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Fußball

Führt Enkes Selbstmord zu einem Umdenken?

Noch immer steht Fußball-Deutschland unter Schock über den Selbstmord des Nationaltorwarts Robert Enke. Doch inzwischen mehren sich auch die Stimmen, die den Profi-Fußball auffordern, mit Tabus zu brechen.

Gedenkzettel für Robert Enke mit der Aufschrift: Du warst mein Idol. Warum hast du uns verlassen. Foto: AP

Die Ratvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, legte beim Trauergottesdienst für Robert Enke in Hannover den Finger in die Wunde. "Wie traurig ist es, dass jemand nicht wagen kann, über Depression und Krankheit zu sprechen, weil unsere Gesellschaft das als Schwäche ansieht?" Leid, Schwäche und Krankheit, so die Landesbischöfin, gehörten zum Leben dazu. "Dafür darf es keine Pfiffe geben."

Gefühlt wie eine Glühbirne

Sebastian Deisler bei der Pressekonferenz des FC Bayern München, bei der er 2007 seinen Rücktritt bekanntgab. Foto: dpa/picture-alliance

Deisler trat 2007 zurück

Doch genau diese Pfiffe sind Realität im deutschen Profifußball. Am eigenen Leib musste das Sebastian Deisler erleben. Deisler galt Ende der 1990er Jahre als der große Hoffnungsträger des deutschen Fußballs. Schon als 19-Jähriger wurde "Basti Fantasti" zum Werbestar aufgebaut. Immer wieder aber, ob bei Borussia Mönchengladbach, Hertha BSC oder zuletzt beim FC Bayern München, zog sich Deisler schwere Verletzungen zu. Ende 2003 wurde bekannt, dass der Nationalspieler unter Depressionen litt. "Für die anderen war ich ein Star. Aber ich habe mich gefühlt wie eine Glühbirne, die einsam von der Decke hängt. Nackt. Für jeden sichtbar. Unter mir war nichts", sagt Deisler. Als seine Krankheit öffentlich wurde, geriet der Spieler zur Zielscheibe des Spotts. Bei Auswärtsspielen der Bayern verhöhnten ihn die Zuschauer, die Boulevardpresse nannte ihn "Psycho-Deisler", die eigenen Mitspieler lästerten über "die Deislerin". Erst 27 Jahre alt, beendete Deisler Anfang 2007 entnervt seine Karriere. Heute betreibt er in Freiburg einen Laden, in dem er Produkte aus dem Himalaya verkauft.

Enkes Doppelleben

Robert Enke beim Training, hechtet nach dem Ball. Foto: AP

Nach außen alles im Griff

Deislers Beispiel dürfte Robert Enke Mahnung genug gewesen sein, die Krankheit in seinem beruflichen Umfeld lieber zu verschweigen. Enke war gezwungen, ein Doppelleben zu führen. Während er nach Angaben seines Arztes teilweise mehrere Monate lang täglich zur psychologischen Behandlung fuhr, gab sich Enke nach außen hin als jemand, der mit jedem Problem klar kommt. Von seinen Depressionen habe niemand im Nationalteam etwas geahnt, sagt Teammanager Oliver Bierhoff. "Wirklich keiner hat irgendeinen Anlass gehabt zu glauben, dass Robert Enke an dieser Krankheit leidet."

Kein Platz für Schwäche

Thomas Schaaf mit nachdenklichem Gesicht. Foto: AP

Nachdenklicher Schaaf

Depressionen gehören – wie übrigens auch Homosexualität - zu den Tabuthemen im deutschen Profifußball. "Wir bewegen uns in einer Welt, in der immer wieder Stärke, Überzeugung, Tatkraft und Energie vorausgesetzt werden", sagt Werder Bremens Trainer Thomas Schaaf. "Für eine Schwäche ist da nicht unbedingt Platz." Es gehe im Profifußball, sagt auch Enkes Ex-Trainer in Hannover, Ewald Lienen, nur darum, "dass man funktionieren soll, dass man Spiele gewinnen und seine Leistung bringen muss. Auf sich selbst und seine Mitmenschen zu achten, kommt dabei zu kurz."

Psychologe im Verein

Schaaf, Lienen und andere fordern, aus Enkes tragischem Schicksal zu lernen. "Depressionen dürfen kein Tabuthema mehr sein", sagt Holger Hieronymus, Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Die Vereinigung der Vertragsfußballer (VDV), die so etwas wie eine Gewerkschaft der deutschen Profis ist, plädiert dafür, Spieler in allen Clubs psychologisch zu betreuen. Einige Vereine wie Bayern München oder der VfL Bochum beschäftigen bereits Psychologen.

Autor: Stefan Nestler
Redaktion: Joachim Falkenhagen

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