Fällt die Esche der Erderwärmung zum Opfer? | Wissen & Umwelt | DW | 27.02.2018
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Fällt die Esche der Erderwärmung zum Opfer?

Ein Pilz, der sich in Europa ausbreitet, zerstört wertvolle Eschenwälder. Wissenschaftler versuchen fieberhaft resistente Exemplare zu finden und zu züchten - bevor der letzte Baum verschwindet.

Wie viele Generationen Möbeltischler vor ihm nutzt auch der Österreicher Christian Hinterschweiger das Holz der Esche für sein Handwerk. Die Bäume, die hier auf dem Sandstein der Alpen und der Steiermark wachsen, sind bekannt für ihr besonders stabiles und flexibles Holz. 

Mit diesen Eigenschaften eignen sie sich besonders gut für Möbel und Musikinstrumente, aber auch für Sportgeräte. Hinterschweiger stellt deshalb seit 2011 auch Ski aus Esche von Hand her. In seiner Werkstatt in Bad Mitterndorf stehen die Ski in verschiedenen Produktionsstadien an der Wand aufgereiht. Sie alle haben einen Kern aus dem flexiblen Holz, um das, Schicht auf Schicht geleimt, der Ski entsteht. 

Bei einem kühlen Bier erklärt Hinterschweiger, warum er auf Esche setzt: “Es lässt sich gut verarbeiten, erhitzen und biegen. Außerdem hat es die richtige Kombination aus Stabilität und Flexibilität", sagt er und befestigt ein schmales, fein geädertes Stück Holz in seiner Ski-Presse. "Holz zu verwenden ist nachhaltig. Und besonders beim Skisport sind wir doch direkt in der Natur, das ist perfekt. So ein Ski mit Holzkern fügt sich perfekt hinein, man kann spüren, dass er aus einem natürlichen Material gemacht ist."

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Und das Geschäft im Skigebiet läuft gut. Immerhin ist die Gegend hier so etwas wie eine schneesichere Oase, um die herum die Welt immer wärmer wird. Laut Hinterschweiger hat sich das Skibauen zu einem lukrativen Nebenverdienst entwickelt. Er plant sogar, sich zu vergrößern. Während der Bereich von großen, multinationalen Konzernen bestimmt wird, ist Hinterschweiger zu einer Art nachhaltigem Paradebeispiel für erfolgreiches Wachstum avanciert.

Foto: Ski aus Holz (Quelle: DW/B. Berwyn)

Im Kern aus Esche - das Holz der Bäume gilt als besonders stabil und flexibel

Damit das Geschäft funktioniert, braucht es aber eine sichere Versorgung mit Baumaterial. Das könnte zum Problem werden. Denn ein Pilz, der sich in Österreich und Europa breit macht, setzt den Eschen immer mehr zu. Innerhalb von nur zwanzig Jahren könnten mehr als 90 Prozent der Eschen des Landes verschwinden, schätzen Experten. Und als ob der Pilz nicht reicht, ist auch der Asiatische Eschenprachtkäfer dabei, den Bestand zu dezimieren.

Mehr Fragen als Antworten

Was den Pilz gerade jetzt dazu bringt, sich in Europa auszubreiten, kann niemand mit Sicherheit sagen. Klare Beweise, dass die Erderwärmung Schuld daran habe, gebe es nicht, sagt der Waldforscher Thomas Kirisits auf einem Spaziergang durch den Wiener Stadtwald. Was nicht heiße, dass man in Zukunft keine Beweise finden könnte, ergänzt er. Im Augenblick stehe aber die Frage im Mittelpunkt, wie man die Art retten könne.

An der Schwarzenbergallee zeigt der Forscher auf einen Gruppe von Eschen. Hier hat er 2007, als einer der ersten, den tödlichen Pilz nachgewiesen. Der bildet im Sommer tassenförmige, weiße Köpfchen auf herumliegenden Ästen. Nachdem man die Art bestimmen konnte, haben Forscher deren Ursprung zurückverfolgt. Am Ende stießen sie auf eine Eschenart in Polen, die bei bei einem Ausbruch vor zwanzig Jahren immun gegen den Pilz war.

"Es gibt nach wie vor mehr Fragen als Antworten und wir haben keine Zeit, alle zu klären", sagt Kirisits. "Wir müssen jetzt handeln." Und Kirisits ist es gelungen, wenigstens ein paar Exemplare der Bäume zu finden, die ebenfalls immun gegen den Pilz sind. Sie können der Schlüssel dazu sein, die Bäume zu retten. Seit einigen Jahren ist er mit einem Team dabei, diese resistenten Exemplare voranzubringen.

Nachhilfe in Sachen Umwelt-Geschichte

Sollte er Erfolg haben, könnten Wald-Manager und Forscher in den kommen Jahrzehnten die Wälder wieder aufforsten. Andere Ansätze, etwa den Pilz zu vernichten, sind kaum erfolgversprechend. Dazu ist er zu erfolgreich, seine Sporen verteilen sich schnell und effektiv in alle Winde.

Kirisits geht davon aus, dass in Europa nur zwischen einem und drei Prozent der Bäume eine genetisch verankerte Widerstandsfähigkeit haben. Selbst dieser geringe Wert ist spekulativ, weil manche Bäume in einem Jahr nicht befallen werden, im nächsten aber schon.

Foto: Nahaufnahme einer Esche, grüne Blätter und Stamm (Quelle: picture-alliance/dpa)

Was gerade jetzt den Pilz dazu bringt, sich in Europa auszubreiten, ist noch ungeklärt

In Dänemark, einem der Länder, in denen der Pilz am heftigsten zugeschlagen hat, sollen bereits mehr als 90 Prozent der Eschenpopulation verschwunden sein, zeigen Studien. Und die Plage kommt immer weiter voran. Allein in den vergangenen zehn Jahren hat sich der Pilz durch Frankreich nach Irland und Spanien im Westen des Kontinents ausgebreitet. Im Süden ist inzwischen ein Großteil des Balkans betroffen und Italien bis weit hinab zu seiner Stiefelspitze. Nicht anders geht es den Benelux-Staaten, dem Baltikum und den südlichen Rändern Skandinaviens.

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Deshalb sind Experimente, auch Genforschung, notwendig um überhaupt eine Basis für eine Erholung der Bestände zu haben. Dabei kann auch die Öffentlichkeit helfen. Kirisits und seine Kollegen hoffen auf vielfältige genetische Variationen, wenn ihnen Menschen Orte melden, an denen noch einzelne gesunde Bäume in einer ansonsten wüsten Umgebung stehen.

In den vergangenen Jahren haben österreichische Wissenschaftler zwei Baumschulen aufgebaut, in denen sie tausende Setzlinge züchten und überwachen. Nach ihrem Alter sortiert stehen sie hier, teils gezogen aus Samen, teils aus Baumschnitt. Allein in diesem Jahr werden 23.399 Eschen-Setzlinge getestet, sagt Kirisits. Auch in anderen europäischen Ländern gibt es vergleichbare Ansätze, um widerstandsfähige Pflanzen zu finden.

Dazu werden einige Exemplare mit dem Pilz infiziert. Erweisen sie sich als resistent, werden sie paarweise mit anderen zusammengebracht. Auf diese Weise sollen mehr Samen entstehen, die Eschen hervorbringen, die dem Pilz nicht zum Opfer fallen. Es könnte 15 bis 20 Jahre harter Arbeit brauchen, damit eine ausreichende Zahl Setzlinge verfügbar ist, um gesunde Wälder zu ermöglichen. Aber der Aufwand kann sich lohnen, wenn am Ende die Art erhalten werden kann.

Foto: Baum auf einem Feld im Morgengrauen (Quelle: imago/imagebroker)

Zehntausende Setzlinge werden in diesem Jahr getestet - widerstehen sie dem Pilz, bilden sie die Basis für die Eschen von morgen

Das gilt auch weltweit. Wälder müssen widerstandsfähiger werden, um die sich verändernden Umweltbedingungen auszuhalten, ob es nun die globale Erwärmung ist oder ein Schädling.

Der Kiefernkäfer ist ein weiteres Beispiel. Ihm sind in den frühen 2000er Jahren in Nordamerika Millionen Hektar Küsten-Kiefern zum Opfer gefallen. Die Baumforscherin Diana Six hat die Exemplare genetisch untersucht, die die damalige Epidemie überlebt haben.

Der österreichische Ansatz, die Esche zu retten, könnte auch in ihrer Region genutzt werden, um Wälder vor Gefahren wie Pilzen oder Käfern zu schützen, sagt sie.

"Um Wälder widerstandsfähiger zu machen, müssen wir offen sein für radikale Denkweisen. Die Förderung der genetischen Fähigkeiten der Wälder zur Anpassung ist der beste Weg, um mit Insekten oder Pilzen fertig zu werden, die sich unter globaler Erwärmung ausbreiten können."

Wenn man die genetischen Marker kennt, die einen Baum vor Krankheitserregern schützen können, unterstützt man damit den natürlichen Prozess der Evolution, sagt sie. Förster können so Bäume züchten und pflanzen, die Käfer und andere Schädlinge überleben.

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