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Deutschland

"Fühle mich als Ausländer irgendwie unsicher"

Zuzugsstopp, schrille Rufe nach deutscher Leitkultur: Die Integrationsdebatte spaltet die Gesellschaft. Wie fühlen sich Einwanderer dabei? Wir haben Kollegen aus unseren Fremdsprachen-Redaktionen gefragt.

Symbolbild Integration (Foto: dpa)

Wohin führt diese Debatte noch?

Loay Mudhoon: Defizitäre Sicht auf Deutschland

Immer wieder erlebe ich sie, diese fast euphorische Bewunderung vieler arabischer Gesprächspartner für Deutschland: Für das Wunder des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, für die großartige Integrationsleistung im Zuge der Deutschen Einheit –

und neuerdings für die begeisternden Auftritte der neuen deutschen, multi-kulturell vielfarbigen, Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in Südafrika. Die Stimmung war einfach toll.

Doch von dieser tollen Stimmung ist seit der nüchternen, ja fast banalen Feststellung des Bundespräsidenten, dass der Islam auch zu Deutschland gehöre, nichts mehr übrig geblieben. Seitdem tobt eine fast hysterische Debatte über die bevorstehende "Abschaffung" Deutschlands aufgrund angeblich gescheiterter Integration muslimischer Einwanderer munter weiter. Dabei werden alle sozialen Probleme der Einwanderer kulturalisiert, ethnisiert und mit "dem" rückständigen Islam erklärt.

Doch in diesem Zerrbild erkenne ich (wie wahrscheinlich die meisten deutschen Muslime) weder mich, noch dieses Land, noch meine Religion wieder. Bedenklich finde ich vor allem die Versuche, eine "christlich-jüdische Identität" gegen den Islam in Stellung zu bringen oder gar als "Leitkultur" zu postulieren.

Denn diese Konstruktion blendet das Erbe der Aufklärung aus, fördert einfache Erklärungsmuster und zielt auf Ausgrenzung der Muslime ab, die dem sozialen Frieden schadet. Auch aus diesem Grund kann nur das Grundgesetz unser Leitbild und die Grundlage unseres Zusammenlebens sein. Auf diese freiheitlich-demokratische Grundordnung können wir alle, "Bio-Deutsche" und Deutsche mit Migrationhintergrund, stolz sein, aber nicht auf die jetzige defizitäre Sicht auf Deutschland.

Loay Mudhoon lebt seit 17 Jahren in Deutschland. Er ist Redakteur in der arabischen Redaktion der deutschen Welle und Redaktionsleiter von Qantara.de – Dialog mit der islamischen Welt.

CSU-Chef Horst Seehofer (Foto: dapd)

Vor allem CSU-Chef Horst Seehofer zündelt mit seinen Einwanderungs-Thesen

Samira Nikaeen: In Deutschland nicht mehr willkommen

Die aktuelle Debatte über die Integration macht mich einerseits traurig und andererseits unsicher. Traurig, weil ich glaube: Äußerungen, wie die von Herrn Seehofer oder Herrn Sarrazin geben Ausländern das Gefühl, dass sie hier in Deutschland nicht willkommen sind. Wenn ein deutscher Politiker ganz klar sagt: Dieses Land sei "kein Zuwanderungsland". Und: Der Zuzug Hochqualifizierter sei "ausreichend geregelt" - wie erwartet die deutsche Regierung, dass Fachkräfte aus anderen "Kulturkreisen" in dieses Land kommen?

Ich haben in den drei Jahren, die ich in Deutschland lebe und arbeite zwar keine richtig schlechte Erfahrung wegen meiner Herkunft gemacht, aber in den letzten Wochen fühle ich mich hier als Ausländerin irgendwie unsicher. Mit solchen Äußerungen wird in Deutschland Fremdenfeindlichkeit geschürt. Ich find es richtig, dass Immigranten die deutsche Sprache gut und verständlich sprechen müssen. Aber eines ist wichtig: Man muss sich mit Einwanderung und Integration sachlich auseinandersetzten und nicht parteipolitisch.

Samira Nikaeen hat im Iran Germanistik studiert, sie lebt und arbeitet seit drei Jahren in Deutschland. Nikaeen hat bei der Deutschen Welle volontiert und arbeitet derzeit im persischen Programm.

Angela Merkel (Foto: dapd)

Multikulti ist gescheitert, sagt die Kanzlerin

Ayse Tekin: Ich bin Integrationsverweigerer

Wenn eine "Integrationsdebatte" hoch kommt, schaue ich immer auf die Beliebtheitsskala der betreffenden Politiker/Politikerin. Das Ergebnis ist nicht überraschend: Die Werte sind meist im Keller. Vor der Integrationsdebatte. Bei der letzten Debatte habe ich beschlossen, mich nicht zu integrieren. Ich bekenne: Ich bin eine Integrationsverweigerin!

Nur, damit habe ich es schwer, denn ich werde nicht als solche wahrgenommen. Wer mir ein Kompliment machen will, sagt, dass ich ja schon als Deutsche betrachtet werde.

Dabei hat sich in meinem Leben nur eins geändert, nachdem ich beschlossen hatte, in Deutschland zu leben: Die Sprache. Ich habe die Sprache gelernt, weil es notwendig war, um hier zu leben. Sonst wäre mein Leben in meiner Geburtsstadt wahrscheinlich genauso verlaufen wie hier.

Solche wie ich werden aber nicht gern als Beispiele der Integration gezeigt. Es gibt ein vorgefasstes Bild von Integrationsverweigerern, das auch immer wieder durch die Medien gereicht wird. Wer nicht ins Bild passt, wird nicht gesehen. Nun zur Debatte. Sarrazin war noch zu verkraften, weil er sich mit seinen Argumenten zum Thema Genetik selbst diskreditiert hat. Er hat trotzdem sein Ziel erreicht, weil Seehofer und Merkel diese Debatte ausnutzten, um auf der Beliebtheitsskala wieder weiter nach oben zu kommen. Das war aber ein Schritt zu viel. Ich frage die Bundeskanzlerin: Was für eine Perspektive wollen Sie den Eingewanderten in diesem Land geben, wenn Sie in einer Tagung der Jungen Union, die Nachwuchskräfte ihrer Partei sind, solche Reden halten. Reden, die im Original schon von "Politikern" von rechts außen gehalten wurden. Der Weg, den Sie eingeschlagen haben ist gefährlich! Bitte gehen Sie uns aus der Sonne!

Ayse Tekin ist 1983 aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Sie arbeitet seit 1990 bei der Deutschen Welle, zunächst in der türkischen Redaktion, jetzt im Personalrat.

Redaktion: Manfred Götzke