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Kultur

Fünf Jahre Holocaust-Denkmal

Die Idee entstand in einer Zeit, als Deutschland noch geteilt war. Realisiert wurde das Denkmal für die ermordeten Juden Europas erst 2005. Eine lange Geschichte mit Happy End.

Luftaufnahme des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas. (Foto: AP)

Am Anfang stand eine Bürgerinitiative. Treibende Kräfte waren der Historiker Eberhard Jäckel und die Publizistin Lea Rosh. Ihr Anliegen: ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas im Land der Täter, in der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin. Als die Idee im Winter 1989 in einem Aufruf öffentlich gemacht wurde, stand in Berlin noch die Mauer. Wenige Monate später fiel sie unter dem Druck der ostdeutschen Bevölkerung, die sich in einer friedlichen Revolution aus der kommunistischen Diktatur befreite. In der anfänglichen Euphorie über die sich anbahnende Wiedervereinigung Deutschlands geriet die Denkmal-Idee zunächst in Vergessenheit.

1992: Kanzler Kohl stellt Standort in Aussicht

Im Frühjahr 1992 schloss sich die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl der Initiative an und stellte ein Gelände direkt neben dem Berliner Wahrzeichen, dem Brandenburger Tor, als Standort für das Denkmal in Aussicht. Einem Holocaust-Denkmal mitten in der deutschen Hauptstadt stand nichts mehr im Wege. Es vergingen dann trotzdem weitere 13 Jahre bis zur feierlichen Einweihung am 10. Mai 2005.

Lea Rosh während der Grundsteinlegung für das Holocaust-Denkmal im Jahre 2003. Sie steht auf einem Podest, hinter ihr ein großflächiges Foto, auf dem das künftige Denkmal zu sehen ist. Vom Betrachter aus links stehen zahlreiche Ehrengäste. (Foto: Förderkreis Denkmal)

Lea Rosh spricht auf der Grundsteinlegung für das Holocaust-Denkmal im Jahre 2003.

Andernorts war man da schon längst viel weiter. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem wurde 1953 gegründet, 40 Jahre später entstand das Holocaust Memorial Museum in Washington. Im Land der Täter, das bis 1945 geschätzte sechs Millionen Juden ermordet hat, dauerte es 60 Jahre bis zur feierlichen Eröffnung eines eigenen Denkmals. Nicht der Staat setzte sich ursprünglich dafür ein, sondern eine kleine Gruppe engagierter Bürger um die Journalistin und Publizistin Lea Rosh. Um drei Dinge sei es ihnen gegangen, erinnert sie sich: "Wir wollten an die Tat erinnern, die Ermordeten ehren und ihnen ihre Namen zurückgeben."

1999: Bundestag beschließt Bau des Denkmals

Was heute wie selbstverständlich mitten im Regierungsviertel Millionen Besucher aus dem In- und Ausland anzieht, war bis zum Frühsommer 1999 heftigst umstritten. Dann entschied sich der damals noch in Bonn ansässige Bundestag, eine Stiftung zur Errichtung des Holocaust-Denkmals zu gründen. Knapp 28 Millionen Euro wurden bereitgestellt, um das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Am Ende entstand ein rund 19.000 Quadratmeter großes Areal, auf dem exakt 2711 grau eingefärbte Beton-Stelen stehen. Darunter befindet sich der "Ort der Information", tausende Schicksale ermordeter Juden sind hier dokumentiert.

Im Raum der Namen wird individuell an die Ermordeten Juden Europas erinnert. Die Namen werden an die Wand projiziert. (Foto: Stiftung Denkmal/SDJE)

Raum der Namen im unterirdischen "Ort der Information".

Dem Bau vorausgegangen waren zahlreiche Architekten-Wettbewerbe, Anhörungen und Ausstellungen. Bauherr war die Bundesrepublik Deutschland, die in Person des jeweiligen Parlamentspräsidenten auch den Vorsitz des Stiftungskuratoriums übernimmt. Auf den Sozialdemokraten Wolfgang Thierse folgte der Christdemokrat Norbert Lammert. Nach seinem Verständnis sollte die historische Entscheidung über das Holocaust-Denkmal ein Signal an die Welt aussenden, dass Deutschland sich seiner Schuld und Verantwortung bewusst sei.

2005: Das Holocaust-Denkmal ist fertig

Architekt des Denkmals ist der US-Amerikaner Peter Eisenman. Seit der Eröffnung des Denkmals im Mai 2005 war er nicht mehr im Stelenfeld. Auf den unterirdischen "Ort der Information" hätte er damals lieber verzichtet. Heute ist er froh, dass es diese Möglichkeit gibt, mehr über Opfer und Orte der Vernichtung zu erfahren. Dass die Deutschen ein Holocaust-Denkmal nötig hatten und haben, daran besteht für Eisenman kein Zweifel. Es sei zwar sehr ungewöhnlich für einen Amerikaner zu sagen, es sei seine Absicht gewesen, den Deutschen ihre Erinnerung zurückzugeben. Das klinge ziemlich herablassend, räumt Eisenman ein. "Aber ich glaube, wäre ich Deutscher gewesen, hätte ich das Gleiche getan und genauso empfunden."

Der Architekt des Holocaust-Denkmals, Peter Eisenman, steht im Mai 2010, fünf Jahre nach der Eröffnung, im Stelenfeld. (Foto: dpa)

Architekt Peter Eisenman: "Den Deutschen die Erinnerung zurückgeben."

Das nach seinen Plänen schließlich gebaute Denkmal war Eisenmans zweiter Entwurf. Den ersten hatte er gemeinsam mit dem Bildhauer Richard Serra gestaltet, der sich dann aus dem Projekt zurückgezogen hat. Mit dem endgültigen Ergebnis ist Eisenman mehr denn je zufrieden. Er sei sehr stolz auf das, was er und seine Mitstreiter geleistet hätten. Dabei habe es eine Menge Streit und Rückschläge gegeben. Lea Rosh sei es gewesen, die das Team davor bewahrt habe, aufzugeben. Schritt für Schritt sei man dann vorangekommen, blickt der Denkmal-Architekt zurück. "Inzwischen verblassen diese Dinge und sind Geschichte, jetzt geht es um die Gegenwart und die Zukunft", sagt Eisenman.

2010: Risse in den Beton-Stelen

Für Schlagzeilen sorgte Anfang des Jahres die Meldung, das Holocaust-Denkmal sei baufällig. Zahlreiche Risse ziehen sich durch die Stelen, eine Folge des harten Winters, so scheint es. Eine Sanierung ist unausweichlich. Wer dafür aufkommen muss, ist noch unklar, sagt der Direktor der Denkmal-Stiftung, Uwe Neumärker. Nun soll geklärt werden, wie es zu den gravierenden Baumängeln kommen konnte und wer die Verantwortung dafür übernehmen muss. Zugleich erhofft sich Neumärker Hinweise darauf, wie die Stelen am besten saniert werden könnten. Lange werde es so oder so dauern, befürchtet der Stiftungs-Direktor. "Aber es fällt nichts auseinander", betont Neumärker. Anderenfalls müsste das Stelenfeld auch geschlossen werden.

Portrait-Foto des Stiftungs-Direktors Uwe Neumärker. (Foto: Stiftung Denkmal/SDJE)

Stiftungs-Direktor Uwe Neumärker: "Es fällt nichts auseinander."

Einsturzgefahr besteht also nicht, eher Sturzgefahr für die Besucher des offen zugänglichen Denkmals, das von Manchen seit jeher auch für andere Zwecke genutzt wird als die Erinnerung an den millionenfachen Mord an den europäischen Juden. Mitunter sonnen sich Leute auf den Stelen. Denkmal-Initiatorin Lea Rosh reagiert darauf gelassen und gibt gut gemeinte Ratschläge. "Ich gehe dann zu ihnen hin und sage ihnen, die Liegewiese ist im Tiergarten." So heißt der Park auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Geradezu gerührt sei sie von den Reaktionen jener Kinder und Jugendlicher, die sich auf dem Denkmal-Gelände wie auf einem Spielplatz bewegen und von einer Beton-Stele zur nächsten hüpfen. Denen sage sie dann, sie sollten das woanders machen. Gleichzeitig gebe sie ihnen den Tipp, sich doch mal den unterirdischen "Ort der Information" anzuschauen und sich anschließend gemeinsam darüber zu unterhalten. "Das ist dann immer erstaunlich, wie beeindruckt die sind. Sie hätten eine Menge gelernt, sagen sie dann oft", freut sich Lea Rosh.

Zeitzeugen-Gespräche 65 Jahre nach Kriegsende

Als Lernort eignet sich das Holocaust-Denkmal ohnehin bestens. Während das Stelenfeld mit seinen engen, unebenen Gassen eher die Gefühle der Besucher anspricht, haben im unterirdischen "Ort der Information" auch Kultur- und Bildungsangebote ihren Platz. Dazu gehören Ausstellungen, Workshops, Lesungen und Konzerte. Dabei besteht auch 65 Jahre nach Kriegsende ab und zu die Chance, hoch betagte Holocaust-Überlebende zu treffen. Wenn Zeitzeugen mitten im Denkmal von ihrem Schicksal erzählen, tun sie das dort, wo bis 1945 unter anderem die Dienstvilla des NS-Reichspropagandaministers Joseph Goebbels stand.

Autor: Marcel Fürstenau

Redaktion: Conny Paul