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Aktuell Deutschland

Führte menschliches Versagen zum Zugunglück?

In einer Kurve krachen zwei Pendler-Züge ineinander. Die erschütternde Bilanz des Unglücks: Mindestens zehn Tote und viele Verletzte. Und die Frage: Wie konnte das passieren? Die Ermittler haben einen Verdacht.

Die Ursache für den Unfall auf der Mangfalltalbahn im oberbayerischen Bad Aibling ist nach wie vor nicht geklärt. Die Strecke wird mithilfe des "Punktförmigen Zugbeeinflussungssystems" kontrolliert – "ein System, das automatisch dafür sorgen soll, dass das Aufeinandertreffen von Zügen nicht stattfindet, indem Züge zwangsgebremst werden, wenn sie unberechtigt auf einer Strecke sind, Signale überfahren oder Ähnliches", schilderte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt. Das System war erst in der vergangenen Woche ohne Auffälligkeiten im Rahmen einer Routineuntersuchung kontrolliert worden.

Erste Ermittlungen deuten möglicherweise auf menschliches Versagen hin. Der Grund für das Unglück sei offenbar eine "verhängnisvolle Fehlentscheidung" eines Bahnmitarbeiters, berichtet das Redaktionsnetzwerk Deutschland, dem mehr als 30 Tageszeitungen angehören. Ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd wollte sich nicht dazu äußern: Die Ermittlungen würden noch viel Zeit in Anspruch nehmen.

"Komplett auseinandergerissen"

Bei dem schwersten Zugunglück in Bayern seit gut 40 Jahren sind mindestens zehn Menschen ums Leben gekommen. Zwei Nahverkehrszüge waren im morgendlichen Berufsverkehr auf der eingleisigen Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim frontal ineinander gekracht. Dabei wurden 18 Menschen schwer und 63 Reisende leicht verletzt, wie die Polizei mitteilte. Mindestens ein Opfer werde zunächst noch vermisst und in den Trümmern vermutet.
Punktförmige Zugbeeinflussung (PZB): Das Sicherungssystem stoppt Züge bei der Fahrt über ein Haltesignal automatisch. In Deutschland dürfen Strecken ohne diese Sicherungstechnik mit maximal 100 km/h befahren werden. (Foto: Peter Förster picture-alliance/dpa/P.Förster)

Punktförmige Zugbeeinflussung (PZB): Das Sicherungssystem stoppt Züge bei der Fahrt über ein Haltesignal automatisch. In Deutschland dürfen Strecken ohne diese Sicherungstechnik mit maximal 100 km/h befahren werden.

Als die Züge am Morgen gegen 6.45 Uhr zusammenstießen und sich die Triebwagen ineinander verkeilten, entgleiste einer der Züge und mehrere Waggons kippten zur Seite. "Der eine Zug hat sich förmlich in den anderen hineingebohrt und die Kabine des zweiten Zuges komplett auseinandergerissen", berichtete Verkehrsminister Alexander in Bad Aibling betroffen. "Das sind Bilder, die einen natürlich auch sehr stark emotional belasten, weil man sich nicht vorstellen kann, dass solche Unglücke auch bei uns vorkommen können."

Unwegsames Gelände erschwert Bergung

Die Bergungsarbeiten gestalten sich extrem schwierig, weil die Unglücksstelle in einem Waldstück an einer Hangkante neben dem Flüsschen Mangfall liegt. Ein Großaufgebot von rund 700 Rettungskräften mit zahlreichen Hubschraubern und Krankenwagen kümmert sich um die Verletzten. Hilfe kam selbst aus Österreich. Hubschrauber brachten die Schwerverletzten in Krankenhäuser, wo sämtliche planmäßigen Operationen sofort abgesagt wurden, um Kapazitäten für die Versorgung der Opfer zu schaffen. Die zahlreichen Leichtverletzten wurden zunächst in einer Sammelstelle versorgt. Die Bevölkerung wurde zum Blutspenden aufgerufen.

Gemeinsamer Besuch der Unfallstelle: Bayerns Bundesverkehrsminister Dobrindt (l.) und Innenminister Herrmann. (Foto: REUTERS/Michael Dalder)

Gemeinsamer Besuch der Unfallstelle: Bayerns Bundesverkehrsminister Dobrindt (l.) und Innenminister Herrmann

"In Gedanken bin ich auch bei den zahlreichen Verletzten, die mit den Folgen des Unglücks ringen", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Nachdem die Ausmaße des Unglücks im Laufe des Vormittags immer größer wurden, sprachen zahlreiche Politiker aus dem In- und Ausland den Opfern und deren Angehörigen ihr Mitgefühl aus. Auch Russlands Präsident Wladimir Putin und der französische Premierminister Manuel Valls schlossen sich den guten Wünschen an. Die beiden großen Kirchen in Deutschland erbaten "Gottes Beistand und Trost".

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer betonte: "Das ist eine Tragödie für unser ganzes Land, die uns mit Trauer und Entsetzen erfüllt." Der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft Bayerische Oberlandbahn, Bernd Rosenbusch, betonte: "Wir tun alles, um den Reisenden, Angehörigen und Mitarbeitern zu helfen." Er zeigte sich ebenso erschüttert wie Vertreter des Mutterkonzerns Transdev, der Deutschen Bahn und der Eisenbahnergewerkschaft EVG.

Weniger Passagiere dank Faschingsferien

Aus Respekt vor den Opfern sagte die CSU den traditionellen Politischen Aschermittwoch ab. Auch SPD, Grüne und Linke begründeten den Verzicht auf die traditionellen Kundgebungen in Bayern mit dem Respekt vor den Opfern des Zugunglücks. Der Politische Aschermittwoch lebe "von der Auseinandersetzung und dem Schlagabtausch der Parteien", erklärte Bayerns SPD-Chef Florian Pronold. "Dafür ist heute und morgen kein Raum."

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Schweres Zugunglück in Oberbayern

In den Zügen auf dieser Strecke sitzen morgens zahlreiche Pendler, von denen viele weiter nach München fahren. Zum Glück seien ausgerechnet am Unglückstag keine Schüler in den Zügen gewesen, sagte ein Polizeisprecher - in Bayern sind derzeit Faschingsferien. Die 37 Kilometer lange Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim wurde nach dem Unglück komplett gesperrt. Die Züge waren in einer langgezogenen Kurve auf dem vier Kilometer langen Abschnitt zwischen den Bahnhöfen Kolbermoor und Bad Aibling-Kurpark in der Nähe des Klärwerks von Bad Aibling zusammengestoßen. Dort dürfen sie maximal 100 Stundenkilometer fahren. Weil die beiden Lokführer sich aufgrund der Kurve erst sehr spät sehen konnten, gehen die Fachleute davon aus, dass die Züge "mit sehr hoher Geschwindigkeit" zusammenstießen. Wann die Strecke wieder geöffnet wird, ist zunächst unklar.

Die Bergung der Trümmer wird aber wohl mehrere Tage dauern, da die Stelle so schwer zugänglich ist. Ermittler versuchen nun, die Ursache des Unglücks zu ermitteln. Es soll auch Thema im Bundestag werden - der Verkehrsausschuss wird sich voraussichtlich bereits in der nächsten Sitzungswoche damit beschäftigen. "Es ist klar, dass alles getan wird, um das restlos aufzuklären", betonte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Schließlich müssten Konsequenzen für die Zukunft gezogen werden. "Auch wenn es die 100-prozentige Sicherheit nie geben kann, müssen wir alles dafür tun, um menschliches wie technisches Versagen so weit wie möglich auszuschließen."

pab/rb (afp, dpa, epd, rtrd)

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