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Asien

Fünf Jahre Frauenquote in Afghanistan

Frauen in der Politik – das konnte sich in Afghanistan lange niemand vorstellen. Doch dann kam 2005 die Quote. Nun sind mehr als ein Viertel der Abgeordneten im Parlament Frauen. Was hat sich seither verändert?

Afghanische Frau spricht vor Männern (Foto: AP)

Frauenpower - seit 2005 gibt es im afghanischen Parlament die Frauenquote

Sakina Husain ballt ihre schmalen Hände zu Fäusten. "Die Ehefrauen und Töchter der Fundamentalisten leiden besonders unter dem Terror. Die Öffentlichkeit muss mehr aus dem Leben dieser Frauen erfahren", schreit sie in das Mikrofon auf dem Rednerpult vor sich. Die 30-Jährige sitzt im Provinzrat von Herat im westlichen Afghanistan. Junge engagierte Politikerinnen wie sie sind inzwischen fast täglich im afghanischen Fernsehen zu sehen.

68 Quoten-Frauen

Siddiqa Mobarez (Foto: Siddiqa Mobarez)

Siddiqa Mobarez hat gekämpft und es zum zweiten Mal ins Parlament geschafft

Frauen in der Politik – das war in Afghanistan lange nahezu unmöglich. Als die Taliban an der Macht waren, haben Frauen in Afghanistan ein Schattendasein geführt. Sie durften weder studieren noch arbeiten. Viele lebten wie Gefangene im eigenen Haus. Inzwischen sind im Parlament in Kabul von 249 Sitzen 68 für Frauen reserviert. Das wurde 2005 in der Verfassung verankert. Die Quote gilt auch für die über 30 Provinzräte des Landes. Nach den Wahlen im September dieses Jahres sind 69 Frauen ins Parlament eingezogen - eine mehr als vorgeschrieben.

Siddiqua Mobarez aus der zentralafghanischen Provinz Wardak hat es schon zum zweiten Mal auf die Abgeordnetenbank geschafft. Für sie waren die letzten Parlamentswahlen ein klarer Erfolg für die Frauen, denn die meisten von ihnen seien wiedergewählt worden. "Wenn eine Frau eine Familie leiten kann, dann kann sie auch die Gesellschaft leiten. Wir sind sehr fähig und wir wollen Veränderung", sagt Mobarez.

Weibliche "Stars" mit großen Zielen

Wahlplakat (Foto: Siddiqa Mobarez)

Offensiv werben sie für sich und ihre Ziele - seit 2005 treten immer mehr Frauen bei Wahlen an

Das Wort "Veränderung" hatten 2010 viele Politikerinnen auf die Wahlplakate geschrieben. Über 400 Frauen kandidierten für die letzten Parlamentswahlen. Das sind rund 70 mehr als noch vor fünf Jahren. Eine von ihnen ist Fauzia Kofi. Die junge Parlamentarierin und Frauenrechtlerin gilt als ’progressiver’ Star unter den afghanischen Politikerinnen. Sie kämpft gegen sexuellen Missbrauch von Frauen und Diskriminierung. "Ich will irgendwann einmal in einer Gesellschaft leben, in der es keine Bürger erster und zweiter Klasse gibt. Ich möchte, dass es keine Diskriminierung mehr aufgrund von Geschlecht, ethnischen oder sprachlichen Unterschieden gibt", sagt Kofi.

Frauen in der Politik gelten als ’unanständig’

Der Kampf um Gleichberechtigung gelingt den Frauen nur teilweise, sagt Afghanistan-Forscherin Andrea Fleschenberg. Für eine Studie der Heinrich-Böll-Stiftung hat sie 91 afghanische Parlamentarierinnen interviewt. Viele der Frauen seien absolute Neulinge in der Politik, so die Politikwissenschaftlerin. "Einmal fehlen ihnen Qualifikationen und Erfahrungen, um ihr Mandat ausüben zu können. Und gleichzeitig sehen sie sich in einem Umfeld operieren, in dem vieles sehr intransparent ist. Da ist es natürlich schwer, eigene Interessen durchzubringen." Hinzu komme, dass die Politikerinnen wenig miteinander kooperierten, so die Forscherin. Andere Frauen scheitern an der traditionellen Gesellschaft. Konservative Afghanen denken immer noch, dass Frauen in der Politik nichts zu suchen haben - gar 'unanständig' sind. Diese Ablehnung hat die Abgeordnete Siddiqa Mobarez beim letzten Wahlkampf zu spüren bekommen. "Es wurde verbreitet, dass es eine Sünde sei, für eine weibliche Kandidatin abzustimmen. Sie haben es sogar geschafft, unsere Familien gegen uns aufzubringen", sagt sie.

Auch im Parlament würden viele Männer die weiblichen Abgeordneten nicht ernst genug nehmen, sagt Fauzia Kofi. Die Frauen würden sogar gezielt schikaniert.

"Wir hatten nicht ausreichend Redezeit im Parlament. Es wurde versucht, unseren Ruf zu schädigen und wir wurden bedroht", so die Politikerin. Im Frühjahr ist Kofi selbst nur knapp einem Anschlag entkommen. Taliban hatten versucht, ihr Auto in die Luft zu jagen.

Gleichberechtigung in kleinen Schritten

Frauen in Burka (Foto: Karim Jawed)

Frauen müssen sich weiterbilden, um noch mehr in der Politik erreichen zu können, sagen Experten

Trotz aller Hindernisse gibt es heute so viele Frauen wie nie zuvor in der afghanischen Politik. Aber hat die Frauenquote auch zu einer Stärkung der Frauenrechte im Land geführt? "Man kann nicht erwarten, dass innerhalb von einer Legislaturperiode eine Quotenregelung Jahrzehnte von Benachteiligung von Frauen aushebeln kann", sagt Afghanistan-Forscherin Fleschenberg.

Deutliches Lob kommt von einem Mann: Die Frauen hätten in den vergangenen fünf Jahren viel erreicht, sagt Aziz Rafiee vom Afghan Civil Society Forum, einer Nichtregierungsorganisation in Kabul. Als Beleg nennt er ein Gesetz zur Eliminierung von Gewalt gegen Frauen. Auch das Mindestalter für die Ehe sei auf 16 Jahre heraufgesetzt worden. Außerdem würden die Bürger den Frauen inzwischen mehr vertrauen als vielen männlichen Politikern, so Rafiee: "Einer der Gründe ist, dass die Frauen nicht an den Kriegen und der Ungerechtigkeit der letzten drei Jahrzehnte beteiligt waren."

Bildung als Zukunftsschlüssel

Damit die Frauen in Zukunft mehr an Einfluss gewinnen, müssten sie besser ausgebildet werden, sagt Politikwissenschaftlerin Fleschenberg. Sie schlägt Seminare vor, in denen die Frauen lernen, wie islamische Gesetzgebung funktioniert. Dabei könnte auch ein Austausch mit Frauenorganisationen aus anderen muslimischen Ländern helfen. "Es besteht immer noch Deutungshoheit der männlichen geistlichen Führer oder Politiker, wenn es darum geht, inwieweit bestimmte Gesetze in Einklang mit der Religion stehen", so Fleschenberg. Die traditionelle afghanische Gesellschaft wird sich so schnell nicht ändern, glaubt die Forscherin. Doch mit der Frauenquote sei ein erster wichtiger Schritt zu mehr Gleichberechtigung gemacht.

Autorin: Julia Hahn

Redaktion: Miriam Klaussner / Claudia Hennen