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Wissen & Umwelt

Führt Gentechnik zu mehr Tierversuchen?

Eine von den Grünen in Auftrag gegebene Studie warnt: Es gibt immer mehr Versuche mit gentechnisch veränderten Tieren. Aber das ist nur das halbe Bild. Zuletzt gingen die Zahlen von Tierversuchen sogar wieder zurück.

Zwischen 2004 und 2013 hat sich die Zahl der Versuche mit gentechnisch veränderten Tieren wie Mäusen und Ratten, aber auch Rindern und Schweinen, fast verdreifacht, wie es in einer neuen Studie im Auftrag der Bundestagsfraktion der Grünen heißt. 2013 seien so 947.019 Gentech-Tiere in Versuchen "verbraucht" worden. Erstellt wurde die Studie vom Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie (Testbiotech) in München.

Die Zahlen zeigen indes nur ein unvollständiges Bild. "Insgesamt sind die Zahlen der für Tierversuche in Deutschland benutzten Tiere rückläufig", sagt der Vorstandsvorsitzende des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz Gemeinschaft, Martin Lohse, gegenüber der Deutschen Welle.

Seit 2013 weniger Tierversuche

Zwar hat die Zahl an Tierversuchen nach der Jahrtausendwende zugenommen, aber dieser Trend kehrt sich offenbar wieder um. Die Senatskommission für tierexperimentelle Forschung der Deutschen Forschungsgemeinschaft berichtet, dass es im Jahr 2013 einen Rückgang um drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr gegeben habe und im Jahr 2014 sogar um 6,6 Prozent. "Unter den Versuchstieren steigt aber der Anteil der gentechnisch veränderten Tiere, vor allem Mäuse, an", sagt Professor Lohse. Das sei auch sinnvoll: "Diese Tiere ermöglichen es, menschliche Krankheiten besser nachzubilden als das zuvor möglich war."

Insgesamt wurden im Jahr 2014 in Deutschland 2,798 Millionen Tiere für wissenschaftliche Zwecke getötet. Das entspricht 0,35 Prozent aller in Deutschland getöteten Tiere - etwa für die Fleischproduktion. Allerdings ist zu beachten, dass Tierversuche ab 2015 aufgrund der Umsetzung einer EU Richtlinie anders erfasst werden als zuvor. Daher sind die Zahlen nicht ohne weiteres miteinander vergleichbar.

Krebszelle (Imago/ Science Photo Library)

Die individualisierte Krebsmedizin zeigt Fortschritte etwa beim Lungenkrebs. Ohne Tierversuche wäre sie nicht denkbar.

Leiden genveränderte Tiere mehr?

Die Studie von Testbiotech betont, dass gerade die gentechnische Veränderung von Säugetieren "in jedem Fall" zu Leiden und Schmerzen führe. Für die Erzeugung einzelner gentechnisch veränderter Tiere müssten demnach "hohe Tierverluste" in Kauf genommen werden, da viele Tiere aufgrund von Gen-Defekten nicht lebend geboren werden oder aber getötet werden müssen, weil sie krank sind. Erfolgreich gentechnisch veränderte Tiere litten oft lebenslang an ihren gewollten oder ungewollten Gen-Defekten.

Professor Lohse hält dem entgegen, dass gerade die Züchtung genetisch veränderter Tiere zum Wohle von Patienten gerechtfertigt sei, weil nur so bestimmte Forschungsergebnisse zu erzielen seien. "Zum Beispiel kann man mit diesen Methoden Tiere erzeugen, die wie alte Menschen eine chronische Herzschwäche entwickeln. An diesen Tieren kann man neue Behandlungsmethoden erproben, bevor man sie bei Probanden und Patienten anwendet."

Aufwändige Genehmigungsverfahren

Das Tierschutzgesetz setzt der Forschung enge Grenzen. Jeder Tierversuch durchläuft ein aufwändiges Genehmigungsverfahren, in dem die fachliche Begründung des Vorhabens ebenso behördlich geprüft wird wie die persönliche Eignung der Forscher und die Eignung der Forschungseinrichtung.

Universitäre und akademische Forschungseinrichtungen haben zudem eigene, von den Forschergruppen unabhängig arbeitende Ethikkommissionen, die jedes einzelne Forschungsvorhaben darauf hin prüfen, ob es auch ohne Tierversuche auskommen könne.

"Tierversuche sind derzeit wissenschaftlich gesehen unverzichtbar und werden vom Gesetzgeber auch verlangt", betont der Molekularmediziner Lohse. "Überall auf der Welt - und auch bei uns - versuchen Forscher, die Zahl der Tierversuche zu reduzieren und geeignete Ersatzmethoden zu finden. Auch wenn es hierbei wichtige Fortschritte gab, fehlen noch für viele Erkrankungen solche Ersatzmethoden".

Alzheimer-Maus an der Berliner Charite (Foto: picture alliance/ Rolf Kremming)

Mäuse lassen sich mit einer Alzheimer-Veranlagung züchten. Das bringt Erkenntnisse über den Ursprung der Demenz.

Ist die Grundlagenforschung für die Katz?

Trotz millionenfachen Tierleids sei der gewünschte Durchbruch zur Bekämpfung von menschlichen Krankheiten durch die Forschung an transgenen Tieren bislang nicht erreicht worden, kritisierte hingegen die Tierschutz-Sprecherin der Grünen, Nicole Maisch, anlässlich der Studienveröffentlichung. Seit mehr als 20 Jahren werde an gentechnisch veränderten Schweinen für Organspenden geforscht. Dies habe bislang keinen Nutzen für die Humanmedizin gebracht, sagte Maisch.

"Diese Aussage entspricht nicht den Tatsachen", erwidert dagegen Professor Lohse im Gespräch mit der DW. So habe es zum Beispiel messbare Erfolge in der Krebsforschung gegeben. "Krebserkrankungen beruhen meist auf bestimmten genetischen Fehlern, die man in Mäusen nachbilden kann", sagt der Mediziner. "Der so entstehende Krebs ist dem beim Patienten so ähnlich, wie wir es derzeit überhaupt nachbilden können. An ihm kann man untersuchen, wie der Krebs überhaupt entsteht und auch nach neuen Therapien suchen."

Viele Beispiele für Therapien

Und dabei kommen durchaus anwendbare Therapien heraus. "Kürzlich wurde ein neues biotechnologisches Arzneimittel in den USA und in Europa zugelassen, das viel bessere Resultate bei einer besonders aggressiven Form der Leukämie zeigte als alle bisherigen Behandlungsmethoden", betont Lohse. Es handelt sich dabei um ein Medikament, das auf der medizinischen Grundlagenforschung am MDC beruht.

"Ein zweites neues Medikament, das aus unserer Forschung stammt, hilft gegen eine bisher kaum behandelbare Störung der Blutgerinnung, die Von-Willebrandt-Krankheit", fügt er hinzu. Und immer wieder stoßen die Forscher bei Experimenten mit transgenen Tieren auf vielversprechende Ansätze: "Gerade beginnen Forscher bei uns, Krebs mit gentechnisch veränderten Immunzellen zu behandeln. Erste Versuche in den USA haben gezeigt, dass damit bis dahin unheilbare Leukämien sehr erfolgreich behandelt werden konnten". Und auch der riesige Bereich der personalisierten Krebsmedizin, etwa bei der Bekämpfung von Organ-Tumoren, kommt ohne Tierversuche nicht aus.