungsverlauf und Figurenarsenal ist die poetische Beschwörung einer starken Atmosphäre. Sätze voller eindringlicher Bilder treiben den Roman voran: "Während er das Kaninchen am Boden festhielt, funkelte das Mondlicht einen Moment lang in der dunklen Masse des Tierauges wie das schimmernde Innere einer Muschel, eine glänzende Scherbe, ein Stückchen des Mondes." Nächtliche Jagdsituationen, Tiere und Menschen, Auge in Auge, der Mensch als Spielball der Elemente. Ein Männer-Roman, fest verwurzelt in der angelsächsischen Literaturtradition.

Cynan Jones: Alles, was ich am Strand gefunden habe, aus dem Englischen von Peter Torberg, Liebeskind-Verlag, 238 Seiten, ISBN 978-3-95438-074-9.

David Garnett: Mann im Zoo

Zum Schluss noch eine wunderbare literarische Wiederentdeckung. DavidGarnett, von dem der Leser im vergangenen Jahr schon den erstaunlichen Roman "Dame zu Fuchs" aus dem Jahre 1922 lesen konnte, schrieb zwei Jahre später "Mann im Zoo". Auch das wieder eine kleine funkelnde Perle der englischen Literatur aus den Zwischenkriegsjahren. Auch hier fügte der englische Schriftsteller David Garnett (1892 - 1981) das Genre des Eheromans mit einer Tierfabel zusammen.

Das junge Paar John Cromartie und Josephine Lackett geraten während eines Zoobesuchs in Streit. Statt der geplanten Heirat steht nun die Trennung bevor. John beschließt dem Elend zu entkommen, indem er sich um einen Käfig im Zoo bewirbt. Als Menschenwesen zwischen Orang-Utans und Schimpansen zeigt er sich künftig den anfangs skeptischen, dann faszinierten und begeisterten Zoo-Besuchern: "Homo sapiens, Mensch, männlich. Dieses in Schottland geborene Exemplar ist eine Schenkung des John Cromartie, Esq. an die Zoologische Gesellschaft. Die Besucher werden gebeten, den Menschen nicht durch persönliche Bemerkungen zu reizen." - So steht es auf einem Schild vor Cromarties neuem Heim. Garnetts große Kunst besteht darin, dieses so unvorstellbare wie skurrile Szenario als ganz selbstverständlich darzustellen. Ein schmaler Roman, der ungemein witzig und hintergründig unterhält und der uns Lesern viel von der Absurdität des Lebens hinter und vor dem Käfig erzählt.

David Garnett: Mann im Zoo, aus dem Englischen von Maria Hummitzsch, Dörlemann Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-03820-040-6.

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