Fünf gegen Erdogan | Europa | DW | 04.05.2018
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Wahl in der Türkei

Fünf gegen Erdogan

Amtsinhaber Recep Tayyip Erdogan hat vorgezogene Präsidentschaftswahlen ausgerufen, um seine Position als Präsident der Türkei zu stärken. Wir stellen seine Herausforderer für die Wahl am 24. Juni vor.

Türkei Erdogan kündigt Neuwahlen an (Reuters/M. Cetinmuhurdar)

Siegesgewiss: Recep Tayyip Erdogan

Der Social-Media-Star der Opposition: Muharrem Ince

Der Kandidat der mitte-links gerichteten Republikanischen Volkspartei (CHP), Muharrem Ince, ist ein entschiedener Kritiker der Regierungspartei AKP. Ince ist einer der türkischen Politiker, die über ausgesuchte politische Scharfsinnigkeit und eine spitze Zunge verfügen. Einige seiner Reden im türkischen Parlament, die sich gegen Erdogan oder die Regierungsbilanz der AKP richteten, gingen viral - sie wurden mehr als eine Million Mal auf der Videoplattform Youtube angesehen.

Der 54-jährige ehemalige Physiklehrer ist seit 16 Jahren Abgeordneter. 2014 und noch einmal 2018 trat er in seiner Partei gegen den aktuellen Vorsitzenden Kemal Kilicdaroglu an, jedoch erfolglos. Trotz der parteiinternen Rivalitäten stimmten alle Parteimitglieder für seine Nominierung zur Präsidentschaftswahl. Ince spricht säkulare und städtische Wählergruppen an. Sollte es zu einer Stichwahl kommen, scheint es aktuellsten Umfragen zufolge wahrscheinlich, dass Ince derjenige ist, der gegen Erdogan antreten könnte.

Die neue Führerin: Meral Aksener

Sie wurde schon als türkische "Eiserne Lady" betitelt. Meral Aksener gilt auch als ernstzunehmende Herausforderin von Erdogan, sollte der Gewinner nicht nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl feststehen. Akseners politischer Aufstieg begann 1995. Sie war eine enge Vertraute der ersten Frau im Ministerpräsidentenamt, Tansu Ciller. Aksener war in Cillers Kabinett Innenministerin.

Die 61-Jährige steht für nationalistische und konservative Ideen in Verbindung. 1997 bezeichnete sie den Führer der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, Abdullah Öcalan, als "armenische Brut". Sie entschuldigte sich später und sagte, dass sie Armenier im Allgemeinen meinte. Diese Worte blieben an ihr haften.

Aksener war in den vergangenen 16 Jahren eine Führungsperson der nationalistischen MHP-Partei. Als sie mit der Politik des Parteiführers Devlet Bahceli nicht mehr einverstanden war, führte sie eine Opposition innerhalb der Partei an, bis sie schließlich ausgeschlossen wurde. Im Oktober vergangenen Jahres gründete sie die IYI-Partei ("Gute Partei"). Ihre Partei siedelt sich im Mitte-rechts-Spektrum an, verfolgt eine säkulare, konservative Ideologie und stellt sich entschieden gegen die absolute Dominanz von Erdogans AKP.

Der inhaftierte Kandidat: Selahattin Demirtas

Für seine Unterstützer ist Selahattin Demirtas ein Schwergewicht im stark polarisierten politischen Umfeld. Für seine Kritiker hat er Verbindungen zur verbotenen PKK.

Der charismatische Politiker hatte bei der ersten direkten Präsidentenwahl 2014 einen Achtungserfolg gegen Erdogan errungen und die HDP bei der Parlamentswahl im Juni 2015 erstmals ins Parlament geführt. Dies hatte Erdogans AKP die Mehrheit gekostet und Demirtas die Feindschaft des Präsidenten eingebracht. Nur ein Jahr später verlor der 45-jährige kurdische Politiker seine parlamentarische Immunität und kam wegen des Vorwurfs "Verbreitung von Terrorpropaganda" ins Gefängnis.

Während er hinter Gittern ist, wird er nicht in der Lage sein, selbst Wahlkampf zu betreiben. Die pro-kurdische HDP nutzt aber jedes Mittel wie soziale Netzwerke, um seiner Stimme Gehör zu verschaffen. Sein Team wirbt auf Twitter: "Wählt den Attraktivsten."

Der unerwartete Kandidat: Temel Karamollaoglu

Er ist vermutlich die größte Überraschung der bevorstehenden Wahl: Temel Karamollaoglu, der von seinen Unterstützern "der weise Mann" genannt wird. Er ist ein Verfechter der Tradition des "politischen Islam" in der Türkei und ein Gegner der Westbindung des Landes.

Die Wurzeln seiner Partei liegen bei der Wohlfahrtspartei des ersten islamistischen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan. Nachdem sich Erbakans Partei aufspaltete, ging daraus in den frühen 2000er Jahren Erdogans AKP hervor. Die sogenannten "Traditionalisten" verfolgten fortan ihre Ansichten unter Karamollaoglu in der Glückspartei (Saadet).

Während seiner Zeit als Bürgermeister der Stadt Sivas wurden dort bei einer Konferenz im Jahr 1993 linke Intellektuelle, zumeist Aleviten, von islamischen Fundamentalisten angegriffen. Bei dem Feuer kamen 37 Menschen ums Leben.

Karamollaoglus Chancen auf den Sieg der Präsidentschaftswahl sind gering. Nach jüngsten Umfrageergebnissen könnte der 77-Jährige allerdings eine willkommene Option für religiöse Konservative sein, die von Erdogan und seiner AKP desillusioniert sind.

Der erste Kandidat: Dogu Perincek

Antreten wird außerdem der Vorsitzende der kleinen links-nationalistischen Vatan-Partei, Dogu Perincek. Er war der erste Politiker, der seine Kandidatur für diese Wahl erklärte. Ihm werden nur geringe Chancen eingeräumt, auch wenn er wegen eines Prozesses gegen die Schweiz zuhause und über die türkischen Grenzen hinaus Bekanntheit erlangte. Dabei ging es um Perinceks Weigerung, den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen und diesen als "internationale Lüge" zu bezeichnen.

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