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Deutschland

Förderwerk für muslimische Studenten

Ab kommendem Jahr wird ein Studienwerk Stipendien an begabte Muslime vergeben. Das erste seiner Art: In Deutschland gibt es bereits besondere Förderwerke für Christen und Juden - bislang aber nicht für Muslime.

"Wir haben uns gedacht: Jetzt muss es endlich mal jemand versuchen", sagt Siham Fet-Tahi. Die Studentin aus Offenbach ist sichtlich stolz: Zusammen mit Freunden hat sie das Studienwerk "Avicenna" gegründet und aufgebaut; ab dem Wintersemester 2014 wird es Stipendien an besonders begabte Muslime vergeben. Drei Jahre lang haben sie sich jede Woche getroffen, "teilweise auch halbe Nächte lang, wenn etwas Wichtiges anstand."

Es hat sich ausgezahlt: Am Dienstag (16.07.2013) gab das Bundesbildungsministerium in Berlin bekannt, dass es dem Studienwerk "Avicenna" in den nächsten vier Jahren rund sieben Millionen Euro zur Verfügung stellen wird, um Stipendien zu finanzieren. "Avicenna", dessen Name an einen islamischen Gelehrten des 11. Jahrhunderts erinnert, ist damit das 13. Bildungswerk, das vom Ministerium finanziert wird - neben anderen konfessionellen Organisationen oder parteinahe Stiftungen, wie etwa die Friedrich-Ebert-Stiftung. Daneben gibt es noch die Studienstiftung, die eine Aufnahme weder an politische noch religiöse Kriterien bindet.

In anderen Stiftungen unterrepräsentiert

Allerdings seien muslimische Stipendiaten, die etwa drei Prozent der Studenten in Deutschland ausmachten, in allen Stiftungen bislang "eindeutig unterrepräsentiert", sagt Bülent Uçar, Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück. Der Grund: Viele muslimische Studenten kämen aus bildungsfernen Schichten und wüssten nicht, dass es "so etwas wie eine Möglichkeit für ein Stipendium gibt." Die Hemmschwelle, sich zu bewerben, sei deshalb besonders groß. "Hinzu kommt, dass es bislang noch kein konfessionelles Förderwerk für Muslime gegeben hat."

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) sitzt zwischen Bülent Uçar (r), dem Vorsitzenden der Avicenna Stiftung, und Bernhard Lorentz, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung der Mercator Stiftung (Foto: dpa)

Bildungsministerin Wanka (Mitte): "Ein wichtiger integrationspolitischer Schritt"

Bis jetzt: Uçar, der dem Vorstand von "Avicenna" angehört, spricht deshalb von einem "wunderbaren", sogar einem "historischen Tag für die etwa vier Millionen in Deutschland lebenden Muslime." Die Etablierung eines muslimischen Begabtenförderwerkes sei ein Signal der Anerkennung und ein wichtiger Schritt hin zur Gleichbehandlung der Muslime. Auch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka lobte das neue Studienwerk als "einen weiteren wichtigen integrationspolitischen Schritt".

Keine Gelder aus dem Ausland

Warum benötigen Muslime ein eigenes, spezielles Förderprogramm, wie es bereits Christen und Juden haben? Studentin Fet-Tahi sagt, es sei wichtig, die ideelle Förderung, die neben Büchergeld und monatliche Zahlungen die Begabtenförderung ausmacht, an muslimische Studenten und ihre Bedürfnisse auszurichten. Die meisten Muslime in Deutschland hätten einen Migrationshintergrund. "Da muss man ansetzen und spezielle Programme und Förderung leisten.“ Das sieht Bülent Uçar ähnlich. Er verweist auf mögliche Seminare und Sommerakademien im Bereich "islamischer Lebensweise", bei denen sich Stipendiaten mit ihrem Glauben und ihren Werten auseinandersetzen - und zum Dialog beitragen könnten.

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Avicenna-Studienwerk für muslimische Studenten

Getragen wird die ideelle Förderung durch die private Mercator-Stiftung. Sie stellt über fünf Jahre eine Million Euro bereit - eine Art Überbrückungsgeld. Denn in Zukunft hofft der Vorstand von "Avicenna" auf Gelder von islamischen Einrichtungen und Moscheenvereinen in Deutschland, ähnlich wie bei den anderen konfessionellen Bildungswerken, die durch kirchliche Einrichtungen mitfinanziert werden. "Die Türen und Tore" der 2000 Moscheengemeinden in Deutschland seien "offen und bereit, uns bei dem ganzen Verfahren zu unterstützen." Spenden und Gelder aus dem Ausland werde das Förderwerk nicht annehmen. "Dabei wird es bleiben", so Uçar.

Auch Nicht-Muslime können gefördert werden

Die künftigen Stipendiaten werden hauptsächlich bekennende Muslime sein, das sei "schon wichtig", erklärt Uçar. Die Aufnahmekriterien für die angepeilten 400 Stipendiaten seien zwar noch nicht konzipiert worden, allerdings werde es bei der Auswahl keine Fragen zur speziellen Religionsausübung oder -praxis geben. Die Förderung werde die gesamte Vielfalt des muslimischen Lebens in Deutschland widerspiegeln, betonte Uçar. Aber auch Nicht-Muslime, die sich in ihrer Forschung mit dem muslimischen Leben in Deutschland auseinandersetzen, könnten eine Förderung erhalten.

Eine spezielle Förderung etwa für Kinder aus bildungsfernen Schichten wird es nicht geben: Allein die "Exzellenz" der Studenten sei ausschlaggebend, so Uçar, sowie ihr gesellschaftliches Engagement. Wie etwa die Hausaufgabenbetreuung in der Moschee oder das Ehrenamt in der Freiwilligen Feuerwehr. Schließlich seien Muslime längst Teil der deutschen Gesellschaft geworden, so Uçar.

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