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Europa

Fünf-Milliarden-Euro-Mann vor Gericht

Zweieinhalb Jahre nach Bekanntwerden des größten französischen Bankenskandals muss sich der ehemalige Händler Jérôme Kerviel vor Gericht verantworten. Der frühere Trader der Société Générale steht in Paris vor Gericht.

Fußgänger vor einer Filiale der französischen Bank Société Générale in Paris (Foto: ap)

Frankreichs größter Bankenskandal traf die Société Générale

Er ist der Mann, der für einen der größten Bankenskandale der Geschichte gerade stehen muss. Der Fünf-Milliarden-Euro-Mann. Der Skandalhändler. Jérôme Kerviel.

Prozessauftakt in Paris

Am Dienstag (08.06.2010) trat der 33-jährige Franzose in Paris vor die Richter. Er muss sich dafür verantworten, der Société Générale durch ungenehmigte Spekulationsgeschäfte einen Schaden von fast fünf Milliarden Euro zugefügt zu haben. Wie ein "Gauner", "Betrüger" und "Terrorist" wirkt Kerviel nicht. Eher wie eine Mischung aus "idealer Schwiegersohn" und Tom Cruise.

Ex-Bankchef Daniel Bouton (Foto: ap)

Ex-Bankchef Bouton 'stolperte' über die Affäre

Seinem ehemals obersten Chef, Christian Bouton, fallen aber nur negative Bezeichnungen für den Ex-Händler ein. Kein Wunder, Bankchef Bouton wurde seinen Job durch den vor gut zwei Jahren aufgeflogenen Skandal los.

Vorwurf: Missbrauch des Kontrollsystems

Die Société Générale wirft Kerviel vor, sein Wissen über die Kontrollsysteme des Unternehmens missbraucht zu haben, um seine waghalsigen Geschäfte zu verschleiern. Die Anklage wirft ihm Vertrauensbruch, Fälschung und unbefugte Nutzung von Computersystemen vor.

Kerviel hatte vor zehn Jahren in der Großbank just in der Abteilung angefangen, die für interne Kontrollen zuständig ist, im sogenannten Middle Office. Fünf Jahre später wurde er Händler - und begann darauf zu wetten, wie Aktienindizes steigen oder fallen würden. Seine Spekulationen verschleierte er nach Angaben der Bank durch "extrem ausgefeilte und wechselnde Techniken". Wie das ging, wusste er ja bestens aus seiner Anfangszeit.

Mit 50 Milliarden Euro spekuliert

Über das Jahr 2007 soll Kerviel dann aufs Ganze gegangen sein und sein Spekulationsgebilde auf knapp 50 Milliarden Euro aufgeblasen haben. Als die Bank dies merkte, verkaufte sie seine Positionen - mitten in die Börsenkrise hinein - auf einen Schlag, um noch Schlimmeres zu verhindern. Ergebnis: 4,9 Milliarden Euro Verlust.

"Wir haben das alle gemacht, wir waren darauf trainiert, wir wurden dafür bezahlt", sagt Kerviel, der nicht versteht, wieso er als einziger vor Gericht gestellt wird und der sich als Sündenbock fühlt. "Es ging mir vor allem darum, Geld für die Bank zu verdienen." Dass er immense Risiken einging, habe jeder im Handelsraum gewusst. Seine Vorgesetzten seien nicht eingeschritten, weil er der Bank große Summen eingebracht habe.

Jérôme Kerviel im März 2008(Foto: ap)

Als Fünf-Milliarden-Euro-Mann schrieb Kerviel bittere Geschichte

"Erinnerungen eines Händlers"

Kerviel ließ seine Verteidigungsstrategie bereits in Medienauftritten und seinem vergangenen Monat erschienenen Buch "L'Engrenage: Mémoires d'un Trader" ("Die Spirale: Erinnerungen eines Händlers") erkennen. Darin stellte er sich als einfacher Mann dar, der mitgerissen wurde, als ein Sündenbock der Bank, als ein Opfer eines außer Rand und Band geratenen Banksystems. Die Bank dementierte diese Darstellung.

Der 33-jährige Sohn eines Metallarbeiters und einer Friseurin ist in der Provinz aufgewachsen und hat nicht die übliche elitäre Ausbildung genossen, die sonst für solche Händlerposten Voraussetzung ist. Trotzdem schaffte er es, ein Schwergewicht der Bankenwelt vorzuführen und dessen schwache Kontrollmechanismen offen zu legen.

Freispruch oder Haft?

Kerviel wird von dem Staranwalt Olivier Metzner verteidigt. Dieser kündigte an, er werde auf Freispruch plädieren. Metzner will Dokumente vorlegen, die die Mitwisserschaft der Bank beweisen.

Der Prozess gegen Kerviel soll bis zum 25. Juni dauern. Dem 33- Jährigen drohen wegen Untreue, Dokumentenfälschung und der Manipulation von Computerdaten bis zu fünf Jahre Haft.

Autorin: Marion Linnenbrink (afp, apn, dpa)
Redaktion: Reinhard Kleber

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