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Bücher

Fünf literarische Klassiker zum neuen Jahr

Gute Bücher altern nicht - Klassiker lesen ist wieder "in". Zum Abschluss unserer Reihe mit Buchempfehlungen präsentieren wir Ihnen nun fünf Klassiker für den literarischen Start ins neue Jahr.

Wiederentdeckungen, Wiederauflagen, Neuübersetzungen - das ist inzwischen ein beständiges, dauerhaftes Element auf dem Buchmarkt. Vor allem in unserer schnelllebigen Zeiten haben viele Leser den Wert der Klassiker wiederentdeckt. Oft sind es Neuübersetzungen, die auf den Markt gebracht werden. Nicht selten werden aber auch Romane und Erzählungen von bekannten Schriftstellern erstmals übersetzt. Und schließlich kommen Bücher bereits verstorbener Autoren heraus, die plötzlich von bestürzender Aktualität sind.

Iwan Bunin: Frühling, Erzählungen 1913

Genau zwanzig Jahre nach der Niederschrift dieser Erzählungen bekam Iwan Bunin in Stockholm den Literaturnobelpreis - als erster russischer Schriftsteller. Geschrieben und veröffentlicht wurden sie im Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die hohe literarische Ehre erhielt Bunin im Jahr der Machtergreifung durch die Nazis. Das Werk des Jahrhunderterzählers Bunins (1870 - 1953) wird seit einigen Jahren in einer sehr schön gestalteten Werkausgabe vom Schweizer Dörlemann Verlag herausgebracht.

Die 14 Texte in diesem Band gehören mit zu seinen schönsten Prosaarbeiten. Bunin war ein klassischer Erzähler, der sich vom Modernismus der Zeit abwandte. Vielleicht ist das auch gerade ein Grund dafür, dass diese Prosa die Jahrzehnte so gut überstanden hat. Thomas Grob, Slawistik-Professor in Basel, schreibt im Nachwort: "Im Kern seines eigenen Werks stehen die überzeitlichen Fragen der menschlichen Existenz. Bunins Anspruch ist maximal - er will das Kleinste, Alltäglichste in präziser Schärfe ebenso zeigen wie das Größte, Weiteste, für das es keine Sprache mehr gibt. Jedenfalls keine, die man als realistisch bezeichnen könnte."

Iwan Bunin: Frühling, Erzählungen 1913, Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg, Dörlemann Verlag, 288 Seiten, ISBN 9783038200314.

Karel Čapek: Der Krieg mit den Molchen

Auf den ersten Blick nicht realistisch ist auch Karel Čapeks Klassiker "Der Krieg mit den Molchen", erschienen 1936. Man kann den Text als Science-Fiction-Parabel einordnen und trifft ihn damit doch nicht ganz. Čapek erzählt von einer zunächst kaum verbreiteten Molchart, die, weil mit Intelligenz ausgestattet, von den Menschen zu niederer Arbeit gezwungen wird. Doch die Molche vermehren sich stark und breiten sich über die ganze Welt aus. Und irgendwann sind sie den Menschen ebenbürtig - die Folge ist ein Krieg. Čapeks kluges Buch zeigt sehr genau und dabei satirisch und mit schwarzem Humor, was hinter dem Streben nach Macht sowie Wissen ohne Ethos steckt. "Der Krieg mit den Molchen" wurde drei Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs veröffentlicht und die Menschen lasen das Buch damals, wie es auch gemeint war: als Warnung vor Faschismus und anderen Diktaturen.

Der Verlag "Edition Büchergilde" hat den Roman jetzt als Reprint der von Hans Ticha illustrierten Buchausgabe wiederaufgelegt. Ticha schuf 1989, als in Europa ein neues Zeitalter begann, ein wahres Buchkunstwerk mit Zeichnungen, Bildern, Drucken, verschiedenen Schriftarten. "Eines der schönsten Bücher der deutschen Buchgeschichte, das dem polyphonen Anspielungsreichtum des Romans kongenial entspricht", kommentierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Und so ist "Der Krieg mit den Molchen" nicht nur ein schönes Buch, sondern auch - leider, angesichts der derzeitigen Weltlage - ein höchst aktuelles.

Karel Čapek: Der Krieg mit den Molchen, aus dem Tschechischen von Eliška Glaserová, Edition Büchergilde, 334 Seiten, illustriert von Hans Ticha, ISBN 9783 864060779.

Fjodor Dostojewskij: Aufzeichnungen aus dem Abseits

Über die Aktualität von Dostojewskijs Kurzroman "Aufzeichnungen aus dem Abseits" sollte jeder Leser selbst entscheiden. Der russische Schriftsteller schrieb den Text in den Jahren 1862 bis 1864, er hat zwei Teile, wobei der erste eigentlich der Kommentar zum zweiten ist: Ein etwa 40-jähriger namenloser Mann befindet sich in einem unwirtlichen Raum und erklärt dem Leser sein Weltbild, ein Monolog über die Verlogenheit der Menschen. Felix Philipp Ingold, verantwortlich für die jetzt vorliegende Neuübersetzung, schreibt im Nachwort: "Bei dem als Vorrede präsentierten Nachtrag handelt es sich um eine Selbstdarstellung des Erzählers - seiner Person, seiner Weltauffassung, seiner Sinnsuche, seiner Gebrechen und Sehnsüchte, seiner Zweifel und seiner Verzweiflung." Im zweiten Teil des Romans blickt der Erzähler dann konkret auf Ereignisse, die ihn schließlich dazu gebracht haben, eben jene pessimistisch-düstere Weltsicht zu entwickeln. Gleichzeitig lässt Dostojewskij den Leser aber immer wieder auch zweifeln, ob denn diese Bekenntnisse des Mannes aus dem Abseits nicht ein einziges eitles, lügenhaftes Geschwätz darstellen.

Dostojewskijs Roman ist schon mehrfach ins Deutsche übertragen worden. Ingold hat nun, wie er es ausdrückt, "im Unterschied zu früheren Eindeutschungen (…) vorrangig auf die sprachliche beziehungsweise stilistische Eigenart der 'Aufzeichnungen' geachtet, um der ungewöhnlichen Rhetorik des Erzählers optimal gerecht zu werden." Über Ingolds neue Dostojewski-Übersetzung ist in der literarischen Übersetzer-Szene schon ein heftiger Streit entbrannt. Schon der neu gewählte Titel stieß auf Irritationen, wurde der Roman in Deutschland bisher unter dem Titel "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" oder auch "Aufzeichnungen aus dem Untergrund" bekannt. 

Fjodor Dostojewskij: Aufzeichnungen aus dem Abseits, aus dem Russischen von Felix Philipp Ingold, Dörlemann, 256 Seiten, ISBN 9783038200321.

E. M. Forster: Die Maschine steht still

Auch die Menschen in E. M. Forsters schmaler Erzählung "Die Maschine steht still" leben im Untergrund, in den Kellerverliesen einer Welt der Zukunft. Die Erdoberfläche ist von Umweltkatastrophen zerstört (zumindest glauben das die meisten Menschen). Versorgt wird die Menschheit von einer allumfassenden Maschine, die Nahrung, Informationen und andere Lebensnotwendigkeiten bereitstellt. Persönlicher Kontakt zwischen den Menschen ist eigentlich nicht mehr vorgesehen, theoretisch aber möglich. Man kommuniziert über Bildschirmtelefone. Forster stellt uns nur zwei Personen vor, eine Mutter, die sich mit der neuen Welt identifiziert und deren Sohn, der aufbegehrt. Das ist schon alles, was uns der große englische Schriftsteller auf knapp 80 Seiten bietet.

Und doch: Was für ein packender und vor allem visionärer Text! "Die Maschine steht still" wurde 1909 geschrieben, die Menschheit war im Fortschrittsrausch. Verblüffend die Parallelen zum Heute. Denn Forsters Maschine ist nichts anderes als das Zusammenspiel von Facebook, Google, Amazon und Co. Der Verlag "Hoffmann und Campe", der das Büchlein jetzt wiederveröffentlicht hat, wirbt mit einem Zitat des amerikanischen Friedenspreisträgers und Internet-Pioniers Jaron Lanier: "Die Erzählung 'Die Maschine steht still', 1909 veröffentlicht - also Jahrzehnte, bevor es die ersten Computer gab -,ist vermutlich die früheste und wahrscheinlich auch heute noch treffendste Beschreibung des Internets. Wie E. M. Forster das gemacht hat, bleibt sein Geheimnis." Dem ist nichts hinzuzufügen - eine großartige literarische Wiederentdeckung!

E. M. Forster: Die Maschine steht still, aus dem Englischen von Gregor Runge, Hoffmann und Campe, 80 Seiten, ISBN 9783455405712.

Constance de Salm: 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Nach all den utopischen Blicken in die Zukunft, den Dystopien und düsteren literarischen Gegenwartsanalysen zum Schluss ein Blick in die Seele des Menschen, zudem der einzige Klassiker in unserer kleinen Auswahl, der von einer Frau verfasst wurde. Dabei war Constance de Salm (1767 - 1845) eine gebildete Frau, politisch interessiert und engagiert in Sachen Gleichberechtigung. Sie lebte in Paris und im Rheinland, lud zu einem bekannten literarischen Salon in der französischen Hauptstadt ein und pflegte Kontakte zu Geistesgrößen der Zeit wie Alexander von Humboldt oder Stendhal.

Doch ihr Briefroman "24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau" gewährt vor allem einen tiefen Blick in die Seele einer von Eifersucht zerfressenen adeligen Dame. Der geliebte Mann scheint nach einem Konzert mit einer Nebenbuhlerin entschwunden. Das stürzt die Protagonistin in tiefste Verzweiflung. Um Ein Uhr in der Früh an einem Mittwoch beginnt sie nun zu schreiben, 46 Briefe werden es am Ende sein, verfasst innerhalb von 24 Stunden, bis in die Morgenstunden des darauffolgenden Donnerstags. Seelenpein und Seelenqual offenbaren sich, Verzweiflung und Schmerz - doch Constanze de Salm war eine großartige Schriftstellerin und so bleibt es nicht bei der Nabelschau: "Im Subjektiven spiegelt sich demnach vor allem das Allgemeine, was heißt, dass wir wenig Grund haben, uns mit unseren einzigartigen Gefühlen allzu einzigartig vorzukommen", schreibt der Autor Karl Heinz Ott in seinem ausführlichen wie klugen Nachwort.

Constance de Salm: 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau, aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Hoffmann und Campe, 128 Seiten, ISBN 9783 455405897.

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